Der Urlaubstag stand ganz im Zeichen des Wetters. Hochsommerliche Hitze war angesagt, und gegen Nachmittag/Abend sollten Gewitter aufziehen. Daher war eine morgendliche Wanderung ohne vorherige Bahnfahrt geplant. Und wie bei jeder Kollision von Plan und Realität kam es dann doch alles ganz anders.
Nach dem pünktlichen Frühstück war der erste Tagesordnungspunkt der Getränkekauf. Der örtliche Supermarkt öffnet die Pforten um acht Uhr, kurz darauf war ich dann auch schon da und hatte entsprechende Ruhe beim Einkauf – um die Zeit war noch wenig Betrieb. Und wenn man nur einen Sixpack Getränke kauft funktioniert sogar diese Sache mit der Selbstbedienungskasse ganz gut.
Derart versorgt begann nun die eigentliche Wanderung als Spaziergang aus Interlaken heraus. Zunächst ging es ein paar Meter an der Aare entlang, dann rechts ab und am Ortsrand in Richtung Nordosten. Im weiteren Verlauf querte ich die Beatenbergstraße und folgte dem Lombach. Der bestand aufgrund der langanhaltenden Trockenheit aber auch mehr aus Steinen denn aus Wasser. Weiter sollte es dann am Campingplatz vorbei in Richtung Seeufer des Thunersees gehen und dann in Richtung der St. Beatus-Höhlen.
Ich beschreib das nur deswegen so detailliert, weil ich am Ende des Tages aufgrund eines selten dämlichen Bedienungsfehlers den aufgezeichneten GPS-Track erst abgespeichert und dann gelöscht habe… Deswegen gibt es heute auch keine lustig-bunten Diagramme, sondern Fotos zwischendrin.
Navigationsfehler – ran an den Berg, rauf auf den Berg
Wie schon die Piraten im Asterix und Obelix unterlief mir dann jedoch ein folgenschwerer Navigationsfehler. Wenn man nämlich auf die Karte guckt und denkt man weiß wo man ist, dann denkt man eben auch nur, dass man weiß wo man ist. Tatsächlich war ich aber gar nicht an der Kreuzung von der ich dachte, dass es die richtige ist, sondern ein paar Hundert Meter weiter eine Kreuzung eher. An der Kreuzung, an der ich stand, gab es auch einen Wegweiser mit der Aufschrift „Höhlen“, der nach rechts in den Wald führte. Ich wollte auch irgendwie rechts in den Wald. Also dachte ich mir, dass es ja so falsch nicht sein könnte.
Was ich nicht wusste: Es gibt eine kleine Siedlung namens Höhlen oben auf dem Berg. Und genau da führte der Weg hin, und das aber steil bergauf. Anstatt also um die Bergflanke herumzulaufen, war ich nun im Begriff drüber hinweg zu marschieren. Nach ungefähr 100 Höhenmetern und einen erneuten sehr genauen Blick auf die Karte später wurde mir das dann auch klar. Gut, die grobe Richtung stimmte ja nach wie vor, also einfach mal dem Weg folgen und gucken wo man rauskommt.

Ich kam schließlich an einer einsamen Waldhütte raus, an der ich nicht hätte rauskommen sollen. Da war nämlich der Weg irgendwie zuende. Vor mir war nur noch gähnende Leere und Ausblick auf den See. Da hatte ich also entweder einen Wegweiser übersehen, oder der existierte schlicht nicht, weil außer verwirrten Wanderern wie mir niemand da langkommt. Es sollte aber zumindest ein offizieller und beschilderter Wanderweg sein.
Wirrer Waldlauf
Manchmal hat es doch was gutes, wenn man ein smartes Phone dabei hat, welches einem grob sagen kann, wo man ist (Ausläufer der Milchstraße, dritter Planet des Sonnensystems und so). Ich war keine 200m vom Wanderweg weg, stand allerdings im Wortsinne mitten im Wald. Ich tapste also vorsichtig durchs Unterholz in Richtung Norden und gelangte dann auch problemlos wieder auf den eigentlichen Weg. Die ganze Aktion hatte keine zehn Minuten gedauert, meiner ohnehin schon miesen Laune (ich hab jahrelang in der Navigation gearbeitet und bin dann zu doof die Karte richtig zu lesen) half das aber noch nicht sonderlich.
Ich befand mich nun runde 220m über dem See, die Temperaturen machten das Wandern schon wieder recht unangenehm, und ich musste ja die Höhenmeter nun irgendwie wieder abbauen. Der Blick auf die Karte, diesmal an der richtigen Stelle, verhieß wenig gutes: entweder jetzt ein steiler Abstieg zum Seeufer und etwas 1200m von der Kreuzung entfernt rauskommen, wo ich falsch abgebogen war, oder noch weiter den Berg hoch, um dann steil abzusteigen. Also dann doch lieber gleich absteigen und dann weiter am Seeufer.

