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Mixtape der Woche

17. Mai 2026, 11:08 Uhr von Uwe

Diese Woche kommt das Mixtape aus der Konserve, ich musste nämlich vorarbeiten. Wenn dieser Artikel erscheint, sitze ich nämlich auf einer Geburtstagsfeier zu einem runden Geburtstag. Und passend dazu geht es auch um einen runden Geburtstag eines Künstlers.

Das Geburtstagskind wohnt schon seit quasi ewigen Zeiten in Hamburg, hat kürzlich seinen eigenen Zug im Miniatur-Wunderland bekommen (da muss ich auch unbedingt mal wieder hin…) und wird heute 80 Jahre jung. Die Rede ist von Udo Lindenberg. Grund genug für einen etwas größeren Streifzug durch Udos Schaffen, da kann man sich nicht auf 7 Songs beschränken – der Mann hat in 50 Jahren Karriere so ziemlich alles ausprobiert was man sich vorstellen kann: Er spielte Schlagzeug (unter anderem in Klaus Doldingers Jazzband Passport), war Pionier für Rockmusik mit deutschen Texten, mischte sich in die deutsch-deutsche Politik ein und vertonte Gedichte von Brecht und Weill. Da fielen jede Menge Klassiker ab, so dass selbst 14 Songs nicht alles abdecken. Also gibt es eine Premiere: Triple-Mixtape mit 21 Songs.

Die Kinder deiner Kinder

Wir beginnen die Zeitreise im Jahr 1972. Udos zweite LP „Daumen im Wind“ war in den Charts zwar nicht vertreten, regional rund um Hamburg aber durchaus bekannt geworden. Udo hatte den Song ursprünglich 1971 auf seinem Debüt auf Englisch veröffentlicht, schob dann aber die deutsche Version nach. Und die passt denke ich auch viel besser – es geht um die Vergänglichkeit des Seins und dass man ganz schnell vergessen wird. Musikalisch ist das ganze typischer Bluesrock, wie ihn damals auch zahllose britische und amerikanische Bands spielten.

Alles klar auf der Andrea Doria

Für das dritte Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ formte Udo schließlich 1973 das Panik-Orchester, bestehend aus diversen namhaften Musikern der Hamburger Szene. Damals wohnte er mit Otto Waalkes und Marius-Müller Westernhagen in der Villa Kunterbunt in Hamburg, und das schlug sich kreativ auch deutlich nieder – Westernhagen gab den Tipp, nachvollziehbare Charaktere zu schaffen, und Otto steuerte einige der sehr prägnanten Namen bei (von denen werden hier auch noch einige auftauchen). Ende 1973 erschien das Album und ging zur großen Überraschung aller Beteiligten total durch die Decke. Der Song selbst ist eine sarkastische Aneinanderreihung von Ereignissen in der Hamburger Kneipe „Onkel Pö“, einem Treffpunkt der damaligen Szene. Die Andrea Doria war ein Passagierschiff, welches 1956 nach eine Kollision gesunken war – quasi „keine Panik auf der Titanic, es ist genug Wasser für alle da“.

Wir wollen doch einfach nur zusammen sein

Ebenfalls aus dem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ stammt dieses Stück, welches später unter dem markanteren Titel Mädchen aus Ostberlin bekannt wurde. 1973 fanden in Ostberlin die Weltfestspiele statt, bei denen sich der damals real existierende Sozialismus besonders weltoffen präsentierte, die Mauer zwischen Ost und West war aber so undurchdringlich wie eh und je. Zumindest von westlicher Seite wurde es ab 1973 einfacher, der „Grundlagenvertrag über die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“ erlaubte Tagesbesuche aus dem Westen in den Osten. Udo griff das Thema bekanntermaßen später noch öfter auf.

Boogie Woogie Mädchen

Aller guten Dinge sind drei, also noch ein Titel von „Alles klar auf der Andrea Doria“. Udo beschreibt hier sehr treffend die Atmosphäre eines wilden Rockkonzertes, und dürfte durchaus autobiographisch angehaucht sein. Das Panik-Orchester bestand ja nicht aus Dilettanten, sondern aus versierten Musikern der Hamburger Szene, da dürfte schon ordentlich die Post abgegangen sein.

