Letzte Woche waren wir im Jahr 1969, und weils da so schön war bleiben wir gleich dort und ändern nur den Standort, nämlich nach London. Dort braute sich in jenem Jahr großes zusammen – die Beatles werkelten an und in der Abbey Road, Deep Purple spielten in der Royal Albert Hall mit Orchester und schraubten danach an In Rock, alle möglichen und unmöglichen stilistischen Einflüsse wurden aufgenommen und verquirlt, von David Bowie über Hendrix bis zu Led Zeppelin war quasi alles möglich, während die frühen Pink Floyd noch auf der Suche nach ihrem Sound waren. Und in dieser Gemengelage tauchte heute auf den Tag genau vor 55 Jahren ein Album in den Läden auf, was retrospektiv zu den Meilensteinen der progressiven Rockmusik gezählt wird.
Damals gabs den Begriff der progressiven Rockmusik noch gar nicht so wirklich, das ganze Schubladendenken war damals vermutlich weniger ausgeprägt, man probiert und experimentierte halt einfach wild herum, und im besten Fall überstand es eben den „test of time“. Progressiv heißt ja eigentlich auch erst einmal nur, dass man was neuartiges macht, was es so noch nicht gab. Die ganze Konnotation von ausuferndenden komplexen Instrumentalwerken, vertrackten Arrangements und krummen Takten so feingeistig philosophischen Texten kam ja erst nach und nach.
Wie auch immer, ein Eckpfeiler in diesem Bereich ist das Debütalbum von King Crimson, dass den schicken Titel „In The Court Of The Crimson King“ trägt. King Crimson waren und sind das geistige Kind von Robert Fripp, Der arbeitete später unter anderem auch mit David Bowie, Peter Gabriel und vielen anderen zusammen und entwickelte sehr spezielle Gitarrensounds und Effektgeräte. Bei King Crimson wiederum gaben sich über die Jahrzehnte zahllose Musiker die Ehre, darunter so große Namen wie Greg Lake (später bei Emerson, Lake & Palmer), Tony Levin (u.a. Peter Gabriel und Yes), Bill Bruford (Yes und diverse Soloprojekte von Yes-Musikern, live auch mit Genesis), John Wetton (u.a. Uriah Heep, Asia, Roxy Music), Adrian Belew (u.a. David Bowie, Talking Heads) – da waren also große Könner am Start.
Aber zurück zum Debütalbum, wo von dem ganzen Namedropping nur Greg Lake übrigbleibt. Das Album enthält fünf Songs, die nicht nur überlang sind, sondern auch umständlich überlang benamt sind. Der musikalische Stil lässt sich eigentlich nicht beschreiben, da kommt von Hardrock, Jazz, Einflüsse aus klassischer Musik, psychedelic Rock und alles mögliche andere drin vor. Das wurde hier einfach wild in einen dicken Topf geworfen, ordentlich umgerührt und heraus kam mal mehr und mal weniger gut gelungene Musiksuppe.
Das Album beginnt mit 21st Century Schizoid Man (including „Mirrors“). Hier tobt man sich recht hardrockig aus, das Eröffnende Riff steht hier quasi als Vorreiter für diverse spätere Hardrockbands, der Song wurde u.a. später auch von Saxon gecovert. Hinzu kommen wild verzerrter Gesang von Greg Lake, der zusätzlich auch alles außer einem geraden Beat trommelt, und nach knapp zwei Minuten und den ersten beiden „Strophen“ entwickelt sich eine rasante Instrumentalabfahrt mit zahllosen Tempowechseln und ryhthmischen Vertracktheiten dass einem beim Zuhören schwindlig wird. Dass man die Nummer auch hinter dem eisernen Vorhang genauestens studierte merkt man beim Vergleich zu Tritt ein in den Dom von electra. Nach knapp 6 Minuten kommt man nun wieder zum einleitenden Hauptmotiv und der dritten „Strophe“, bevor der Song nach gut sieben Minuten in einem sich überschlagenden kakophonischen Krachgewitter in sich zusammenbricht – Ähnlichkeiten zum Grande Finale von Child In Time von Deep Purple sind möglicherweise zufällig, aber vorhanden.
Das komplette Gegenteil folgt danach mit I Talk To The Wind, einer ruhigen Ballade mit zahlreichen Flötentönen und zahlreichen Tasteninstrumenten. Der Kontrast könnte also kaum größer sein. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn nach dem chaotischen und anstrengenden Auftakt muss man wohl erst einmal durchschnaufen. Dazu hat man dann hier etwa sechs Minuten Zeit.