Der Abstieg war dann noch steiler als der Aufstieg und zog sich entsprechend, weil man vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen musste, um nicht zu stolpern und dann spontan in den freien Fall überzugehen. Da wäre man zwar nicht tief gefallen, aber auch 2m Fall können blöd enden, wenn man anschließend hundert Meter den steilen Hang runterrutscht. Zumindest hatte man immer wieder ganz hervorragende Sicht auf den türkisblauen See und die Berge im Hintergrund. Immerhin war der Weg knochentrocken, bei nassen Steinen wäre das lebensgefährlich gewesen.
Seeblick
Schlussendlich kam ich also doch wieder auf den Weg, den ich eigentlich laufen wollte, hatte nur eben einen Umweg von etwa einem Kilometer und 400 Höhenmetern gemacht. Das hatte natürlich auch ewig viel Zeit gekostet und meine Zeitplanung komplett über den Haufen geworfen. Nun ging es dafür vergleichsweise topfeben am Seeufer entlang in Richtung Sundlauenen. Es war inzwischen fast 11 Uhr, die Temperaturen hatten inzwischen eine 3 an der Zehnerstelle, und meine Motivation, mir die Höhlen von innen anzuschauen war nun auch eher nicht mehr besonders groß.

Also wurde nun der Plan nochmal an die Realität angepasst: Weiter spazieren zum Schiffsanleger, und dann das Wandern wandern sein lassen. Gesagt, getan. Der weitere Weg war problemlos zu spazieren, und gegen halb zwölf stand ich am Schiffsanleger, durchgeschwitzt, aber nun inzwischen doch wieder einigermaßen zufrieden. Das Studium des ausgehangenen Fahrplans ergab, dass in gut zehn Minuten auch direkt ein Schiff kommen würde. Das passte, damit war ich wieder im Zeitplan, denn auf der anderen Seeseite wollte ich ja noch Bergbahn fahren.
Übern See schippern
Das Schiff kam aus Interlaken und war voll bis Oberkante Unterdeck. Allerdings stiegen zahlreiche Fahrgäste aus, die wollten wohl alle zu den Höhlen – ein Grund mehr, selbige nun doch nicht zu besuchen. Ich enterte also das Oberdeck (Travel Pass 1. Klasse regelt) und stellte fest, dass die Plätze mit der guten Aussicht und der frischen Luft alle belegt waren – eine englische Reisegruppe fand das alles ziemlich magnificent. Nun gut, dann setzt man sich eben ins Innere und guckt durch die Scheibe auf den See, tut der Landschaft ja keinen Abbruch. Außerdem sitzt man näher an der Theke, wo die Bedienung wuselte und Getränke verkaufte.
Besagte Bedienung entpuppte sich allerdings in den nächsten 45min als selektiv blind, denn ich wurde geflissentlich übersehen und ignoriert. Tja, entging ihr halt der Umsatz, den sie hätte machen können. Gleichzeitig brachte die Realität meinen weiteren Tagesplan nun erneut durcheinander: Die angekündigten Gewitterwolken brauten sich bereits in den Bergen zusammen. Insbesondere bildeten sich Wolken rund um den Niesen (hatschi!). Da wollte ich eigentlich am Nachmittag noch mit der Bergbahn hoch, aber wenn man dann auf 2300m in den Wolken steht wäre das ja ein klarer Fall von „Wie sie sehen, sehen sie nichts.“