Honky Tonky Show

Das Nachfolgealbum „Ball pompös“ erschien 1974. Die Honky Tonky Show geht eingehend auf das Thema Groupies ein und dass das Panikorchester durchaus für Panik sorgt, wenn es in der Stadt aufschlägt. Aus heutiger Sicht mag man das nicht mehr wirklich nachvollziehen können, aber ich kann mir schon vorstellen, dass für viele Mütter und Väter damals Udo Lindenberg im gleichen Atemzug wie Ozzy Osbourne genannt wurde – bzw. noch viel schlimmer, denn man verstand seine Texte, die sich oft genug gegen den ganzen kleinstädtischen Mief richteten, aus dem Udo selbst in jungen Jahren ausgebrochen war.

Rudi Ratlos

Zu den prägnanten Charakteren aus Udos Alben der 70er zählt neben vielen anderen auch Rudi Ratlos, ein steinalter Geiger, der früher mal der schönste Geiger der Stadt und Frauenschwarm war und heute immer noch spielt, weil die cleveren Businessleute damit Geld verdienen.

O Rhesus-Negativ

1975 erschien das Album „Votan Vahnwitz“ – wieder so ein prägnanter Charaktername. Dieser Song hat einen herrlich urkomischen Text über ein Zusammentreffen mit einem Vampir, der grade diese Blutgruppe nicht verträgt, dass das Vampirleben ansonsten aber schon toll ist, weil man nicht arbeiten muss, tagsüber pennen kann und nachts saufen geht.

Bodo Ballermann

Und weiter geht es mit dem nächsten prägnanten Charakter – Bodo Ballermann, das große Fußballgenie. Verewigt wurde der Song auf dem 1976 schienenen Album „Galaxo Gang“. Und wie das so ist mit den Fußballstars – sie werden bejubelt, weil es Tore am laufenden Band erzielen, und sie werden verteufelt wenn sie Ladehemmung haben. Der Text ist theoretisch zeitlos, allerdings wird Franz Beckenbauer erwähnt, womit dann doch ein klarer Zeitbezug gegeben ist.

Schneewittchen

Das 1977’er Album „Panische Nächte“ enthält den wilden Charakter „Riki Masorati“, einen Rennfahrer. Außerdem gibt es sizilianische Werwölfe, die deprimierende Hymne aller Hausfrauen namens Sie ist 40 und allerlei anderes. Diese Nummer greift das große Thema Drogen auf und zeichnet dabei ein reichlich düsteres Bild, wo Drogen doch eigentlich farbenfrohen Rausch versprechen.

Guten Tag, ich heiße Schmidt

Dieser Song ist ein gutes Beispiel für die sozialkritischen Texte von Lindenberg. Der Song ist auf dem ’78er Album „Dröhnland Symphonie“ enthalten, und der Refrain bringt es auf den Punkt „Guten Tag, ich heiße Schmidet, und ich mache alles mit“. Er bezieht sich auf alle Mitläufer, Wellenreiter, an alle Leute ohne eigene Meinung, die einfach nur dem Trend hinterher rennen, egal ob popkulturell oder politisch.

Bett-Män

Aus dem gleichen Album stammt dieser Superheld. Der toll flatternde Flügelmann will dann aber doch lieber – Deep Purple’s Lazy lässt grüßen – nur im Bett bleiben. Einfach nur wunderbar witzig und unbeschwert.

Reeperbahn

Ebenfalls 1978 erschien „Lindenberg’s Rock Revue“. Die enthält ausschließlich Coversongs mit eingedeutschten Texten. Das funktioniert stellenweise nur so mäßig, weil man eben textlich nah am Original bleibt (und bspw. Symapthy For The Devil von den Stones eben auch schwer zu übertreffen ist), aber mit seiner Hommage an die Hamburger Reeperbahn auf musikalischer Basis von Penny Lane von den Beatles klappt das super – eben weil der Text komplett eigenständig und passend ist.

Ich steh‘ ja so auf Disco

1979 folgte die zweite Rock-Revue unter dem Titel „Der Detektiv“. Erneut werden diverse englische Titel eingedeutscht, die musikalische Bandbreite reicht dabei von Stevie Wonder über Elton John bis zu Billy Joel und Steppenwolf. Diese Nummer ist hingegen eine Eigenkomposition, die den damaligen musikalischen Zeitgeist auf die Schippe nimmt. Gut, musikalisch klingt es halt trotzdem nach Disko.

