Der erste Abschnitt des Urlaubs neigte sich dem Ende zu, und nach der anstrengenden Wanderung oberhalb von Wengen war ein Tag ohne große Wanderung genau das richtige Kontrastprogramm. Stattdessen war viel Bahn fahren angesagt, was ja in der Schweiz in den allermeisten Fällen problemlos funktioniert.
Der für mich relevante Zug fuhr erst halb elf ab, daher war ausnahmsweise ein spätes und umso ausführlicheres Frühstück angesagt. Danach hieß es nun Schlüssel abgeben und aus dem Hotel auschecken. Dort gab es – für die angesagten hochsommerlichen Temperaturen unpassend – Schokolade und – für die angesagten hochsommerlichen Temperaturen passend – Getränke mit auf den Weg. Zusätzlich kaufte ich mir gleich noch ein weiteres Sixpack Zuckerwasser, auch wenn ich es heute in den klimatisierten Zügen wohl kaum brauchen würde.
Etappe 1 – Interlaken Ost nach Bern
Der Zug wurde 10 Minuten vor Abfahrt bereitgestellt und ich suchte mir ein hübsches Plätzchen im Oberdeck in Fahrtrichtung rechts, denn wenn man schon bei sommerlich wolkenlosem Wetter durch die Gegend fährt, will man ja auch den guten Ausblick auf den See haben. In diesem Fall auf den Thunersee auf der Fahrt Richtung Spiez und Thun. Ansonsten gibt es zur Fahrt eigentlich nicht viel zu sagen, der Zug war zu dieser Uhrzeit ziemlich leer, und sobald man Thun erreicht hat wird die Fahrt auch eher langweilig. Die Berge liegen hinter einem, und erst kurz vor Bern wird es mit dem Lorraineviadukt nochmal spannend.
In Bern war dann wieder zügig Umsteigen angesagt, das war diesmal auch alles überhaupt kein Problem, in zehn Minuten einmal die Treppe hoch und nebenan wieder runter kriegt man dank Rolltreppe auch mit Koffer hin. Und dann ging die schöne Fahrt auch schon weiter in Richtung Zürich.
Etappe 2 – Bern nach Zürich
Darüber viel zu erzählen ist eigentlich noch langweiliger – die Bahn 2000-Strecke führt parallel zur Autobahn und teilweise in einem Einschnitt quer durch eher flache Landschaft und hat damit viel Ähnlichkeit mit den Schnellfahrstrecken in Deutschland, wo man immer dann, wenn es eigentlich mal was zu sehen gäbe in einen Tunnel reinfährt. Der sehenswerteste Teil der Strecke ist eben kurz nach der Abfahrt aus Bern der Lorraineviadukt mit Blick auf die Altstadt. Danach biegt man in Bern Wankdorf nun eben links ab statt rechts in Richtung Thun und dann geht es quasi immer gerade aus.
Der wichtigste Knotenpunkt der Schweiz – Olten – wurde ohne Halt durchfahren und einige Tunnel später ist der Zug dann schon hinter Aarau und man schlängelt sich durch die umfangreichen Gleisanlagen im Westen von Zürich. Der Zug selbst war auch nur mäßig besucht, und so verging die Fahrt ziemlich ereignislos. Die Umsteigezeit in Zürich passte diesmal zum Glück, denn ich musste vom Untergeschoss in die Haupthalle hoch. Zum Glück hab ich das ja schon mehrfach hinter mir und weiß dementsprechend ungefähr, wo es langgeht.
Etappe 3 – Zürich nach Chur
Der IC nach Chur war vergleichsweise gut besucht, ich fand aber noch einen schicken Sitz in Fahrtrichtung auf der linken Seite – was auf dieser Strecke ja sehr wichtig ist. Die weiteren Fahrgäste im Waggon sprachen Englisch und gehörten offensichtlich zu mindestens zwei Reisegruppen. Und somit ergaben sich in der folgenden Stunde nun sehr spannende kulturelle Einblicke – neben den Ausblicken aus dem Fenster auf Zürichsee und Walensee natürlich. Und weil es so schön ist, gibt es eine Führerstandsmitfahrt bei youtube.
