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Berge hinter Wolken

4. September 2026, 18:12 Uhr von Uwe

Nachdem die Wanderung am Vortag aufgrund von leichten Orientierungsschwierigkeiten nicht ganz so verlief wie gedacht waren solche Probleme heute unwahrscheinlich. Erstens gab es keinen Wald, in dem man sich hätte verlaufen können und zweitens hatte ich die Wanderung schon vor Jahren mal gemacht. Ich sollte eine grobe Ahnung haben, wo es langgeht.

Das Wetter hatte sich gegenüber dem Vortag komplett geändert. Beim Blick aus dem Fenster sah man zunächst mal gar nix außer Wolken. Ich war ob dieser Tatsache zunächst geneigt, die Wanderung gar nicht erst zu beginnen und stattdessen irgendwas anderes zu tun, rollte dann aber doch aus dem Bett und begab mich zum Frühstücksbüffet. Nach ein paar Scheiben Brot und mehreren Gläsern Orangensaft und nicht zuletzt einem Kaffee sah die Welt dann tatsächlich nicht mehr ganz so neblig und wolkenverhangen aus. Also wurde der Plan nun doch in Angriff genommen, unterwegs konnte ich mich ja dann immer nochmal umentscheiden.

Prolog – Fahrt nach Wengen (16.41 km, 41min, ↗708m, ↘0m)

Das bedeutete, dass es kurz nach acht Uhr vom Bahnhof aus losging in Richtung Lauterbrunnen, also quasi genauso wie zwei Tage vorher. Erfreulicherweise konnte man stellenweise tatsächlich Berge und nicht nur Wolken sehen, und mit den extra Wolken sah die ganze Sache außerdem gleich noch viel mystischer aus. Darüber hinaus wäre es der Wanderei ja sogar zuträglich, wenn die Temperaturen nicht direkt wieder über 30 Grad steigen würden.

In Lauterbrunnen angekommen wurde die große Umsteige gemacht, was hier einfach bedeutete „raus aus dem Zug, einmal quer über den Bahnsteig und rein in den anderen Zug“. So muss das sein, und dann funktioniert das auch mit unter fünf Minuten Umsteigezeit. Und schon ging es weiter steil bergauf, nämlich in Richtung Wengen. Wie man bereits vor über 130 Jahren sowas krasses in die Felswände gezimmert hat ist immer wieder unbegreiflich, vor allem wenn man sich überlegt, seit wie vielen Jahrzehnten einige Großprojekte in Deutschland nicht vorwärts kommen.

Der Ausblick ins wolkenverhangene Lauterbrunnental war auf jeden Fall gigantisch, die Fahrt ging quasi auch viel zu schnell vorbei, und gegen 8:40 Uhr, also quasi noch mitten in der Nacht, stand ich schon in Wengen. Das war aber so beabsichtigt, von wegen frühe Vögel und so. Ein kräftiger Wind schob die Wolken kreuz und quer in alle Richtungen, so dass sich die Sicht auf die Berge quasi sekündlich änderte. Der Gipfel des Männlichen war zwar noch größtenteils in Wolken gehüllt, aber vorher stand ja noch ein anderes Ziel auf der Tagesordnung.

Wanderung zum Mönchblick (3.89 km, 1:30h, ↗203m, ↘202m)

Dieses Ziel war der Aussichtspunkt Mönchblick. Der liegt nordwestlich von Wengen und ist mit einem gemütlichen Spaziergang erreichbar. Von dort hat man einen fantastischen Ausblick ins Lauterbrunnental mit dem Mönch links oben im Hintergrund, also wenn er nicht durch Wolken verdeckt wird. Das ist so ein Instagram-Selfie-Spot, wo gefühlt jeder Influencer hinrennt. Zu dieser frühen Tageszeit war hoffentlich noch nicht allzuviel Betrieb. Viel wichtiger: Man muss da am Morgen hin, denn die aufsteigende Vormittagssonne leuchtet dann das Lauterbrunnental perfekt aus, während man nachmittags gegen die hochstehende Sonne fotografieren müsste.

Also ging es direkt los in Richtung des Aussichtspunktes. Der Weg ist ausgeschildert, es geht leicht bergab, und innerhalb kürzester Zeit war der Aussichtspunkt auch schon erreicht. Da stehen dann mehrere Bänke, ein Wegweiser und dementsprechend kann man dort auch verschnaufen und warten bis die Wolken eine gute Aussicht erlauben. Selbstverfreilich wurde die tolle Aussicht geknipst, und tatsächlich war ich am Ende nicht alleine dort. Mit Hilfe einer anderen Wanderin entstand dann noch ein lustig Bild von mir auf der Aussichtsbank sitzend, denn man muss ja beweisen, dass man wirklich selbst dort war und nicht einfach nur ein Bild mit einer KI generiert hat.