Aber gut, ich hatte ja Zeit während der schönen Seefahrt – hier passte der Begriff ja tatsächlich, ich fuhr ja übern See – einen Alternativplan zu entwickeln. Als das Schiff gegen halb eins in Spiez anlegte, hatte der Tag Struktur und ich einen Plan. Mächtig gewaltig. Also mein Plan weniger, aber die Wolkentürme über den Bergen inzwischen.
Stadtspaziergang in Spiez
Der Plan sah nun vor, dass ich in 45 Minuten vom Schiffsanleger Spiez zum Bahnhof Spiez laufen musste. Das sind Luftlinie 750m, weil man aber noch um das Hafenbecken rum muss und es auch in Serpentinen 60m nach oben geht sind es dann doch etwas über 1km. Zeitlich ist das trotzdem bequem zu schaffen, und Zeit für einen Blick auf das Schloss war auch. Rund um den Hafen war ordentlich Betrieb mit Minigolf, Tennis, Beachvolleyball und ähnlichen Aktivitäten, bei denen ich mich immer frage, wieso man das bei über 30 Grad freiwillig macht. Im Freibad hingegen war noch viel Platz.
Auf dem Weg zum Bahnhof passierte mir dann was ganz außergewöhnliches, weswegen man den Tag eigentlich rot im Kalender anstreichen müsste: Ich wurde von einer Frau angequatscht. Die wollte tatsächlich sogar was von mir. Sie wollte nämlich wissen, wo es zum Freibad geht. Also eigentlich fragte sie „Which way is the swimming pool?“, aber da ich ja in mehreren Sprachen Blödsinn erzählen und in noch mehr Sprachen Bier bestellen kann, konnte ich ihr tatsächlich helfen. So schwierig war es aber auch nicht, die Straße 200m lang, dann links dem Weg folgen und dann sieht man das Freibad schon.
Am Bahnhof angekommen hatte ich nun noch etwas Zeit mir das wilde Treiben dort anzuschauen. Bei genauerer Betrachtung entpuppte es sich aber als recht zivilisiert, um die Uhrzeit mitten am Tag war recht wenig Betrieb, und Touristengruppen waren auch keine da. Mein Zug aus Bern hielt dann jedenfalls pünktlich, wie nicht anders zu erwarten, am Bahnsteig und damit begann dann die Operation Zeitvertreib.
Übern Berg und unterm Berg
Gegen 13 Uhr braucht man ja noch nicht wieder Richtung Hotel zu fahren, da wäre außer schwitzen ohnehin nicht viel zu tun gewesen. Eine längere Zugfahrt hingegen würde im klimatisierten Zug stattfinden, und man könnte sich noch ein wenig schöne Gegend anschauen. Dementsprechend sollte es nun durchs Kandertal in Richtung Kandersteg und weiter nach Brig gehen. Da geht es also über die Lötschberg-Bergstrecke mit tollen Aussichten, gerade auf der Südrampe. Kenn ich zwar schon alles, bin da auch schon vor vielen Jahren rumgewandert, aber schöne Gegend angucken geht ja eigentlich immer.
Der Zug war so gut wie leer, die Klimaanlage funktionierte prima, und so kurvte der Zug in flottem Tempo Richtung Frutigen, über den dortigen Viadukt und weiter den Berg hinauf. Die Doppelschleife der Nordrampe mit ihren Kehrschleifen erlaubt Landschaftsblicke links wie rechts, und hinter Kandersteg ist es dann im Tunnel sowieso 14km lang dunkel. Da ich ja genau wusste, auf welcher Seite die beste Aussicht ist (in Fahrtrichtung Brig in Fahrtrichtung rechts), hatte ich dann ab Goppenstein bei der Abfahrt der Südrampe den wie immer genialen Blick ins Rhonetal auf Visp und Umgebung.
Die ganze Fahrt über den Berg dauerte eine reichliche Stunde. Nun war Umsteigen und Rückfahrt angesagt. Dazu stiefelte ich also durch die Unterführung zum entsprechenden Bahnsteig, wo schon der passende Zug bereitstand. Ich suchte mir einen gemütlichen Sitzplatz und wartete auf die Abfahrt, die aber noch 20 Minuten in der Zukunft lag. Der Zug füllte sich mit diversen Touristen und dann wurde ich Ohrenzeuge des „Die Welt ist ein Dorf“-Phänomens.