Wozu sind Kriege da?

Eigentlich mag ich den Song überhaupt nicht, weil er mir musikalisch zu platt ist. Andererseits ist der Text aber eben leider damals wie heute brandaktuell. Aufgenommen wurde der Song 1981, er erschien nur als Single. Der Junge, der da singt ist übrigens Pascal Kravetz, Sohn von Jean-Jacques Kravetz, einem in Hamburg lebenden Franzosen. Der wiederum gehörte schon lange zu Udos Panik-Orchester und war vorher Organist bei Frumpy und spielte auch mit Peter Maffay. Pascal studierte später auch Musik und spielte seither unter anderem mit Maffay, aber auch Bruce Springsteen und Joe Cocker – es gibt schlechere Referenzen.

Sonderzug nach Pankow

In den frühen 80ern veränderte sich der Stil mehr hin in Richtung gradlinigem Deutschrock, das chaotisch-panische der 70er wurde abgelegt. Geblieben sind die Texte, allen voran bei diesem Klassiker aus dem Jahr 1983, erschienen auf dem Album „Odyssee“. Schon Jahre vorher hatte Udo in einem Interview geäußert, in der DDR auftreten zu wollen, das wurde (natürlich) nicht genehmigt, dann gab es nach viel Hin und Her seinen bekannten Auftritt im Palast der Republik bei der Veranstaltung „Rock für den Frieden“ (vor linientreuem handverlesenem Publikum und ohne diesen Song). Die Nummer basiert musikalisch auf Glenn Miller’s Swing-Klassiker Chattanooga Choo Choo und wurde einer der bekanntesten in UdosKarriere. Der Text war natürlich wenig dazu geeignet, ostdeutsche Funktionäre von Udo Lindenberg zu überzeugen, und erst nach der Wende konnte Udo dann tatsächlich im Osten auftreten.

Du knallst in mein Leben

Ebenfalls aus dem Album „Odyssee“ stammt diese poprockige Nummer, bei der es um dieses schöne Gefühl geht, wenn man schwer verliebt ist.

Horizont

Ende 1986 erschien das Album „Phönix“, auf dem dieser Song zu finden ist, der Anfang 1987 auch als Single erschien. Der Song dreht sich um das Ende einer langen Freundschaft/Beziehung, und wie es doch irgendwie weitergeht, da die Welt nicht am Horizont zuende ist. Udo widmete dieses Stück einer langjährigen Weggefährtin, die damals verstorben war. Die Idee zum Text kam ihm wohl in einem Hotel am Timmendorfer Strand, wo er einen guten Blick auf eben jenen Horizont hatte.

Ich lieb dich überhaupt nicht mehr

Vom 1987 erschienen Album „Feuerland“ stammt dieser eher nachdenkliche Song. Die heiße Liebe ist vorbei, sie hat sich von ihm getrennt und er hadert noch immer mit seinen Gefühlen für die Verflossene. Gut, einen Fernseher hab ich noch nicht eingetreten (ich hab auch gar keinen), aber die Gefühlswelt können viele sehr gut nachvollziehen.

Die Klavierlehrerin

Nach all der Gefühlsduselei muss mal wieder ein Song mit frechem Text her, und Udo lieferte eben diesen 1988 auf dem Album „CasaNova“. Man kann bei der Klavierlehrerin eben nicht nur lernen, wie man die richtigen Tasten drückt.

Ein Herz kann man nicht reparieren

Anfang 1991 erschien das Album „Ich will dich haben“, und darauf war dieser Song, der dann auch zur Single wurde. Ob man ein Herz nun reparieren kann oder nicht, und ob Küsse die richtige Medizin sind, das sollen mal die Ärzte (nein, nicht die Band aus Berlin (aus Berlin!), sondern richtige Mediziner) beurteilen, aber hilfreich dürfte Liebe durchaus sein, so ganz allgemein gesprochen.

Club der Millionäre

Udo war fleißig im Jahr 1991, da erschien schon im Herbst das nächste Album „Gustav“. Auf diesem findet man diesen schönen Song, der noch einmal mit bissiger Ironie zeigt, dass das Leben auch als Millionär kein einfaches ist.

So, extra langes Mixtape – in diesem Sinne alles Gute zum Geburtstag, Udo!

 

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