Die eine Reisegruppe waren Amis. Die unterhielten sich in einer Lautstärke, dass der ganze Wagen jedes Wort mitbekam, und außerdem war die Aussicht auf den See „bloody awesome“ und „absolutely fantastic“. Nebenbei erfuhr ich dann auch gleich die weiteren Reisepläne der Gruppe, nämlich Fahrt nach St. Moritz und einige Tage später Fahrt mit dem Glacier Express nach Zermatt. Kann man schon machen, aber eben leise.
Der komplette Gegensatz dazu waren die zwei Pärchen schräg gegenüber im Viererabteil. Die sprachen auch Englisch, aber kaum hörbar. Außerdem drückten sie sich deutlich gewählter aus, so in der Art „yes, these views are rather lovely, don’t you think?“ Richtig, das waren Briten, wie kommt man nur darauf?
Die Fahrt selbst war davon abgesehen natürlich ganz wundervoll. Nach der Ausfahrt aus Zürich gondelt man ja zunächst durch einen länglichen Tunnel bis Thalwil, aber ab dort dann immer am Seeufer entlang. Da war allerhand Betrieb mit Booten, die Freibäder waren bei inzwischen über 30°C auch gut besucht. Nach dem Zürichsee hält man ja anschließend noch auf den Walensee zu, der ist zwar viel kleiner, aber die Aussicht noch viel spektakulärer mit den hohen Bergen im Hintergrund. Da verzweifelten die Amis dann allerdings, denn immer wenn sie ein Foto machen wollten fuhr der Zug in einen Tunnel ein.
Der letzte Abschnitt von Sargans nach Chur ist dann ja vergleichsweise langweilig, einfach entlang der Autobahn mit Bergen im Hintergrund. Die Reisegruppen machten dann schon Hektik von wegen Umsteigen und so wenig Zeit und bla und laber. Im Endeffekt musste man es dann ja trotzdem nur unfallfrei quer über den Bahnsteig laufen.
Etappe 4 – Chur nach St. Moritz
Der schönste Abschnitt der Fahrt war – ganz im Sinne der perfekten Reisedramaturgie – der letzte. Natürlich bin ich die Albulastrecke seit 2011 schon mehrfach hoch und runter gefahren, aber sie ist ja eben nicht grundlos UNESCO Welterbe. Und bei allerschönstem Sonnenschein konnte man die Fahrt auch entsprechend genießen. Diverse Fahrgäste machten quasi pausenlos Fotos, insbesondere natürlich von der Überfahrt des Landwasserviaduktes. Ich konnte mir das verkneifen, das stand ja für die nächsten Tage noch auf dem Programm. Führerstandsmitfahrten kann man sich aber geben.
Hinter Filisur geht es ja dann in spektakulärster Art und Weise noch 600 Höhenmeter nach oben, insbesondere zwischen Bergün und Preda fährt der Zug ja quasi Karussell. Der Bahnhof Preda hatte sich seit meinem letzten Besuch ziemlich verändert – der neue Albulatunnel ist ja inzwischen fertig. Ich genoss einfach die Fahrt, für die kommenden Tage war auch hier noch eine Wanderung angesagt.
Und so erreichte ich kurz vor 16 Uhr schließlich St. Moritz, den einzigen mir bekannten Ort, wo man in der Bahnhofstiefgarage an einem Rolls-Royce vorbeilaufen kann. Danach folgen drei Rolltreppen oder alternativ 188 bis 192 Treppenstufen (ich zählte in den Folgetagen mehrfach nach, hab mich aber immer verhaspelt…). Die letzten Meter zum Hotel waren dann die anstrengendsten des Tages, immerhin ging es da nochmal steil bergauf.
Das Hotel der Wahl liegt sehr zentral mit kurzen Wegen in alle Richtungen, da verschmerzt man das gerne – außerdem hätte ich mir ja den Chauffeurservice buchen und mich vom Bahnhof abholen lassen können. So dekadent bin ich dann aber doch noch nicht, zumal sie mich nur mit einem einfachen Kleinbus abgeholt hätten und nicht mit dem Rolls-Royce, wie er nebenan vorm Nobelhotel geparkt steht.
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich gemütlich im Hotelzimmer herumlümmelnd. Hier schaltete ich auch zum ersten Mal in diesem Urlaub (und das erste Mal seit Monaten überhaupt) das Farbglotzofon an. Drei Stunden Zapping durch 60 Kanäle später war ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich nichts verpasst hatte, so dass der Abend mit der Kika Nachtschleife und Bernd dem Astrobrot beendet wurde: „Mist!“

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