Selten ließ sich ein Urlaubstag so treffend in nur drei Worten zusammenfassen. Gut, nebenbei war ich auch ein paar Kilometer spazieren, lief einem Gewitter davon, hab eine Kirche von innen gesehen und kombinierte das was in der Überschrift steht am Ende des Tages auch noch, als ich in der Sauna saß.
Nachdem der Fokus bislang mehrheitlich auf der Albulabahn gelegen hatte, war nun die Berninabahn dran. Die ist ja nicht nur für mich die spektakulärste Bahnstrecke Europas und muss deswegen hoch und runter vorwärts und rückwärts befahren werden. Bislang war ich in diesem Urlaub ja nur bis Alp Grüm gefahren, nun war die volle Strecke bis hinunter nach Tirano angesagt, und zwar in der Holzklasse.
Im Sommer wird, zumindest wenn die Wettergötter schönes Wetter vorhersagen, der Zug um zwei offene ehemalige Güterwagen ergänzt, in die man Holzbänke gebaut hat. Da kann man sich dann den Fahrtwind um die Nase wehen lassen und frei von irgendwelchen störenden Scheiben die Natur fotografieren. Man braucht nicht mal eine spezielle Fahrkarte, man muss nur rechtzeitig vor Abfahrt da sein, da die Plätze begrenzt und begehrt sind. Bisher hatte ich diese Fahrten nur von außen als Wanderer gesehen, war aber eben noch nie mitgefahren. Und da ich ohnehin nicht viel wandern wollte und abartig hohe Temperaturen angesagt waren, war eine so luftige Fahrt mit viel heißer Zugluft genau das Richtige.

Natürlich stärkte ich mich für diese Reise mit einem guten Frühstück, da war aber nix außergewöhnliches dabei, ebenso wenig wie am anschließenden Marsch durch die Institutionen Etagen, um etwas Höhentraining als Frühsport einzulegen. Stiefel an, Treppen wieder runter, Schlüssel am Empfang abgeben und dann Richtung Bahnhof traben – das war ja nun so langsam schon alltäglich – der einzige Unterschied war heute, dass der Zug nicht 09:05 Uhr an Gleis 1 abfuhr, sondern 09:48 Uhr am anderen Ende des Bahnhofs, eben weil ich ja nicht Richtung Albulabahn links vom Inn, sondern Richtung Berninapass rechts vom Inn fahren wollte. Dementsprechend begann der Tag etwas geruhsamer und ein paar Minuten später.
Fahrt nach Tirano (60.7 km, 2:41h, ↗541m, ↘1782m)
Ich ergatterte jedenfalls grade noch einen guten Platz, die Nasen, die in St. Moritz erst kurz vor Abfahrt mit anderen Zügen ankamen hatten das Nachsehen und standen dann etwas ziellos im Mittelgang herum – was in Ermangelung von Haltegriffen nicht ganz ungefährlich ist. Die Strecke gibt keine gewaltigen Tempi her, nur der Abschnitt zwischen Pontresina und Morteratsch erlaubt Geschwindigkeiten jenseits der 50 km/h, meistens kurvt der Zug mit 30-45 Sachen die Berge hoch und runter – für 60km Strecke braucht der Zug seine zwei Stunden und mehr. Blumenpflücken während der Fahrt ist nicht explizit verboten, aber erstens gibt es auf der Passhöhe eh keine Blumen und zweitens sollte man seine Arme und andere Körperteile tunlichst innerhalb der Wagenbegrenzungslinien halten, denn das nächste Tunnelportal ist unnachgiebiger als die eigenen Knochen. Das Tempo reicht aber aus, um locker sitzende Kopfbedeckungen zu unkontrolliertem Eigenleben zu verleiten, daher blieb mein Hut im Rucksack und es wurde stattdessen Lichtschutzfaktor aufgetragen.
Die wilde Fahrt führte also zunächst mal über den Inn, dann direkt in den ersten Tunnel und weiter in Richtung Pontresina. Hier wurde es nun noch voller, weil die Leute irgendwie nicht verstanden haben, dass es nicht sinnvoll ist, wenn schon alles im Gang steht sich noch dazuzustellen. Das ist ja keine Schlange an der Supermarktkasse, wo man sich einfach hinten anstellt. Außerdem haben die offenen Wagen keine Tür zum Ein/Aussteigen, man muss dazu den Gang entlang in den nächsten „richtigen“ Wagen, der dann die entsprechenden Türen hat. Im Gang rumstehen blockiert also alles.

