{"id":76,"date":"2004-08-15T00:00:46","date_gmt":"2004-08-14T23:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/blog\/2004\/08\/15\/dabei-sein-ist-alles\/"},"modified":"2004-08-15T00:00:46","modified_gmt":"2004-08-14T23:00:46","slug":"dabei-sein-ist-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2004\/08\/15\/dabei-sein-ist-alles\/","title":{"rendered":"Dabei sein ist alles!?"},"content":{"rendered":"<p>Vorgestern war ja die Er\u00f6ffnungsfeier f\u00fcr die olympischen Spiele in Athen, zur besten Sendezeit live im Fernsehen. Und ich habe es boykottiert. Nicht weil es mich nicht interessiert h\u00e4tte, sondern einfach, weil mir dieses ganze kommerzielle Unterhaltungsdrumherum zu bl\u00f6d ist. Die Fernsehsender kriegen auch so ihre Quote. Es sollen wohl 3,9 Milliarden Menschen zugeschaut haben. Das sind 2\/3 der Weltbev\u00f6lkerung, da kommt es auf mich dann auch nicht mehr an. Aber dieser ganze Entertainment-Zirkus geh\u00f6rt wohl dazu. Schlie\u00dflich werden wohl schon im antiken Griechenland gro\u00dfe Zeremonien abgehalten worden sein, und die R\u00f6mer waren ja auch bekannt f\u00fcr Brot und Spiele. Somit ist die Vermischung aus sportlichem Wettstreit und publikumswirksamer Unterhaltung wohl so alt wie die Spiele selbst.<\/p>\n<p><!--more-->Ge\u00e4ndert haben sich seitdem die Austragungsorte, die Wettbewerbe, die Teilnehmerzahlen und nicht zuletzt die Geldsummen, die damit verdient werden k\u00f6nnen. Naturgem\u00e4\u00df steht gerade letzteres im krassen Gegensatz zur olympischen Idee, nach der dabeisein alles ist. F\u00fcr viele Sportler mag dies tats\u00e4chlich stimmen, aber es gibt Ausnahmen, also Sportler die um jeden Preis gewinnen wollen und daf\u00fcr auch mal mit unerlaubten Mitteln nachhelfen. Das ist nat\u00fcrlich keine Erfindung der Neuzeit, schon in der Antike wird es Betrug bei den Wettk\u00e4mpfen gegeben haben. Ebenso logisch ist es, da\u00df man nicht nur von Leitungswasser die H\u00f6chstleistungen heutiger Athleten erreicht. Aber abgesehen davon ist \u00fcblicherweise jeder Teilnehmer noch vor Ende des Wettkampfes sowieso schon ein Sieger, zumindest in den Augen der Medien.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich bei Sportereignissen von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als der oberfr\u00e4nkischen Regionalausscheid im Unterwassermikado werden nat\u00fcrlich jede Menge Journalisten, Fernsehleute und sonstige Berichterstatter hingeschickt, damit man auch ja im Bild festhalten kann, wie der Nachwuchsspieler der Halmanationalmannschaft von Samoa sein Fr\u00fchst\u00fccksei pellt. Dazu geh\u00f6ren nat\u00fcrlich auch Leute mit dem entsprechenden kulturellen Hintergrundwissen, sonst kann man dem Zuschauer ja nicht erkl\u00e4ren, da\u00df das Schale des Fr\u00fchst\u00fcckseis in Samoa grunds\u00e4tzlich durch einen kunstvollen Piekser mit einem speziell daf\u00fcr entwickelten Eierpiekser geknackt wird, da dies Gl\u00fcck und gesteigerte Manneskraft bringen soll. Vielleicht klappt das aber auch nur, weil die Bewohner von Samoa fest dran glauben, denn der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Aber egal, ich schweife ab.<\/p>\n<p>In good ol&#8216; Dingsda, \u00e4h, Deutschland, gibt es ja bekanntlich zwei \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehsender, und die haben sich nat\u00fcrlich ebenfalls voll diesem investigativen Journalismus verschrieben. Und so werden zu Olympia, Tour de France, Fu\u00dfball-WM und was wei\u00df ich wo sonst noch Unmengen an Reportern, Material und Mitarbeitern geschickt. Dazu kommen nat\u00fcrlich noch zur jeweiligen Sportart passende Experten, denn man kann ja nicht mit Jens Wei\u00dfflog \u00fcber das Kettenblatt von Lance Armstrong philosophieren, genausowenig wie Rudi Altig die Eigenheiten des Skis von Sven Hannawald erkl\u00e4ren kann. Soweit, so gut.<\/p>\n<p>Aber wieso schaffen es ARD und ZDF immer wieder, sich trotz (oder gerade wegen des) riesigen technischen Aufwands total zu blamieren? Das letzte hervorragende Beispiel daf\u00fcr war die Tour de France vor wenigen Wochen. Beide Sender mit ihrem eigenen Sendeteam, eigenen Experten, jeder Menge Sendezeit und \u00fcberhaupt perfekt vorbereitet. Dazu Jan Ullrich, der gerade mit dem Sieg bei der Tour de Suisse seine Form gezeigt hatte.