Der Anreisetag bestand aus frühem Aufstehen, frühem Schlafengehen und zwischendrin geplantem und ungeplantem Umsteigen mit mal mehr und mal weniger Zeitdruck. Aber der Reihe nach…
Die große Planung
Die große generalstabsmäßige Planung war ganz auf das Erreichen des Zuges von München nach Zürich ausgerichtet. Der fährt nämlich nur alle zwei Stunden, baut dabei in aller Regel viel Verspätung auf und braucht außerdem mal eben schlappe dreieinhalb Stunden für die Fahrt. Darüber hinaus ist er als Flughafenshuttle gern komplett ausgebucht. Da in München gerade Bauarbeiten sind und der halbe Bahnhof verrammelt und damit die Umsteigewege auch noch länger als sonst sind plante ich also eine reichliche halbe Stunde Umsteigezeit ein – lieber ein paar Minuten mehr in der Gegend rumstehen als mit Koffer beladen dem Zug hinterher rennen. Sowas mache ich aus Prinzip nicht gern, schon gar nicht im Urlaub.
Die Fahrplanauskunft spuckte also einen eigentlich ganz praktischen Plan aus: Mit dem Bus gegen halb acht Uhr morgens zum Bahnhof in Erlangen, von dort wenige Minuten später per Regionalzug nach Nürnberg und von da wenige Minuten später mittels ICE nach München. Da hätte ich dann rund eine Stunde Zeit, bevor es kurz vor 11 in Richtung Bodensee weitergehen würde. Ankunft in Zürich gegen halb drei Uhr nachmittags und sogar eine halbe Stunde Umsteigezeit zum nächsten Intercity nach Interlaken. Eigentlich alles ganz entspannt.
Planung vs. Realität
Ich fiel also pünktlich aus dem Bett und stand dann ebenso pünktlich samt Koffer und Rucksack an der Bushaltestelle. Sogar so pünktlich, dass ich einen Bus eher losfahren konnte als ursprünglich geplant. Und das war dann auch gleich wichtig: Wir waren kaum zwei Haltestellen gefahren als mein smarter Hosentaschencomputer herumbrummte. Eine Nachricht von der DB: der Regionalzug hat Verspätung, und zwar so viel dass mein Anschluss in München auf der Kippe stand. Die Urlaubsreise hatte also noch nicht mal richtig begonnen und schon war die Planung beim Aufprall auf die Realität zerbeult und beschädigt.
Nun hatte ich aber in weiser Voraussicht (oder aufgrund einer begründeten Vorahnung) schon mal geschaut was da sonst noch so an Zügen unterwegs ist. Wenige Minuten vor dem Regionalzug fuhr nämlich auch ein ICE nach München. Den wollte ich eigentlich nur deswegen nicht nehmen, weil ich dann nochmal länger in München herumstehen würde, aber nun war dieser Zug die valide Alternative – aber eben auch nur, weil ich einen Bus zeitiger als geplant unterwegs war, sonst hätte ich den nämlich nicht gekriegt. Ich stieg also am Bahnhof Erlangen aus dem Bus aus, stiefelte flotten Fußes in den Bahnhof und als ich am Bahnsteig die Treppe hochkam stand der ICE auch direkt bereit zum Einsteigen.
Ich suchte mir also einen freien Platz, atmete nochmal tief durch und dann ging es auch schon los in Richtung Nürnberg und umsteigefrei weiter nach München. Der Zug war recht leer, und gegen halb zehn Uhr morgens war ich dann auch pünktlich in München angekommen.
In der Gegend herumstehen
Da hatte ich nun also gut über eine Stunde Zeit um selbige totzuschlagen. Chuck Norris hat ja bekanntermaßen die Zeit totgeschlagen – zweimal, bevor ihm dann die letzte Stunde schlug. Im Bahnhof selbst war abartiges Gedränge, weil große Bereiche wegen der Bauarbeiten abgesperrt sind und sich alles über den dann doch recht schmalen Querbahnsteig quetschen muss. Ich nutzte die Zeit mir noch eine Reiselektüre zuzulegen und beschloss anschließend aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen und der entsprechend schlechten Luft im Untergeschoss einen Ortswechsel zum Starnberger Flügelbahnhof. Das ist der nördliche Außenteil des Bahnhofs, da fährt eben auch der ECE Richtung Zürich ab. Normalerweise gibt es da eine Verbindung von der Haupthalle über Gleis 26 hin, aufgrund der Bauarbeiten muss man aber außen rum durch das alte sonst unbenutzte Empfangsgebäude. Alles etwas umständlich und vor allem gut besucht, aber ich hatte ja Zeit.
