Kaum ist man mal ein Wochenende nicht da, schon bricht der Hochsommer aus. Das ist dann auch eigentlich das völlig falsche Wetter für das Album der Woche, denn das ist eher was für kalte graue Novembertage. Allerdings wurde es vor genau 25 Jahren veröffentlicht, also muss man jetzt da durch.
Die Vorgeschichte, wie ich über meinen damaligen WG-Mitbewohner Lacrimosa kennengelernt habe, hatte ich vor zwei Jahren schon beschrieben, und da hatte ich auch schon erwähnt, dass ich das 1999 erschienene „Elodia“ für die beste Scheibe der Band halte. Das sehe ich immer noch so, und dementsprechend ist auch klar, dass dies nun das Album der Woche ist.
Dass wie üblich in ein schwarzweiß gezeichnetes Cover verpackte Album ist ein Konzeptalbum über eine auseinanderbrechende Beziehung in drei Akten, bestehend aus insgesamt acht Songs, viele davon mit Überlänge von bis zu 14 Minuten. Neben den üblichen Instrumenten wie Keyboards, Gitarre, Schlagzeug und dem Gesang von Tilo Wolff und Anne Nurmi gibt es hier nun auch noch die orchestrale Vollbedienung in Form des London Symphony Orchestra, was wegweisend für die weitere Arbeit der Band war.
Das Album beginnt mit Am Ende der Stille, einer ausufernden getragenen Nummer von acht Minuten mit starkem Fokus auf klassische Instrumente und Piano. Auf klassische Songschemata wird verzichtet, stattdessen muss man sich das Stück eher wie ein Werk aus der klassischen Musik erarbeiten.
Deutlich konventioneller kommt das folgende Alleine zu zweit daher. Hier kommt vorrangig Rockinstrumentierung zum Einsatz, diverse Flötentöne und ähnliches untermalen die Sache nur und verleihen mehr Tiefe. Die beiden Stimmen von Tilo und Anne zeigen den Kontrast, das Ende der Gemeinsamkeit („einsam, gemeinsam, wir haben verlernt uns neu zu suchen“).
Song Nummer drei kombiniert nun Streicher mit wilden Schlagzeugeskapaden und einem anklagenden Text – Halt mich. Die beiden „Strophen“ kann man eigentlich nicht als solche bezeichnen, so richtig Fahrt nimmt die Nummer erst im Refrain auf – wenn man diesen als solchen bezeichnen kann – die Bridge („Das Leben brennt mir von der Seele, die Sehnsucht erfüllt nur tapfer ihren Zweck“) zum Refrain („Halt mich, mein Leben, halt mich!“) mit ihrer dicken Streicherinstrumentierung erzeugt jedenfalls noch immer Gänsehaut bei mir, und dann folgt ein kurzes klassisches Zwischenspiel, danach übernehmen die elektrischen Gitarren und das Stück kulminiert in der finalen Wiederholung des Refrains. Ein kurzes und intensives Highlight des Albums.
Das letzte Stück des ersten Aktes nennt sich The Turning Point und beginnt mit einem kurzen finnischen Gedicht. Während Halt Mich von Tilo gesungen wird, darf hier nun Anne den Gesang beisteuern. Das ist die einzige englischsprachige Nummer des Albums, sehr viel lebensbejahender wird der Text davon aber auch nicht 😉
Akt zwei beginnt mit Ich verlasse heut‘ Dein Herz. Das bei dem Titel keine Musik für eine Sommerpoolparty zu erwarten ist, sollte klar sein. Tatsächlich wird der Achtminüter von einer Basslinie getragen, über den sparsame Pianoklänge gelegt werden, gefolgt von dezenten Streicherteppichen und einem intensiven Text von Tilo. Und wenn vor dem finalen Textabschnitt zu den Zeilen „Ich danke Dir für all die Liebe, ich danke Dir in Ewigkeit“ das Schlagzeug einsetzt, dann ist das großes Breitwand-Bombastkino – und da sind erst drei von acht Minuten rum. Es folgt ein geschmackvolles Gitarrensolo, dass David Gilmour kaum besser hinbekommen hätte (aber der spielt mit deutlich weniger Verzerrung). Eine super Nummer für alle Momente, wo man mit Liebeskummer auf dem Bett liegt und ins Kissen heult.
Das folgende Dich zu töten fiel mir schwer setzt nun wieder verstärkt auf eine Mischung von Orchesterklängen und verzerrter Gitarre. Der Gesang, der im vorherigen Song noch schwach und zerbrechlich klang, wird hier garstig und fies. Ebenfalls großes Kino, aber ein anderes Filmgenre.
An vorletzter Stelle des Albums steht die längste Nummer, das knapp viertelstündige Sanctus. Das basiert auf dem gleichnamigen Stück aus der Kirchenmusik – da bin ich zugegebenermaßen überhaupt nicht bewandert – und konzentriert sich auf klassische Instrumentierung und lateinische Chorgesänge. Im Endeffekt ist es ein Hohegesang auf die Liebe, jedenfalls interpretiere ich das im Kontext des Albums so.
Den Abschluss bildet Am Ende stehen wir zwei. Das ist textlich noch einmal eine ganz wilde Nummer, vom irgendwie positiv gestimmten Refrain („Du brauchst jetzt nichts zu sagen, brauchst mich nicht zu lieben, ich habe Hoffnung für uns beide, denn am Ende stehen wir zwei“) über ausdrucksstarke Metaphern („ein Abschied ohne Ende, ein Kreuzgang in Dein Herz“) bis hin zum finalen(?) Abschied: „Meine Hoffnung soll mich leiten durch die Tage ohne Dich, und die Liebe soll mich tragen, wenn der Schmerz die Hoffnung bricht“. Wie gesagt, kein Soundtrack für die Poolparty, aber wenn man sich mit einem Glas Rotwein auf dieses Album einlässt ist das ein sehr intensiver aufwühlender Trip – den ich mir allerdings nur selten am Stück geben kann, allein schon weil ich sonst zum Alkoholiker werden würde ;-).

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