Bis zur Station Morteratsch wurde nun ein paar Minuten lang etwas schneller gefahren, mit Sonnenbrille gegen die Zugluft war das aber alles prima auszuhalten. In Morteratsch angekommen leerte es sich nun merklich, die meisten im Gang stehenden Leute wollten offensichtlich nicht wirklich da herumstehen, sondern lieber wandern gehen. Von hier an war der Gang nun leer und man konnte endlich in alle Richtungen fotografieren, ohne dass einem irgendwer im Bild stand. Das wurde natürlich an der Montebellokurve – eine enge 180° Kurve in steilster Steigung mit einem Bahnübergang und Blick auf den Morteratschgletscher – direkt ausgiebig genutzt.
Weniger hundert Meter später lässt man die Baumgrenze hinter sich und hat links wie rechts noch mehrere Tausend Meter Berge um sich. Es geht an diversen Seilbahnstationen vorbei und so schlängelt sich die Strecke hinauf auf über 2250m, vorbei an der kontinentalen Wasserscheide zwischen Inn/Donau/Schwarzem Meer und Po/Mittelmeer. So viel Wasser war da aktuell aber nicht zu scheiden, da oben war es wüstenstaubmäßig trocken, im Stausee fehlten gut und gerne 5-10m.
Nun ging es auch schon wieder auf der Südseite den Berg hinunter, hier beginnt nun der spektakulärste Abschnitt. Ab Alp Grüm mit seiner Panoramakurve geht es in zahllosen Serpentinen steilstmöglich ins Tal. Von Alp Grüm aus (2091m) kann man die nächste Station Cavaglia (1692m) sehen – Luftlinie sind das etwa 1.5km, und dann schweift der Blick weiter zum Lago di Poschiavo (12km Luftlinie). Aufgrund der engen Kehren quietscht es sich nun auch ganz formidabel, Stahl auf Stahl gibt da dann doch ordentlich Abrieb. Vor Poschiavo mussten wir an einem Signal warten, da sah man beim Bremsen so richtig schön den Staub aufsteigen – ich werde später nochmal auf das Thema zurückkommen.
Je tiefer wir ins Tal kamen, umso heißer wurde es naturgemäß. Oben am Pass war es angenehm, selbst im kurzen Shirt und mit Fahrtwind, d.h. selbst da waren deutlich über 20 Grad. Nun liegt das Ziel Tirano nicht nur im sonnigen Italien, sondern auch 1800m tiefer – und wir waren in Poschiavo grade erst dabei vom vierstelligen Bereich zurück in dreistellige Höhen zu fahren.

