Die erste Wanderung des Urlaubs bestand aus drei Etappen. Ein Drama wars trotzdem nicht, ergo der etwas komische Titel des Eintrags.
Die Nacht war kurz und geprägt von konstantem Schwitzen und Trinken. Bei Zimmertemperaturen deutlich über 20 Grad kein Wunder. Der eingestellte Alarm vom Handy holte mich entsprechend auch nicht wirklich aus dem Schlaf, als er viertel vor sieben Uhr den präzise ausgetüftelten Zeitplan des Tages in Gang setzte. Erster Punkt auf der Tagesordnung: Aus dem Bett fallen und den Prozess der Menschwerdung einleiten (ich erkenn dich zwar nicht im Spiegel, aber ich putz dir trotzdem die Zähne). Dieser Prozess setzte sich dann auch beinahe pünktlich kurz nach sieben Uhr fort, nämlich mit dem heißen Kampf am kalten Büffet, will sagen Frühstück.
Es gab zwar keine Brötchen, aber viele verschiedene Sorten Brot und die übliche Auswahl an Wurst und Käse und Süßkram, edel präsentiert in einem sehr schicken Frühstückssaal. Um diese Uhrzeit hatte man da auch noch seine Ruhe, da rannte mehr Personal rum als Gäste. Eine Portion Rührei und mehrere Gläser Orangensaft später, nicht zu vergessen eine Tasse Kaffee zum Runterspülen, war dann der Prozess der Menschwerdung soweit abgeschlossen wie das bei mir halt möglich ist.
Nun war noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, also hieß es nun Wanderstiefel schnüren und Rucksack packen. Zehn Minuten vor acht gab ich den Zimmerschlüssel – so ein richtig echter Schlüssel mit schwerem Blechschild für die Zimmernummer – an der Rezeption ab und stiefelte zum Bahnhof. Das Wetter versprach wieder höllisch heiß zu werden, zu dieser frühen Stunde war es aber noch erträglich.

Am Bahnhof angekommen enterte ich den bereitstehenden Zug nach Lauterbrunnen – frühes Aufstehen sichert leerere Züge, erfahrungsgemäß ist da ab neun Uhr Hochbetrieb mit Touristengruppen. Die wollen dann aber entweder Richtung Grindelwald und dann weiter Richtung Jungfraujoch, oder Richtung Grindelwald First. Das ist ein anderer Zugteil und konnte mir egal sein. Richtung Lauterbrunnen steigen die Touristenmassen dann üblicherweise entweder in die Bahn hinauf Richtung Wengen, oder in den Bus zur Seilbahn Richtung Mürren bzw. Schilthorn. Ich als nicht fußlahmer Wanderer wollte auch zu dieser Seilbahn, aber eben per pedes, oder wie man das nennt wenn man einen Fuß vor den anderen setzt.
Langer Rede kurzer Sinn: Kurz nach acht begann die kurze Fahrt Richtung Lauterbrunnen. Am Zwischenhalt Zweilütschinen wird der Zug geteilt, der vordere Teil nach Lauterbrunnen, der andere nach Grindelwald. Hier hat man dann auch links und rechts schon hohe Berge und die Lütschine als wunderschönes Fließgewässer neben der Strecke. Wenn man da zum ersten Mal langfährt weiß man eigentlich nicht wohin man zuerst schauen soll.
Kurz vor halb neun Uhr morgens war ich dann – man muss es nicht extra erwähnen – pünktlich in Lauterbrunnen angekommen. Zu dieser Zeit lag das gesamte Tal noch im Schatten, die hohen Berge ringsum verhindern direkte Sonneneinstrahlung. Und damit begann denn auch die erste eigentliche Wanderetappe.
Etappe 1 – Lauterbrunnen-Stechelberg (5.1 km, 1:20h, ↗190m, ↘93m)
Anmerkung: Die Höhenwerte sind definitiv falsch, das GPS hatte massive Schwierigkeiten durch die steilen Felswände im Tal und mich hunderte Meter seitlich und bis zu tausend Meter vertikal falsch platziert. Ich habe die offensichtlich fehlerhaften Punkte entfernt, aber die akkumulierten Höhenunterschiede sind trotzdem noch um etliche Dutzend Meter daneben. Das gilt auch für alle anderen Etappen, in Interlaken z.B. lief ich direkt an der Aare entlang, das war topfeben.
Die erste Wanderetappe führte von Lauterbrunnen aus immer am Talboden entlang Richtung Stechelberg, bzw. zur dortigen Seilbahnstation. Das ist also ein ziemlich geradliniger Spaziergang von etwa 5 km ohne große Höhenunterschiede. Man ist sowieso mehr damit beschäftigt die wahnwitzigen Aussichten links und rechts zu genießen. Da gibt es nämlich steil aufragende Felswände, die sich bis zu 1000m über dem Tal erheben. Dementsprechend gibt es dort natürlich auch zahllose – nein, halt, nicht ganz richtig, laut offizieller Zählung sind es 72 – Wasserfälle der spektakulären Sorte. Der Staubbachfall bei Lauterbrunnen dürfte der bekannteste sein, allerdings bestand er aufgrund der lang anhaltenen Trockenheit mehr aus Staub denn aus Wasser.
Ich verfolgte also die Bahn, die Richtung Wengen emporkletterte und marschierte dann durch Lauterbrunnen und dann immer weiter geradeaus. Nach ungefähr 10 Minuten wurde ich von einem Bus überholt, der mitsamt Anhänger pickepackevoll war – lauffaule Touristen auf dem Weg zur Seilbahn. Ich hingegen war so ziemlich der einzige, der zu Fuß unterwegs war, abgesehen von einigen wenigen Leuten, die Brötchen vom örtlichen Bäcker holten und zum Campingplatz am Ortsausgang unterwegs waren.
Die Trümmelbachfälle ließ ich links liegen – da waren wir als Familie 2018 schon – und marschierte vorbei an den Markierungen des Jungfrau-Marathons (Interlaken Richtung Jungfrau, 42 km und ich weiß nicht wie viele Höhenmeter) immer geradeaus, vorbei an diversen Verbotsschildern: Keine Drohnen erlaubt, kein Übersteigen der Zäune erlaubt, keine Autos und Motorräder erlaubt. An einem Schild musste ich dann tatsächlich erst einmal stehenbleiben und genau durchlesen, ob ich als daherlaufender Tourist da nun gemeint bin oder nicht.
Was man hingegen dort darf, ist wild vom Fels runterhüpfen. Im Lauterbrunnental treffen sich alle lebensmüden Adrenalinjunkies zum Paragliding und Basejumping und wie all diese komischen Aktivitäten heißen, bei denen man von irgendwo runterhüpft und dann kurz vor knapp die Reißleine des Fallschirms zieht. Entsprechend bunt gewandete Gestalten waren auch schon zu dieser frühen Stunde unterwegs.