Im Eingangsbereich sprachen zwei Personen englisch miteinander, eine Touristin aus Schweden und ein Mann, der in Zermatt irgendwo bei den Helikopter-Rundflügen arbeitet. Und da stellte sich heraus, dass der Typ auch aus Schweden ist, vor Jahrzehnten ausgewandert war und sie aber tatsächlich aus dem gleichen Kuhkaff in der schwedischen Walachei stammen und er ihre Schwester kennt. Tja, und dann trifft man sich zufällig in der Schweiz.
Die eigentliche Zugfahrt zurück nach Spiez war nun weniger ereignisreich, denn der IC fährt über Visp und damit durch den Lötschberg-Basistunnel, 34km dunkle Tunnelwand ist dann doch eher wenig abwechslungsreich. Dafür ist die Fahrtzeit insgesamt etwas kürzer, eine reichliche halbe Stunde ist es nach Spiez, und damit passt es dort dann wieder mit dem Taktfahrplan.
Somit war ich nach zwei Stunden Zugfahrt wieder da, wo ich mittags schon mal war. Inzwischen hatte sich der Himmel zugezogen, es war nun auch so langsam an der Zeit Richtung Interlaken zu fahren und über die Abendplanung nachzudenken. Besagte Planungsüberlegungen wurden von einem planlosen Asiaten unterbrochen, der mich am Bahnsteig anquatschte und irgendwas zum GoldenPass-Panoramazug wissen wollte, der aus Zweisimmen kommen sollte. Ich konnte den guten Mann auch nur an die Fahrplanauskunft verweisen. Was mich aber nachhaltig irritierte: Der Mann war der Meinung, er stünde am einzigen Bahnsteig des Bahnhofs und müsse deswegen ja an der richtigen Stelle stehen. Tja, ich weiß ja nicht, wenn man da am Bahnsteig steht, dann ist da ein Gleis, und daneben ist noch eins, und hinter dem zweiten Gleis kommt ein Bahnsteig, und dann nochmal ein Gleis, und noch eins, und nochmal ein Bahnsteig…
Ich stand jedenfalls am richtigen Bahnsteig und der aus Köln kommende ICE hatte wider Erwarten keinerlei Verspätung. Somit ging es nun wieder zurück nach Interlaken, wo erneut Getränke gebunkert werden mussten, bevor es ins Hotel ging.
Abendprogramm
Dort war zunächst mal große Aufregung wegen nix. Aus logistischen Gründen hatte ich für die letzten beiden Nächte ein anderes Hotelzimmer, weil das Hotel kein Zimmer für die ganze Woche freigehabt hatte und ich deswegen die Reservierungen stückeln musste. War mir eigentlich relativ egal, ich hatte morgens quasi ausgecheckt, den Koffer im Hotel abgegeben und wollte nun nachmittags im neuen Zimmer einchecken. Blöderweise fand sich nun der Koffer nicht an – im Gepäckraum 1 war er nicht, im Gepäckraum 2 war er nicht, im Zimmer war er auch nicht.
Dem Hotelangestellten war es sichtlich peinlich, er ging nun auf die Suche und ich aufs Zimmer. Und siehe da, der Koffer stand doch im Zimmer, in einer Ecke so abgestellt, dass man ihn beim flüchtigen Blick ins Zimmer nicht sehen konnte. Also alles nur ein großer Sturm im Wasserglas. Einen großen Vorteil hatte das neue Zimmer nun aber: Es lag mit dem Fenster nicht zur Hauptstraße raus, sondern auf der anderen Seite und somit deutlich ruhiger.

Eine Dusche später stand mir nun der Sinn nach Essen. Am Vortag hatte ich ja ein italienisches Restaurant gesehen, das wollte ich jetzt mal antesten. Gesagt, getan. Einmal die Hauptstraße runter, links die große Wiese, wo die Gleitschirmflieger landen, rechts diverse Läden, gefolgt vom Kursaal, dann Hooters und dann rechts. Ich kam ungefähr bis zum Beginn der Fliegerwiese als der Himmel die Schleusen öffnete. In weiser Voraussicht hatte ich die Regenjacke dabei und kam so zumindest halbwegs trocken im Restaurant an.
Eine Platzreservierung hatte ich nicht, aber das Personal fand trotzdem einen sehr schicken Tisch in einem sehr sehenswerten Saal (das Foto stammt vom Folgetag, nicht irritieren lassen). Das Ambiente war also schon mal genau das richtige, und so fiel dann die Wahl auf Pizza und Bier. Beides lecker, also wurde gleich für den nächsten Tag reserviert, damit das Thema gleich mal erledigt war. Und als es dann zurück Richtung Hotel ging, war der Regen weg, die Sonne kam wieder raus und einen Regenbogen gab es auch noch.
Somit hatte der Tag dann doch noch einen positiven Ausklang gefunden, nachdem er doch eher holprig begonnen hatte.

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