Zwischen Poschiavo und Li Curt wird dann nochmal kurz etwas schneller gefahren, bevor dann der finale Abschnitt beginnt. Zunächst mal fährt man als Straßenbahn durch Le Prese, danach folgt das steilste Stück der ganzen Strecke: Der Zug kurvt in engen Kehren hinab nach Brusio, hält da kurz, kurvt weiter und kreiselt dann einmal um 360 Grad, um sich selbst zu unterfahren – der Kreisviadukt von Brusio ist in dieser Form weltweit ziemlich einmalig und wurde daher allein von mir auf dieser Fahrt in dutzenden Fotos verewigt.
Die letzten Meter bis nach Tirano sind dann vergleichsweise unspektakulär, man quert die Grenze nach Italien und fährt schließlich als Straßenbahn über den Kreisverkehr vor der Wallfahrtskirche und in den Bahnhof ein.
Tirano (2.4 km, 1:11h, ↗32m, ↘57m)
Anmerkung: Die Höhenunterschiede sind GPS-Gezitter, der Bahnhof hat sich ja nicht während meiner Zeit da 25m in den Boden gegraben. Und 32m Höhenunterschied halte ich auch für 20m zu viel…
Dort angekommen schaltete ich nun endlich mal das GPS ein, was ich vorher irgendwie verpeilt hatte – die Messungen hier sind nachträglich anhand des Fahrplans hingefaked, was so aber natürlich auch nur klappt, weil die Züge in der Schweiz den Fahrplan nicht nur als Empfehlung ansehen.
In Tirano waren Himmel und Menschen unterwegs, im örtlichen Café war alles besetzt. Das ist völlig normal, bis zur Abfahrt des Bernina-Express dauerte es noch 20min, danach ist es erheblich einfacher einen Platz zu kriegen. Ich nutzte die Zeit für einen Spaziergang zum Kreisverkehr, um da die Eisenbahn zu knipsen. Das klappte auch prima, und weil dann noch etwas Wartezeit bis zum Gegenzug war und das Thermometer an der dortigen Apotheke sportliche 34°C anzeigte, dachte ich mir so, man könnte ja die Kirche auch mal von innen angucken, vielleicht ist es da etwas wohltemperierter.
Und siehe da, ich kam problemlos in die Kirche rein und ging auch nicht beim Überschreiten der Schwelle in Flammen auf. Tatsächlich ist diese Kirche wirklich sehenswert, sehr eindrucksvolle Glasmalereien und eine beeindruckende Orgel gibt es da zu bestaunen. Glaubt man gar nicht was für eine Pracht da in diesem Kuhkaff in die Kirche gebaut wurde. Aber gut, ich habs mit dem Glauben ja ohnehin nicht so, ich find es regelmäßig am beeindruckendsten, dass die damaligen Statiker das alles so gut hingerechnet haben, dass das heute noch steht.

Nach einer Kurzvisite der Kirche stand nun „Eisbecher“ essen auf dem Programm. Dazu ging es nun zurück zum Bahnhofsvorplatz – das Thermometer an der Apotheke zeigte inzwischen 37°C… Der Bernina-Express war zwischenzeitlich abgefahren, und so gab es nun auch Sitzplätze. Wie sich herausstellte, hatte die nette Italienerin, die ich von früheren Besuchen her kannte, den Laden inzwischen verkauft. Der wird nun von Asiaten betrieben, was aber nix am Angebot änderte. Dementsprechend gab es einen schönen Eisbecher, und weil das noch nicht reichte, wurde mit einem Milchshake nachgespült. Lustig wurde es nur beim Bezahlen, denn an meinem Tisch saßen außer mir noch zwei ältere Herren aus einer Reisegruppe, deren Bier ich natürlich nicht zahlen wollte. Der Bedienung am Tresen das begreiflich zu machen war etwas komplizierter, denn die sprachen nur sehr wenig Englisch.
Rückfahrt (60.7 km, 2:34h, ↗1911m, ↘812m)
Anmerkungen: Die unterschiedlichen Höhen bei Hin- und Rückfahrt liegen am GPS – die Hinfahrt hab ich nicht getrackt und hinterher anhand der Streckendaten von Wikipedia gefaked, die Rückfahrt enthält alle GPS-Messwerte aus dem fahrenden Zug, wo es naturgemäß durch die Abschirmung auch mal Ausreißer gibt.
Nachdem das dann auch erfolgreich abgehakt war konnte die Rückfahrt beginnen. Da gab es nun keinen offenen Wagen, so dass ich eben im normalen erstklassigen Abteil Platz nahm. Die Scheiben lassen sich da auch öffnen, und etwas Polster unterm Hintern ist auf Dauer dann doch auch ganz nett.
Das Wetter kippte nun allerdings während der Fahrt überraschend schnell. In Tirano war noch immer brütende Hitze mit ein paar einzelnen Gewitterwolken, die da am Entstehen waren. Noch vor Brusio allerdings fing es bereits an zu regnen. Kein Wolkenbruch, nur ein paar einzelne Tropfen, aber immerhin. Die Station Alp Grüm war zwischenzeitlich auch von Wolken verdeckt, und links wie rechts ballten sich ziemlich düster aussehende Gewitterzellen.
Damit war nun zum Glück wenigstens die Sonne mal daran gehindert, alles noch weiter aufzuheizen. Abgesehen von den paar Tropfen da bei Brusio blieb es trocken, und auch die guten Aussichten wurden nur teilweise von den Wolken eingerahmt. In St. Moritz angekommen hatte ich nun noch geplant, statt direkt ins Hotel zu laufen noch eine Runde um den See zu marschieren, damit wenigstens ein paar weniger Kilometer ebener Spaziergang gemacht wurden.