Das Hauptproblem war nun, ein einigermaßen gemütliches und schattiges Plätzchen zu finden, denn der Zug stand zwar schon am Bahnsteig, war aber noch verschlossen, und die Reisenden – darunter viele internationale Flugreisende mit entsprechend viel Gepäck – stapelten sich auf dem doch reichlich schmalen Bahnsteig. Ich tigerte also in der folgenden halben Stunde immer wieder den Bahnsteig hoch und runter und achtete drauf, nicht zu viel in der Sonne zu stehen – Sonnenbrand schon bei der Anreise wäre ja äußerst doof gewesen.
Etwa 10 Minuten vor Abfahrt konnte man dann endlich auch einsteigen. Ich suchte mir also meinen reservierten Platz, wuchtete den Koffer in die Ablage und verschlief dann den größten Teil der Fahrt durch so weltbewegend wichtige Orte wie Buchloe und Memmingen. In Richtung Lindau, wenn dann die ersten echten Berge zu sehen sind und irgendwann auch der Bodensee in Sicht kommt, war ich dann so einigermaßen ausgeschlafen. In Bregenz hatten wir, wie erwartet, eine gute Viertelstunde Verspätung. Die Strandbäder am Bodensee waren bei allerbestem Sommerwetter gut besucht, und als dann erstmals die Schweizer Ansage kam, die alle Reisenden recht herzlich in der Schweiz begrüßte, kam dann so langsam leichte Urlaubsstimmung auf.
Umsteigeritis, die erste
Die Stimmung hielt ungefähr bis St. Gallen, da hatten wir dann nämlich eine runde halbe Stunde Verspätung. Meine geplante Umsteigezeit von 34 Minuten war damit ziemlich geschrumpft, es würde nun darauf ankommen, an welchem Gleis der Zug in Zürich einsortiert werden würde. Der Züricher Hauptbahnhof hat ja mehrere Ebenen, und wenn man dann von ganz unten nach ganz oben oder umgekehrt in Richtung des Anschlusszuges eilen muss, kann das auch mal ganz schnell hektisch werden.
Rein theoretisch könnte man das Umsteigen erheblich abkürzen, wenn man statt in Zürich schon in Winterthur oder am Züricher Flughafen umsteigt. Da hielt nämlich mein Zug jeweils am gleichen Bahnsteig wie mein Anschlusszug. Dummerweise waren die Züge in der falschen Reihenfolge unterwegs, mein Anschlusszug fuhr quasi direkt vor dem Zug, in dem ich saß. Damit war dann auch klar, dass ich das Umsteigen in Zürich ebenso vergessen konnte, zumal mein Zug schlussendlich in der Haupthalle einparkte statt im Tiefgeschoss und sich damit der Umsteigeweg von „einmal quer über den Bahnsteig“ auf „zwei Treppen runter und einmal den Bahnsteig lang“ verlängerte.
Da ich ja aus Prinzip im Urlaub keinem Zug hinterherrennen wollte, war nun also erneut kurzfristige Planänderung angesagt. In der Schweiz fährt auf den Hauptstrecken zwischen Basel, Zürich, Bern, Genf, Chur, Luzern und Spiez sowieso alle 30 Minuten irgendwas. So war das auch hier, eine halbe Stunde später fuhr ein IC nach Bern, dort hat man dann wieder Anschluss an einen IC nach Interlaken. Damit hatte ich nun also doch wieder eine halbe Stunde Zeit zum Umsteigen in Zürich und konnte das nutzen um direkt mal ein paar Getränke zu kaufen, die man bei über 30°C durchaus gut gebrauchen konnte.
Mit ausreichend lecker Zuckerwasser ausgestattet ging es nun gegen halb vier Uhr nachmittags aus dem Tiefgeschoss weiter in Richtung Bern. Die Strecke ist relativ langweilig, man gurkt durch diverse Tunnel, vorbei an Aarau in Richtung Olten und anschließend weiter auf der Bahn-2000-Strecke nach Bern.
