{"id":90,"date":"2006-01-09T00:00:26","date_gmt":"2006-01-08T23:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/blog\/2006\/01\/09\/alle-jahre-wieder\/"},"modified":"2006-01-09T00:00:26","modified_gmt":"2006-01-08T23:00:26","slug":"alle-jahre-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2006\/01\/09\/alle-jahre-wieder\/","title":{"rendered":"Alle Jahre wieder&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Mach nich so &#8217;ne Hektik!&#8220; Diesen Spruch l\u00e4\u00dft mein Vater immer los, wenn meine Mutter irgendwelche Feiertage planen will. Letzter Anla\u00df f\u00fcr derartige Planungen war die Weihnachtszeit inklusive Silvester und dem Geburtstag meiner Mutter, der kurz nach Jahresanfang und damit denkbar ung\u00fcnstig liegt. Die Planung und das Schwanken zwischen guter Laune und Verzweiflung eskaliert dann in mehreren Stufen:<\/p>\n<p><!--more--> <strong>Stufe 1 &#8211; Anfang September<\/strong><br \/>\nIm Supermarkt werden die ersten Regale mit Weihnachtsnaschkram bef\u00fcllt, was ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr ist, da\u00df in dreieinhalb Ewigkeiten mal Weihnachten sein wird. Darum mu\u00df sofort und am besten noch vorgestern mit der Planung dieses Events begonnen werden. Als erstes wird das Ziel postuliert: &#8222;Wir machen dieses Jahr &#8217;n ganz ruhigen, kein Stre\u00df, keine Hektik.&#8220; Mein Vater brummt dazu irgendwas zustimmendes und verschwindet anschlie\u00dfend wieder im Garten zum Laub harken. Mein Bruder und ich sagen gar nix, da wir aus jahrelanger Erfahrung wissen, da\u00df es eh egal ist, was wir sagen, und am Ende kommt es ja doch ganz anders.<br \/>\nStufe 1b ist dann erreicht, wenn meine Mutter beim Abendbrot den Satz ausspricht &#8222;Da m\u00fcssen wir jetzt aber mal ne Planung machen.&#8220; Stunden sp\u00e4ter einigt man sich dann auf einen Kompromi\u00df, Mutter kriegt ein Glas Wein und Vater holt Zettel und Stift zum Notieren der Planung.<\/p>\n<p><strong>Stufe 2 &#8211; November<\/strong><br \/>\nSo langsam hat sich die Einsicht durchgesetzt, da\u00df man doch mal langsam mit der Planung konkret werden sollte, denn &#8222;wir wollten doch dieses Jahr zu Weihnachten essen gehen&#8220; beinhalten die unausgesprochene Formulierung &#8222;und dazu m\u00fcssen wir einen Tisch reservieren, und dazu m\u00fcssen wir wissen, f\u00fcr wieviele Leute&#8220;. Ob dieser Erkenntnis beginnt das gro\u00dfe Telefonieren mit den Gro\u00dfeltern. Nachdem diese sich entschlossen hatten, aufgrund der allgemeinen Gro\u00dfwetterlage daheim zu bleiben,kann auch ein Tisch bestellt werden &#8211; nur mu\u00df sich dazu der Familienrat einigen, in welches Lokal es gehen soll. Da sich die Auswahl auf &#8222;das oder gar keins&#8220; beschr\u00e4nkte, einigte man sich jedoch bemerkenswert schnell, denn die Alternative &#8222;gar keins&#8220; beschrieb auch die Menge des selbstgekochten Alternativessens ausreichend genau.<\/p>\n<p><strong>Stufe 3 &#8211; Ende November<\/strong><br \/>\nNachdem klar ist, da\u00df Weihnachten unausweichlich sein wird, mu\u00df es an die Planung der Beschenkerei gehen. Mein Bruder und ich machen es sich da viel einfacher und tragen so auch gleich zur Reduktion des Einkaufsstresses bei: Man kauft sich einfach ein paar neue Klamotten und bittet um finanzielle Beteiligung oder schickt ein paar Links zu interessanten Geschenkvorschl\u00e4gen.