Weiter geht es mit dem dritten und letzten Song auf der ersten Seite, dem knapp neun Minuten langen Epitaph (including „March for no Reason“ and „Tomorrow and Tomorrow“) – was auch immer uns der Künstler mit diesem überlangen Songtitel sagen will. Der Song enthält dafür aber einige sehr memorable Textpassagen, insbesondere den Refrain („Confusion will be my epitaph, as I crawl a cracked and broken path. If we make it, we can all sit back and laugh, but I fear tomorrow I’ll be crying“). Musikalisch prägend ist hier der umfangreiche Einsatz des Mellotrons, ansonsten ist die Instrumentierung ziemlich zurückhaltend, der Fokus liegt zumindest in den ersten Minuten klar auf dem Gesang und den Texten. Der eigentliche Song ist nach rund vier Minuten vorbei und hätte damit eine ziemlich simpel strukturierte Nummer ergeben, danach folgt aber ein ausgedehnter zweiter Teil, der passend zum Songtitel ausgesprochen düster klingt.
Auf der zweiten LP-Seite beginnt man nun mit Moonchild (including „The Dream“ and „The Illusion“). Diese Nummer ist nun der Teil, wo das Verquirlen der Zutaten so gar nicht funktioniert hat, die Nummer klingt wie ein unstrukturierter und viel zu langer Drogentrip – erst nach über 12 Minuten ist man am Ende angelangt. Der erste Teil (die ersten zwei Minuten) ist eine ruhige Ballade mit viel Mellotron, aber danach kommen rund zehn Minuten völlig freie Improvisation ohne jegliche Struktur. Das war neuartig und dementsprechend progressiv im Wortsinne, aber ich finde es einfach nur anstrengend weil eben überhaupt nix kohärentes dabei herauskommt. Es klingt soll wie ein spaciger Jam klingen, heraus kommt aber in uninspirierter Drogentrip. Vielleicht nehme ich aber auch einfach nicht die richtigen Drogen um das nachzuvollziehen was die Künstler da ausdrücken wollten.
Deutlich nachvollziehbarer kommt danach das abschließende Quasi-Titelstück The Court Of The Crimson King (including „The Return Of The Fire Witch“ and „The Dance of the Puppets“) daher, auch wenn der Songtitel die Sperrigkeit in Höchstform darstellt. Hier wirds nun wieder rockig, aber weniger überdreht und durchgeknallt wie am anderen Ende des Albums. Der Song beginnt mit einer relativ einfachen Struktur aus Strophe und Refrain, untermalt vom Mellotron und getragen von vielen „aaah“s. Nach dem zweiten Refrain kommt ein erstes instrumentales Zwischenspiel (die Feuerhexe), das klingt in der Tat ziemlich nach Baba Yaga, die um ihr Hexenhaus tobt. Danach kehrt man zurück zum „Refrain“, einer dritten Strophe und einem vierten Refrain, bevor ein zweites deutlich ruhigeres Instrumentalstück mit Fokus auf Flötentönen eingeschoben wird. Danach folgt erneut Strophe und Refrain, der Song ist eigentlich(tm) zuende (nach knapp sieben Minuten), aber nach einer knappen Minute Quasi-Stille und komisch kindlich simpel klingenden Tasteninstrumentaltönen folgt noch das große Finale auf der Basis des Hauptmotivs. Erst nach über neun Minuten ist man wirklich am Ende angekommen, was hier aber positiv zu werten ist, denn der Song ist klar strukturiert und löst sich nicht in völliger Zusammenhangslosigkeit auf wie Moonchild.
Meine Favoriten auf dem Album sind klar die beiden Songs am Anfang und am Ende, weil da noch am ehesten das Rock aus Progressive Rock eine Rolle spielt, Epitaph lebt von der Stimmung die es erzeugt, und die anderen beiden Songs sind… zwei ruhige Balladen und zehn Minuten zum Bier holen gehen. Trotzdem ist der Einfluss des Albums unbestreitbar, und ab 1970 kamen ja quasi im Wochentakt Alben heraus, die heute als Klassiker der progressiven Rockmusik angesehen werden (insbesondere Yes, Genesis und Pink Floyd, aber auch Van der Graaf Generator, Jethro Tull oder Mike Oldfield, später traten dann Truppen wie Rush oder Kansas auf den Plan, während in Deutschland völlig andere Klänge über die Autobahn waberten…). Auf einige dieser Themen komme ich in den nächsten Wochen noch zu sprechen.

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