So raschelte es unvermittelt irgendwo 200m vor und über mir – ich guck irritiert nach oben und sehe wie da grad einer am Fallschirm hängend den Landeanflug einleitet und dann 50m neben mir auf der Wiese landete. Jede Landung von der man weggehen kann ist eine gute Landung, war also eine. Klappt aber manchmal auch nicht, dann endet man als bunt angezogene tote Leiche (jeder siebte Todesfall bei diesen Aktivitäten weltweit passiert im Lauterbrunnental). Auf jeden Fall war der Typ dann wohl ziemlich wach. Mir reicht ja eine Tasse Kaffee, andere müssen sich eben hunderte Meter in die Tiefe stürzen…
Ungefähr nach einer Stunde, gegen viertelhalb zehn oder so um den Dreh, war die Sonne denn auch hoch genug um die Schatten aus dem Tal zu vertreiben. Da war ich auch schon fast an der Seilbahnstation angekommen. Ich trug also die erste Lage Lichtschutzfaktor auf und marschierte die letzten Meter zur Seilbahn.
Steiler Aufstieg – Seilbahn Stechelberg-Mürren (860m, 4min, ↗780m, ↘0m)
Dort parkten bereits unzählige Autos und Reisebusse, und auch an der Kasse war eine überschaubare Schlange. Ich brauchte am Ende aber noch nicht mal einen Fahrschein kaufen, denn die Seilbahn war in meinem Travel Pass enthalten. Also ging es ohne weitere Verzögerung kurz vor zehn Uhr in die Seilbahnkabine.
Die Seilbahn von vom Talboden nach Mürren existierte noch nicht, als ich das letzte Mal hier war. Da musste man mit Umweg über Gimmelwald und Umsteigen nach Mürren fahren, um von dort aus weiter Richtung Schilthorn zu fahren. Die direkte Seilbahn nach Mürren wurde erst vor kurzem in Betrieb genommen. Sie ist die steilste Seilbahn der Welt, wenn es noch steiler aufwärts gehen soll müsste man einen Fahrstuhl bauen. Auf nur 1200m Strecke überwindet die Bahn knapp 800m Höhenunterschied.