Damit war dieser Tagesordnungspunkt abgehakt, als nächster Punkt stand nun der Rückweg nach Wengen auf dem Programm. Erfreulicherweise muss man da nicht einmal den exakt gleichen Weg zurück laufen, sondern kann da eine leicht andere Route nutzen. So oder so muss man aber die 200 Höhenmeter, die es vorher runterging nun wieder rauf. Das wurde dann trotz der relativ angenehmen Temperaturen recht schnell recht schweißtreibend. Bei genauerer Überlegung sollte ich vielleicht doch mal mehr an meiner schlanken Linie arbeiten. Mit einigen Pausen zum Luft holen Aussicht knipsen war das dann aber auch überstanden. Wild war nur die Baustelle in Wengen, wo nicht klar war, ob man da durchlaufen konnte. Konnte man, man musste nur auf entgegenkommende Baufahrzeuge achten, die mit blockierenden Rädern die steile Schotterstraße runterrutschten.

Seilbahn zum Männlichen (1.67 km, 6min, ↗948m, ↘0m)

Das Wetter war weiterhin konstant wechselnd, zwischendrin hatte man super Sicht bis zum Männlichen, Sekunden später war dann wieder alles in Wolken verhüllt. Nachdem ich ja aber nun eh schon mal da war, ging es nun zur Seilbahnstation, um nochmal rund 1000 Höhenmeter nach oben zu fahren. Da musste ich jetzt sogar tatsächlich mal was bezahlen. Im Vergleich zu den Mondpreisen für die Fahrt zum Jungfraujoch war das jedoch geradezu ein Schnäppchen, zumal der Travel Pass noch 50% Rabatt gewährte.

Man hätte auch ein teureres Ticket kaufen können für erstklassigen Rundumblick vom Kabinendach. In Anbetracht des Wetters und meiner Höhenangst war das aber sowieso keine Option. Die normale Kabine mit Glaswänden reichte mir völlig aus. Die Fahrt war allerdings alles andere als schön, die Kabine war ziemlich voll, die Luft zum Schneiden und dann machte irgendwie mein Kreislauf etwas schlapp. Ob das an zu wenig Kaffee, zu viel Bewegung am frühen Morgen oder einfach nur am Wetterumschwung lag weiß man nicht, ich hatte jedenfalls gut zu tun, nicht einfach umzukippen. Es ging dann auch irgendwie, oben angekommen musste ich mich dann aber gleich erstmal auf die erstbeste Bank setzen und durchatmen. Dann ging es auch gleich wieder. Bei der Gelegenheit musste ich dann auch direkt den dicken Pullover anziehen, in den Wolken auf über 2000 Meter war es doch empfindlich kühl.

Panoramawanderung nach Wengen (12.23 km, 4:18h, ↗134m, ↘1063m)

Derart ausgerüstet und nach einem Schluck zuckerhaltigen Getränks war ich dann auch wieder fit, und mit Bewegung wurde das ja dann auch gleich alles wieder besser. Also wurden als erstes die Ausblicke ins Lauterbrunnental geknipst, wobei man immer wieder die Lücken in den Wolken abpassen musste. Aber bei wolkenlosem Himmel kann das ja jeder, außerdem hätte es da dann schon wieder 30 Grad gehabt und man hätte sich endlos Gedanken über Lichtschutzfaktoren machen müssen. War also eigentlich alles gar nicht ganz verkehrt, und im Lauf des Tages sollte es immer weiter aufklaren.

Also ging es nun gemütlichen Schrittes über den gut besuchten Panorama-Höhenweg in Richtung Kleine Scheidegg. Das sind ungefähr vier Kilometer leicht bergab, mit fantastischem Blick hinunter nach Grindelwald und auf das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Mit der Aussicht ist es einer der schönsten und beeindruckendsten Wanderwege, die ich so kenne. Bei richtig tollem und ziemlich wolkenlosem Himmel hatte ich das 2018 schon mal, heute war es halt eben mystischer. Gut besucht war der Weg trotzdem, unter anderem von einer größeren asiatischen Reisegruppe, diversen Kleingruppen und einem Trupp Sportler, die mir im Affenzahn entgegenkamen. Wer’s braucht…

Der viele Betrieb hatte aber auch Vorteile, so hätte ich den Salamander im Gras am Wegrand völlig übersehen, wenn nicht alle vor mir laufenden Wanderer stehengeblieben wären um ein Foto zu machen. Ich versuchte ansonsten nur, den größten Gruppen aus dem Weg zu gehen. Nach knapp einer Stunde riss dann der Wolkenvorhang stellenweise auch mal auf und man konnte mit etwas Glück einen unvollständigen Blick auf die Eiger Nordwand erhaschen, die sich majestätisch knapp 2000m quasi senkrecht vor einem aufbaut.