Umsteigeritis, die zweite
In Bern hat man dann sechs Minuten Zeit fürs Umsteigen, allerdings muss man da einmal die Treppe hoch und runter. Das wäre prinzipiell kein Problem, allerdings hatte der Zug – schockschwerenot – drei Minuten Verspätung. Bei der deutschen Bahn wäre man damit absolut pünktlich, bei den Schweizern wird das dann mit dem Umsteigen durchaus knapp, vor allem wenn man nicht genau weiß wo man hin muss. Ich wusste das zum Glück, ich war auch schon mehrfach in Bern umgestiegen (ohnehin ein hässlich dunkler Bahnhof), aber andere haben da eher Schwierigkeiten.
Im Zug von Zürich nach Bern saß zum Beispiel auch eine chinesische Reisegruppe, ebenfalls auf dem Weg nach Interlaken wie sich später herausstellte. Und während ich in Bern ausstieg, schnurstracks die nächste Rolltreppe hochwetzte und am anderen Bahnsteig angekommen quasi direkt vor der ersten Klasse stand und wieder einsteigen konnte, hatte diese Reisegruppe wohl einen längeren Weg durch die Unterführung genommen und deswegen ein paar hundert Meter mehr Weg gehabt. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass man da auf dem Bahnsteig vielleicht erst einmal gucken muss, wo es langgeht, vielleicht noch viel Gegenverkehr auf den Treppen ist und man als Gruppe ja auch nicht so schnell unterwegs sein kann wie ich als solitärer Kofferträger, wird man feststellen, dass die verbliebenen drei Minuten Umsteigezeit arg knapp werden.
Und so passierte das, was ich in der Schweiz so auch noch nie erlebt habe: Die Reisegruppe begann den Zug zu entern und nachdem die Hälfte eingestiegen war schlossen die Türen und der Zug fuhr ab – und ließ eine halbe Reisegruppe auf dem Bahnsteig zurück. Das ist dann doch ausgesprochen doof für die Betroffenen, und das Zugpersonal war auch alles andere als hilfreich. Der IC nach Interlaken war dann auch entgegen der Vorhersage der SBB ausgesprochen gut gefüllt – das war nun der direkte Feierabendverkehr zwischen Bern, Thun und Spiez.
Gestresst? Ich bin nicht gestresst!
Das war irgendwie alles nicht so ganz entspannt, wie ich es gern gehabt hätte. So voll wie der Zug bis Spiez war konnte ich nich mal in Ruhe aus dem Fenster gucken und die inzwischen am Horizont auftauchenden Viertausender genießen. In Fahrtrichtung links hatte man nun Blick auf den Thunersee, ich saß auf der in Fahrtrichtung rechten Seite und konnte dementsprechend eine halbe chinesische Reisegruppe sehen, die fleißig Fotos vom See knipste.
Gegen halb sechs Uhr nachmittags war schließlich Interlaken erreicht, und ich war tatsächlich etwas groggy – die Hitze, die stellenweise notwendigen Planänderungen, mein noch nicht auf Urlaub getrimmtes Nervensystem – all das war irgendwie doch anstrengender als gedacht.
Zum Glück hatte ich nun keine weiteren dringenden Dinge zu tun, 150m neben dem Bahnhof ins Hotel einchecken und dann den Rest des Abends nichts tun. Das klappte dann auch ohne weitere Probleme. Das Zimmer war zwar nicht viel mehr als eine bessere Besenkammer, hatte aber dafür überraschenderweise eine Badewanne – und keine Klimaanlage. Letzteres ist in der Schweiz wohl irgendwie Standard, bei der aktuellen Hitze wäre es aber ausgesprochen hilfreich gewesen. Lüften war auch nicht wirklich sinnvoll möglich, da man dann den ganzen Krach von der Hauptstraße ungefiltert in den Ohren hatte.
Somit lautete dann der Beschluss, dass der entspannte Teil des Urlaubs auch am nächsten Morgen noch anfangen könnte und der Rest des Abends gemütlich schwitzend auf dem Bett verbracht werden könnte. Und so war dann auch relativ schnell Schicht im Schacht. Der Plan für den ersten echten Urlaubstag stand aber fest: Wandern im Lauterbrunnental.
Fazit
Kein Reiseplan hält länger als drei Bushaltestellen. Auch bei den Schweizer Bahnen läuft nicht immer alles glatt. So richtig Urlaub war das alles noch nicht.

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