Die Fahrt dauert keine fünf Minuten, dafür hat man dann von über 1600m Höhe einen fantastischen Blick auf… naja, eigentlich stellt man nur fest, dass die Berge ringsum noch ein paar Tausend Meter höher sind. Auf jeden Fall steht man dann in Mürren, und das sieht schon ziemlich pittoresk aus, mit Holzhäusern, ohne Autos und nicht ganz so vielen Touristen wie in Zermatt.
Etappe 2 – Mürren-Grütschalp (5.5 km, 1:31h, ↗98m, ↘261m)
Die zweite Wanderetappe führte mich nun quasi wieder zurück Richtung Lauterbrunnen, allerdings nicht am Talboden, sondern eben 800m höhere an der westlichen Talflanke entlang zur Seilbahn, die dann wieder hinunter nach Lauterbrunnen führt. Parallel zum Wanderweg führt auch eine Bahnstrecke, auf der alle paar Minuten ein Zug Touristen transportiert – und einen Teil der Verbrauchsmaterialien, die man in Mürren für den Hotelbetrieb benötigt.
Ich schmierte mich also mit ordentlich Lichtschutzfaktor ein – Höhensonne ist ja nicht zu unterschätzen – und begann dann den Spaziergang Richtung Grütschalp. Verlaufen kann man sich quasi nicht, immer entlang der Bahnstrecke Richtung Norden. Links geht es den Berg hoch, rechts geht es hinter der Bahnstrecke steil nach unten, und im Hintergrund sieht man je nach Blickrichtung Wengen, das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau – oder eben die Wolken, die letzteres teilweise verdecken, wie an diesem Tag.
Die Wanderung – eigentlich wars ein gemütlicher Spaziergang von einer reichlichen Stunde und rund 5 km – war ziemlich entspannt. Inzwischen waren auch deutlich mehr Wanderer unterwegs, aber immer noch weit entfernt von „überlaufen“ wie an anderen Stellen. Viertel nach 11 war ich dann auch schon an der Grütschalp angekommen, obwohl ich mir wirklich Zeit gelassen und zahllose Fotos gemacht hatte. Ich hatte sogar ein Reh bemerkt, was hunderte Meter unter mir durchs Unterholz stolzierte. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich hätte mit Kühen gerechnet, aber da waren keine zu sehen.
Steiler Abstieg – Seilbahn Grütschalp-Lauterbrunnen (1,27 km, 3:13min, ↗0m, ↘349m)
In der Bahnstation, also der Umsteigestation von der Seilbahn zur Bahnstrecke war ordentlich Betrieb, allerdings nur in der Richtung, in der ich nicht unterwegs war. Das waren also die ganzen Langschläfer, die jetzt auf dem Weg Richtung Mürren via Lauterbrunnen waren. Ich hingegen hatte zwei Drittel meines Wanderplans schon hinter mir und es war noch nicht mal Mittag. Inzwischen wurde es aber auch gut warm, hätte mich ziemlich gestört wenn ich jetzt erst angefangen hätte mit meiner Wanderung.

Der Fahrscheinautomat war irgendwie wenig aussagekräftig, also fragte ich den wichtig aussehenden Mitarbeiter zwecks Fahrscheinkauf und zeigte meinen Travel Pass vor. Überraschenderweise gab es auch hier nix zu bezahlen – „Also wenn sie wollen können sie gern bezahlen, aber sie müssen nicht“. Der Kollege schien einen Clown gefrühstückt zu haben. Auf jeden Fall war ich damit schon mal sehr zufrieden, da hatte mir mein Travel Pass schon mehrere Dutzend Franken gespart.
Kurz nach zwölf war ich dann auch schon wieder in Lauterbrunnen angekommen. Am Bahnhof nutzte ich die Zeit dann gleich noch für die Klärung weiterer Fahrkartengültigkeiten. Ich war mir zwar bereits ziemlich sicher, dass mein Travel Pass auch bis nach Wengen gilt, wollte das aber sicherheitshalber nochmal bestätigt haben. Und damit begann dann die dritte Wanderetappe.
Im Übrigen war die Seilbahnkabine quasi leer – man konnte die Reisenden problemlos an zwei Händen abzählen (dezimal, nicht binär), während in Lauterbrunnen eine Schlange bis zur Türe heraus war mit Touristen, die in Gegenrichtung unterwegs sein wollten.
Etappe 3 – Lauterbrunnen-Zweilütschinen (4.5 km, 1:09h, ↗123m, ↘273m)
Diese Etappe führte mich von Lauterbrunnen nach Zweilütschinen. Der Weg führt immer entlang der Weißen Lütschine (die entwässert das Lauterbrunnental, während die schwarze Lütschine von Grindelwald kommt). In Zweilütschinen (man erkennt jetzt wohl, woher der Name kommt) vereinigen sich beide zur Lütschine, die knapp 10km weiter in den Brienzersee abfließt. Unabhängig von diesem hydrologischen Exkurs sind das nochmal reichlich fünf Kilometer ohne große Höhenunterschiede.