Nach rund 80 Minuten war dann das Zwischenziel Kleine Scheidegg auch schon erreicht. Hier war tatsächlich relativ wenig los, bei der nicht vorhandenen Sicht vom Jungfraujoch war das aber auch wenig verwunderlich. Durch die vor einigen Jahren neu gebaute Seilbahn von der ebenfalls neuen Bahnstation Grindelwald Terminal zum Eigergletscher werden die Touristenmassen inzwischen aber auch an der Kleinen Scheidegg vorbei gelotst, wobei sie an der Station Eigergletscher ja doch alle wieder in die Bergbahn rein müssen. Kann man mal gemacht haben, ich hatte das Vergnügen bereits, und für dreistellige Beträge geh ich lieber ein paar Mal schick essen.

Nach einer gemütlichen Pause ging es nun auf den zweiten Teil des Weges, der ungleich steiler ist, denn irgendwie muss man die noch knapp 1000 Höhenmeter Richtung Wengen ja überbrücken. Mit dem Mountainbike wäre das eine schöne Schussfahrt, im Winter mit Holzbrettern an den Füßen ist das sogar ein Spektakel mit Liveübertragung im Fernsehen – Lauberhornabfahrt nämlich. Der Wanderweg kurvt von der Kleinen Scheidegg aus nach Süden und dreht dann nach Westen Richtung Wengernalp, bevor man für einige hundert Meter der Abfahrtspiste folgt, genau gesagt vom Abschnitt Canadian Corner über das Kernen-S bis zur Wasserstation. Da gibt es unterwegs auch entsprechende Schautafeln. Das wusste ich zwar alles schon, aber es ist immer wieder beeindruckend, wenn man sich überlegt, dass die Athleten da mit 100 Sachen auf einem „flachen Gleitstück“ unterwegs sind.

Während die Abfahrtsläufer dann an der Wasserstation gradeaus den steilen Berg in Richtung Unterführung unter der Bahnstrecke rasen biegt der Wanderweg nun nach Norden ab und hält auf Wengen zu. Da hat man aber immer noch über 500 Höhenmeter vor sich, die nun mit einem ausgesprochen steilen Abstieg überwunden werden müssen. Bis kurz vor der Bahnstation Allmend geht es über 200 Höhenmeter abwärts. Meine Knie machten sich dann auch langsam bemerkbar ob der ungewohnten Belastung. Da mussten sie jetzt aber durch, immerhin gab es fantastische Aussichten, inzwischen auch angenehm warme Temperaturen und außerdem standen da Kühe in der Gegend herum. Das war also im Sinne der Erholung und des Urlaubs quasi ideal.

An der Station Allmend angekommen kam endgültig die Sonne raus. Den Pullover, den ich am Männlichen angezogen hatte, zog ich dann irgendwo dort auch wieder aus und knotete ihn mir um die Hüfte, weil ich ihn so verschwitzt nicht in den Rucksack stopfen wollte. Da sieht man Wengen quasi schon wie auf dem Präsentierteller vor sich liegen, hat aber immer noch 200 Höhenmeter. Man verschätzt sich da einfach gewaltig. Kurz nach 14 Uhr war dann das Ziel schließlich erreicht und ich setzte mich am Bahnhof Wengen auf eine Bank.

Ich hätte auch noch direkt in die bereitstehende Bahn einsteigen können, aber ich wollte zunächst mal etwas Luft schnappen, eine halbe Stunde später fährt die nächste Bahn, und allzu früh am Nachmittag muss man ja auch nicht im Hotel aufschlagen. Ich schaute also noch ein wenig dem geschäftigen Treiben zu – inzwischen war tatsächlich ganz gut Betrieb.

Abendprogramm

Die Rückfahrt war nun an sich ereignislos, es ging auf dem gleichen Wege wieder zurück nach Interlaken wie es am Morgen nach Wengen gegangen war. Beim Umsteigen in Lauterbrunnen war nun allerdings ungleich mehr Betrieb. Bei nettem Sonnenschein kam ich gegen halb vier Uhr nachmittags wieder an und haute mich im Hotel erst unter die Dusche und dann ins Bett. Bis zum Abendessen war ja noch etwas Zeit, zumal dieses Mal der Platz beim Italiener schon reserviert war.

Da die Pizza am Vortag so gut geschmeckt hatte wurde sie kurzerhand nochmal bestellt. Diesmal gab es dann auch einen Sitzplatz draußen mit Blick auf die Berge. Der Witz des Abends waren dann zwei Schwaben am Nachbartisch. Einer hatte sich ein Menü mit mehreren Gängen bestellt und bot dann seinen Nachtisch an, weil er schon bei dem Hauptgang nicht alles schaffte. Mir reichte meine Pizza aber schon.

Damit war dieser Tag mit einer doch recht anstrengenden Wanderung doch noch gut über die Bühne gegangen – bis auf die Tatsache, dass ich irgendwo zwischen der Station Allmend, als ich den Pullover auszog und dem Einsteigen in den Zug in Wengen eben jenen Pullover irgendwo verloren habe. Nuja, etwas Schwund ist immer, und im restlichen Urlaub sollte es nicht mehr so hoch hinausgehen, bzw. lautete die Wettervorhersage für die nächsten Tage wieder höllische Hitze.

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