<\/p>\n<p><strong>Stufe 4 &#8211; 1. Advent<\/strong><br \/>\nDie Wohnung mu\u00df dekoriert werden, damit eine weihnachtliche Stimmung aufkommen kann. Dazu klettert Vater auf den Dachboden, holt einen Karton voll mit R\u00e4ucherm\u00e4nneln, Pyramiden und sonstigem Ged\u00f6ns runter und verteilt die ganzen Staubf\u00e4nger in der Wohnstube. Damit ist das bei uns erledigt, in gewissen Gegenden mu\u00df hingegen die ganze <a href=\"http:\/\/fun.drno.de\/movies\/lights.wmv\">Bude taghell illuminiert<\/a> werden (Vorsicht, 5MB Video!). Das ganze erinnert irgendwie an die Erz\u00e4hlung von der Randsiedlung \u00d6nkelstieg&#8230;<br \/>\nF\u00fcr mich beginnt die Stufe 4 mit der Feststellung, da\u00df ich Pl\u00e4tzchen und Nu\u00dfecken backen sollte, sonst gibt es derartige K\u00f6stlichkeiten zu Weihnachten nicht, und das geht ja schonmal gleich gar nicht. Die Gro\u00dfeltern geben dann auch noch ihren Senf in Form von Mandelstollen dazu, somit ist gesichert, da\u00df man Weihnachten nicht verhungert. Mutter f\u00e4ngt ihrerseits an, zigtausend Mal die K\u00fchltruhe umzustechen und den Inhalt zu katalogisieren. Daraus entsteht dann ein Men\u00fcplan mit 11 G\u00e4ngen, der vom Rest der Familie rundheraus abgelehnt wird, da sp\u00e4testens am zweiten Weihnachtsfeiertag eh keiner mehr Hunger hat.<br \/>\nDaraufhin verzieht sich Mutter beleidigt an den Rechner zum Solitaire-Spielen und erwartet von allen eine Liste mit Essensvorschl\u00e4gen f\u00fcr die Weihnachtstage. Das klappt dann erstaunlicherweise sehr gut, mit dem kleinen Problem, da\u00df die Listen so gut wie disjunkt sind, d.h. es bleibt eigentlich nur noch Gem\u00fcsesuppe und Nudeln mit Tomatenso\u00dfe \u00fcbrig. Viel wichtiger ist jedoch die Feststellung, da\u00df es unbedingt Schoko-Mandel-Pudding mit Schlagsahne geben mu\u00df, und da\u00df Vater gef\u00e4lligst vern\u00fcnftiges Bier kaufen soll und keine Pl\u00f6rre zu 4 EUR irgendwas pro Kasten. So is das halt mit verw\u00f6hnten Kindern, die wollen Qualit\u00e4tsware&#8230;<\/p>\n<p><strong>Stufe 5 &#8211; Eine Woche vor Weihnachten<\/strong><br \/>\nDas ist normalerweise der Zeitpunkt, an dem man sich m\u00f6glichst weit entfernt von zuhause aufhalten sollte. Jetzt geht das eigentliche Chaos los, denn Vater hat inzwischen Urlaub und beginnt dann in einer gro\u00dfangelegten Aktion das gesamte Haus zu putzen. Und wer nicht rechtzeitig abgehauen ist, wird zum Mitmachen verdonnert. Diesen Fehler macht man folgerichtig nur einmal. Das Putzen ist zwar eigentlich gar nicht notwendig und zu diesem Zeitpunkt sowieso ziemlich sinnlos, aber da ja im Regelfall die Verwandschaft in Kompaniest\u00e4rke anr\u00fcckt und jedes Staubkorn unterm Sofa findet, und \u00fcberhaupt und so. Also mu\u00df das Haus geputzt werden, auf da\u00df der Nachbar von soviel Glanz geblendet werde. Der Glanz ist aber nur von kurzer Dauer, denn es folgt ja nun erst noch<\/p>\n<p><strong>Stufe 5b &#8211; Aufbau des Weihnachtsbaums<\/strong><br \/>\nDieses Ritual beginnt mit dem Suchen von S\u00e4ge und Weihnachtsbaumst\u00e4nder. Nachdem dieses abgeschlossen ist, wird der Baum millimetergenau zurechtgefeilt, bis er in den St\u00e4nder pa\u00dft. Das passiert wohlgemerkt in der frisch geputzten und gesaugten Wohnstube. Wenn der Baum erstmal reinpa\u00dft, mu\u00df er nur noch aufgestellt und ausgerichtet werden. Da gibt dann jeder seinen Senf dazu, und irgendwann steht der Baum dann sogar halbwegs lotrecht. Jetzt folgt noch das obligatorische Verzieren mit Lichterkette, Kugeln und Lametta, und anschlie\u00dfend geht die Putzerei nochmal los &#8211; da aber selbst mein Vater dann keine gro\u00dfe Lust mehr hat, wird nur der gr\u00f6bste M\u00fcll weggesaugt, der Rest ist unterm Baum eh nicht zu sehen. In diesem Zusammenhang k\u00f6nnte man vielleicht in Zukunft die Initiative &#8222;Gummibaum statt Weihnachtsbaum&#8220; unterst\u00fctzen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Stufe 5c &#8211; Heiligabend<\/strong><br \/>\nSo, nun sollte eigentlich die Hektik beendet sein und man kann ein gem\u00fctliches, harmonisches und besinnliches Weihnachtsfest erleben. Denkste. Mutter macht sich n\u00e4mlich zu diesem Zeitpunkt gro\u00dfe Sorgen wegen des Auftritts des Frauenchors, denn die singen da offenbar nur Lieder in der vokalen Stratosph\u00e4re, und der Alt is auch so schwach besetzt und \u00fcberhaupt wurde das eine Lied viel zu selten ge\u00fcbt und dann isses doch auch noch kalt und \u00fcberhaupt. So schlimm kann das Ergebnis der Tr\u00e4llerei aber auch nicht sein, faule Eier oder alte Tomaten wurden noch nicht nach ihr geworfen. Daf\u00fcr geht sie der Familie beim \u00dcben m\u00e4chtig auf den Keks.<br \/>\nNachdem also Mutter an Heiligabend mit dem Chor gesungen hat, versammelt man sich so gegen 18 Uhr, nein, nicht vorm Weihnachtsbaum, sondern vorm Backofen, denn da ist der vorbereitete Auflauf drin, den es schon vor einer halben Stunde h\u00e4tte geben sollen. Mutter (ver)zweifelt daraufhin an ihren Kochk\u00fcnsten, an der Eieruhr und am Rezept, Vater brummt nur irgendwas von &#8222;h\u00e4ttste was gesagt, da\u00df wir den eher reinschieben sollen&#8220;, und ich sitze dazu auf dem Sofa und gucke <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Loriot\">Loriot<\/a> &#8211; Weihnachten bei Hoppenstedts. Zur Auflockerung der allgemeinen Atmosph\u00e4re wird dann erstmal beschert, dank der ausgekl\u00fcgelten Planung ohne SOS-Programm (Schlips, Oberhemd, Socken), daf\u00fcr mit riesengro\u00dfen Fre\u00dft\u00fcten voller Marzipan, Dominosteinen, Schokolade und weiteren Dickmachern. Daraufhin beginnt ein reger Austausch, bis dann jeder in seiner T\u00fcte nur noch Zeugs hat, was er auch essen will. Das ist immer noch einfacher, als Oma zu erkl\u00e4ren, da\u00df in die eine T\u00fcte keine Lakritze und in die andere kein dunkle Schokolade soll.<br \/>\nJetzt ist zwar der Auflauf bereit zum Verzehr, aber ich bin es nicht mehr, denn inzwischen kommt Familie Heinz Becker mit ihrem Streit um die Christbaamspitz, und sowas darf man ja nicht verpassen. Also wird das Essen kurzentschlossen vor den Fernseher verlegt. &#8222;Dann r\u00e4umen wir auf, und dann wirds gem\u00fctlich&#8220; &#8211; um mal Loriot zu zitieren, denn so gehts auch bei uns weiter. Das Gem\u00fctliche besteht dann aus einer oder zwei Flaschen Wein, einer Schale mit Knabberkram und Schokoladenzeugs sowie einer gemeinsamen Runde W\u00fcrfeln oder Kartenspielen. Und damit sind dann alle froh und zufrieden, den ganzen Zirkus ohne gro\u00dfe Panik \u00fcberstanden zu haben. Aber das war ja auch erst der Anfang.<\/p>\n<p><strong>Stufe 6 &#8211; 1. Weihnachtsfeiertag<\/strong><br \/>\nAn diesem Tag brechen die ersten aufgestauten Aggressionen heraus. Mutter beschwert sich, da\u00df die Kinder so lange pennen und das gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck ausfallen lassen, Vater regt sich auf, da\u00df er zum Mittagessen im Lokal ein Sakko anziehen soll, ich stelle fest, da\u00df ich kein Hemd habe, was zum Sakko pa\u00dft, und bei meinem Bruder mangelt es an ordentlichen Schuhen. Tja, Fehlplanung, man sollte die Kleiderordnung eben nicht erst eine Stunde vor dem Losgehen festlegen. Obendrein mu\u00df ja auch noch der Schokoladenpudding gekocht und kaltgestellt werden. &#8222;Eigentlich wollte ich meine Ruhe haben.&#8220; ist somit der am meisten ge\u00e4u\u00dferte Satz des Tages, zus\u00e4zlich kriegen mein Bruder und ich dann auch noch ein &#8222;Das hier ist nicht Hotel Mama!&#8220; zu h\u00f6ren, und nach dem Mittagessen verzieht sich jeder in eine andere Ecke des Hauses, womit tats\u00e4chlich Ruhe einkehrt.