Hier läuft man nun wieder ziemlich im schmalen Tal, eingezwängt von hohen Felswänden und vorbei an zahlreichen Warnschildern bzgl. Steinschlag. Den Weg muss man sich mit Mountainbikern teilen, was je nach Einstellung der Radler mal einfacher und mal schwieriger ist. Größere Probleme blieben diesmal aber aus, der Weg war auch nicht geeignet dazu, großartig Tempo aufzubauen, es ging ja wieder quasi nur geradeaus, also höhentechnisch.
Die Mittagssonne brannte inzwischen ziemlich ordentlich, und kurz vor dem Ziel stand ich dann noch mehrere Minuten am Bahnübergang herum – was gleichzeitig bedeutete, dass ich meinen Zug um etwa fünf Minuten verpassen würde. Künstlerpech halt.
Am Bahnhof Zweilütschinen angekommen hatte ich nun also fast eine halbe Stunde Zeit. Die wurde genutzt um gemütlich im Schatten herumzusitzen und etwas zu trinken. Der Zug zurück nach Interlaken zeigte dann erneut, wie wichtig antizyklische Reiseplanung ist. Zur falschen Zeit sind die Züge zwischen Interlaken und Grindelwald/Lauterbrunnen nämlich Sardinendosen der besten Güteklasse. Ich hingegen hatte kurz nach 13 Uhr auf dem Rückweg Richtung Interlaken die freie Auswahl, das gesamte Abteil war völlig leer.
In knapp 20 Minuten ging es nun zügig – und mit viel Zugluft, weil ein Zug ohne Zugluft ja kein Zug ist, wie schon die Beatles 1964 im Film „A Hard Day’s Night“ feststellten – zurück nach Interlaken. Und weil man gegen 13:30 Uhr noch nicht wieder ins Hotel gehen braucht gab es nun noch eine Bonusetappe, nachdem ich im örtlichen Supermarkt Getränkenachschub organisiert hatte.
Bonusetappe – Interlaken (3,4 km, 49min, ↗121m, ↘103m)
Die Bonusetappe war so eigentlich nicht geplant, passte aber super in den Zeitplan. Ich marschierte gemütlichen Schrittes die Aare entlang und machte quasi eine Ortsbegehung von Interlaken.
An der Aare treffen sich die Einheimischen nämlich zum Schwimmen im eiskalten Gletscherwasser. Das Ufer ist zumindest auf einer Seite von Bäumen gesäumt, zwischen denen Bänke zum Verweilen einladen. Im Freibad war ebenfalls ordentlich Betrieb. Ich spazierte also vergleichsweise ziellos durch die Gegend und machte Fotos, die Motive drängten sich förmlich auf.

Inzwischen wurde die Hitze ziemlich unerträglich, ich sah also zu, dass ich dann doch so langsam mal den Weg Richtung Hotel lenkte. Dazu musste ich zunächst aber mal noch fünf Minuten am Bahnübergang beim Bahnhof Interlaken West herumstehen, bevor es an der großen Touristenmeile entlang Richtung Interlaken Ost und damit Richtung Hotel ging.
An dieser Touristenmeile gibt es zahllose Juweliere, jede Menge Restaurants von McDonalds bis zur gehobenen Preisklasse und in zahllosen Geschmacksrichtungen. Selbst eine Hooters-Filiale gibt es da – nicht mein Fall, aber daneben stolperte ich über ein italienisches Restaurant, dessen Speisekarte gar nicht mal so übel aussah. Das merkte ich mir mal für später vor.
Und so war dann auch die Bonusetappe am frühen Nachmittag abgeschlossen. Für weitere Beschäftigungen war es einfach zu warm, inzwischen deutlich über 30 Grad. Ich ließ im Hotelzimmer also die Rollos runter und döste gemütlich vor mich hin. Man könnte auch behaupten ich verpennte den Rest des Nachmittages. So richtig aufraffen konnte ich mich dann auch am Abend nicht um nochmal irgendwo essen zu gehen, die Hitze machte einfach nur träge, und Getränke hatte ich genug gekauft.

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