Spaziergang (4.4 km, 0:45h, ↗220m, ↘131m)
Anmerkung: Nix bergab hier, es ging einmal um den St. Moritzersee, und der ist topfeben. Achtzig Meter nach oben in Richtung Hotel kann aber schon stimmen.
Der Plan wurde auch umgesetzt, allerdings im beschleunigten Schweinsgalopp. In Richtung Malojapass dräuten sich dunkelste Wolken (sowas wollte ich schon immer mal schreiben), und der Donnergott der Religion der Wahl machte sich ebenfalls lautstark bemerkbar. Also wurde der Seerundgang in Gangart FF (flotten Fußes) absolviert, zumal ich dann auch mal dringend auf den Lokus musste. Das klappte auch alles ganz hervorragend, der große Regen erwischte mich nicht.
Abendprogramm
Zwischenzeitlich war mir aufgefallen, dass meine Arme seltsam dunkelbraunrötlich aussahen, was sie am Vortage noch nicht taten. Meine erste Vermutung war Sonnenbrand, aber da fehlten die anderen Symptome wie trockenes Hautgefühl und Schmerzen beim Anfassen. Tatsächlich war es auch kein Sonnenbrand, sondern gesammelter Flugrost von der Bahnfahrt im offenen Wagen. Der hatte sich auf den Unterarmen und im Nacken breitgemacht, also überall wo er am schwitzenden Körper klebengeblieben war. Ich sah stellenweise aus, als hätte ich mich mit Bräunungscreme eingeschmiert gehabt, und als ich unter die Dusche stieg sah das Wasser unten aus, als sei der gesamte Rost aus der Leitung rausgespült worden. Ich hatte offensichtlich auch noch nicht alle Stellen erwischt, denn der Kragen vom Bademantel sah anschließend auch dunkelbraun statt weiß aus…

Bis zum Abendessen war nun trotzdem noch Zeit, und weil es nach wie vor bzw. schon wieder in den Waden zwickte ging es wieder in die Sauna. Da kann man auch lustig Feldstudien über das Verhalten betreiben. Deutsche sind da in aller Regel völlig unverkrampft, während Leute aus anderen Ländern sich da in drei Lagen Handtücher einwickeln. Während ich da also nach der Sauna noch eine Weile mit einem Zitronenwasser auf der Liege lag und durch die große Scheibe nach draußen guckte stellte ich also fest, dass der große Regen nun doch auch in St. Moritz angekommen war. Es war aber wirklich nur Regen, von Blitzdonnerwetter hab ich nix mitbekommen. Der ganze Spaß dauerte auch nicht lange, als ich eine reichliche halbe Stunde später die paar Meter zum Italiener lief war der Regen schon vorbei.
Beim Italiener gab es wieder lecker Pizza und ebenso lecker Bier, und damit war der Tag dann auch irgendwie rum. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass das große Gewitter fünf Kilometer weiter für ordentlich Verwüstung gesorgt hatte. Aber das wird dann Thema für den nächsten Beitrag.

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