<\/p>\n<p><strong>Stufe 6b &#8211; Zwischen Weihnachten und Silvester<\/strong><br \/>\nSilvester wird traditionell mit mehreren Bekannten gefeiert. Das hat zur Folge, da\u00df zun\u00e4chst mal der Weihnachtsbaum rausgeschmissen werden mu\u00df, um Platz zu schaffen. Dann beginnt f\u00fcr meine Mutter eine hektische K\u00fcchenarbeitsphase, in der zahllose Salate, Spie\u00dfe und ein Topf Bowle vorbereitet werden m\u00fcssen. Vater hingegen will lieber noch die letzten Heimwerkerprojekte des Jahres beenden und kann darum nicht in der K\u00fcche helfen, was nat\u00fcrlich zu latenten Spannungen und einem schiefh\u00e4ngenden Haussegen f\u00fchrt &#8211; mal mehr, mal weniger, je nach dem, wie streitlustig alle noch sind.<br \/>\nDer H\u00f6hepunkt der Feiervorbereitung ist erreicht, wenn eine Stunde vor Beginn die Suche nach einer passenden Tischdecke beginnt und Vater feststellt, da\u00df der Wein garantiert nicht reichen wird und Mutter das B\u00fcffet auch ziemlich mickrig findet. Und so kl\u00e4fft man sich dann gegenseitig noch ein wenig an, bis die ersten G\u00e4ste vor der T\u00fcr stehen. Und oh Wunder, sie bringen auch noch einen Salat und einen Kasten Bier mit und am n\u00e4chsten Morgen stellt man fest, da\u00df man von den Resten noch vier Wochen zehren kann.<br \/>\nDiese Stufe entfiel dieses Jahr, bzw. wurde sie auf nach Silvester und vor Mutters Geburtstag verschoben. Somit ergab sich die v\u00f6llig un\u00fcbliche Tatsache, da\u00df ich zu Silvester meine Ruhe hatte. Keine G\u00e4ste, kein Stre\u00df, nur ich, laute Musik, eine Flasche Wein und ein Puzzle. Warum kann das nicht immer so sein?<\/p>\n<p><strong>Stufe 6c &#8211; Mutters Geburtstag<\/strong><br \/>\nDieses Ereignis findet eigentlich als zweiter Teil der Silvesterfeier statt und eignet sich somit hervorragend zur Resteverwertung. Insofern ist das mit dem Vorbereitungsaufwand wie in Stufe 6b beschrieben nicht ganz so tragisch, daf\u00fcr kommen aber noch ein paar mehr G\u00e4ste, die gerne mal ins Rotweinglas schauen, was dann ein Problem f\u00fcr die Vorr\u00e4te ist. Aufgrund jahrelanger \u00dcbung klappt das mit der Planung aber ganz gut, und so gegen halb drei kann man dann auch mal dran denken, ins Bett zu fallen, nachdem der neueste Klatsch ausgewertet ist, von dem ich nat\u00fcrlich nur Bahnhof verstehe, weil ich eigentlich niemanden dort kenne (und dem Getratsche nach zu urteilen will ich das auch gar nicht).<\/p>\n<p><strong>Stufe 7 &#8211; Finale<\/strong><br \/>\nDas letzte Wochenende, bevor man wieder arbeiten gehen mu\u00df. Beim Aufwachen hat man das Gef\u00fchl, im Kopf arbeite jemand mit dem Pre\u00dflufthammer. \u00dcberhaupt ist man sich sicher, da\u00df der Kopf am Abend vorher nur halb so gro\u00df war. Es ist auch nicht ganz klar, wieso das Bett so schwankt, und sowieso hat man sich auch schon mal besser gef\u00fchlt. Der Blick auf den Wecker best\u00e4rkt einen in der Entscheidung, Fr\u00fchst\u00fcck und Mittagessen ersatzlos zu streichen, man hatte ja ohnehin keinen Appetit. Stattdessen schluckt man eine Aspirin, dreht sich um und schl\u00e4ft wieder ein. Und das ist dann endlich der Zeitpunkt, auf den man die ganze Zeit hingearbeitet hat &#8211; Ruhe und Entspannung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mach nich so &#8217;ne Hektik!&#8220; Diesen Spruch l\u00e4\u00dft mein Vater immer los, wenn meine Mutter irgendwelche Feiertage planen will. Letzter Anla\u00df f\u00fcr derartige Planungen war die Weihnachtszeit inklusive Silvester und dem Geburtstag meiner Mutter, der kurz nach Jahresanfang und damit denkbar ung\u00fcnstig liegt. 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