<\/p>\n<p>Und genau da lag der Hase im Pfeffer. F\u00fcr die Medien in Deutschland war schon vor der ersten Etappe klar, wer am Ende ganz oben steht &#8211; klar, Jan Ullrich. Und aus genau diesem Grund konzentrierte sich die Berichterstattung nur auf ihn. Da war es schei\u00dfegal, da\u00df ein junger Franzose wie ein L\u00f6we k\u00e4mpfte, um das Gelbe Trikot auch nach den Pyren\u00e4en noch zu tragen (und sich dar\u00fcber mehr freute als so manch arrivierter Profi \u00fcber einen Etappensieg), da war es egal, da\u00df Lance Armstrong wieder einmal eine Klasse f\u00fcr sich war &#8211; es ging nur um Jan Ullrich, oder bei den Sprintank\u00fcnften halt um Erik Zabel. Dabei k\u00f6nnen auch andere kr\u00e4ftig in die Pedale treten. Dazu kamen \u00fcberlange Vorberichte \u00fcber das kulturelle Drumherum, die vielleicht f\u00fcr Frankreichurlauber oder Weinkritiker interessant waren, aber nicht f\u00fcr den durchschnittlichen Sportfan. Kurz gesagt ein hervorragendes Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Gottseidank konnte man die Tour auch auf Eurosport verfolgen. Da gab es kompetente Moderatoren, die Zuschauerfragen beantworteten, einem das Geschehen in einer auch f\u00fcr Laien verst\u00e4ndlichen Art erkl\u00e4rten und vor allem in erster Linie das Rennen kommentierten anstatt \u00fcber K\u00e4sesorten zu referieren. Da machte das Zuschauen Spa\u00df und es spielte keine Rolle, da\u00df Jan Ullrich &#8222;nur&#8220; Vierter wurde. Das mu\u00df man schlie\u00dflich auch erstmal schaffen.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Katastrophe war die Fu\u00dfball-EM. Nur gut, da\u00df Deutschland da schon in der Vorrunde ausgeschieden ist, da war der Wahnsinn wenigstens schnell vorbei. Aber im Vorfeld machten uns die Medien nat\u00fcrlich zum gro\u00dfen Favoriten, immerhin war man ja vor zwei Jahren sogar Vizeweltmeister geworden. Da\u00df man sich damals eher ins Finale stolperte anstatt Fu\u00dfball zu spielen, wurde dabei nat\u00fcrlich geflissentlich \u00fcbersehen, ebenso die durchwachsenen Ergebnisse in der Vorbereitung. Der gr\u00f6\u00dfte Witz an der EM war dann allerdings (neben dem Titelgewinn f\u00fcr Griechenland) der R\u00fccktritt von Rudi V\u00f6ller bzw. die daraus resultierenden Folgen. Das beim DFB ausgel\u00f6ste verharmlosend als &#8222;Trainersuche&#8220; titulierte Chaos \u00fcbertraf denn auch die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen. Zumindest f\u00fcr die Presse war es allerdings toll, konnte man doch t\u00e4glich auf der Titelseite was berichten, wo doch das Sommerloch gerade nix besseres hergab. Inzwischen hat man mit J\u00fcrgen Klinsmann den ehemaligen Sturmpartner von Rudi in Kalifornien als neuen Trainer ausgegraben. Unterst\u00fctzt wird er unter anderem von Oliver &#8222;Golden Goal&#8220; Bierhoff. Und was passiert? Das erste Ziel, was der verhinderte B\u00e4cker und ehemalige Nationalst\u00fcrmer ausgibt, ist der Gewinn des WM-Titels 2006. Na klar, und ich renne n\u00e4chste Woche die 100m in acht Sekunden. Gehts noch? Aber das mit dem Anspruch und der Wirklichkeit hatten wir ja schon.<\/p>\n<p>Ganz anders Otto Rehagel und seine Griechen. Von den Medien nur als Au\u00dfenseiter bel\u00e4chelt und f\u00fcr Ottos Mauertaktik kritisiert, mauserten sie sich schnell zum Favoritenschreck und kickten unter Anderem so gro\u00dfe Mannschaften wie die Franzosen oder Tschechen raus. Das Interview von Waldemar Hartmann mit Otto Rehagel nach dem Sieg gegen Frankreich geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den TV-Highlights des Jahres. In seiner unnachahmlichen Art erkl\u00e4rte Otto da, wie und warum seine Mannschaft gerade gewonnen hatte. Angesprochen auf sein altmodisches Konzept mit Libero antwortete er einfach nur trocken: &#8222;Modern spielt, wer gewinnt.&#8220; Eine ebenso verbl\u00fcffende wie geniale Antwort.<\/p>\n<p>Aber neben Ottos taktischem Geschick und seiner Erfahrung war es sicherlich noch etwas anderes, was die Griechen befl\u00fcgelte. Noch nie hatten sie bei einem Turnier nennenswerte Erfolge verbuchen k\u00f6nnen. In ihren Klubs sa\u00dfen die Spieler meistens nur auf der Ersatzbank. Wenn man dann pl\u00f6tzlich f\u00fcr sein Land antreten darf und es all den Beckhams, Zidanes, Figos und wie die sonstigen kickenden Million\u00e4re so hei\u00dfen zeigen kann, so geht man nat\u00fcrlich mit einer ganz anderen Motivation an die Sache ran.<\/p>\n<p>Und da schlie\u00dft sich der Kreis. Seit gestern k\u00e4mpfen die Sportler in Athen um olympisches Edelmetall. F\u00fcr viele ist von ihnen ist es schon das Gr\u00f6\u00dfte, \u00fcberhaupt dabei zu sein. Einige wenige k\u00f6nnen von sich sagen, da\u00df sie zu den klaren Topfavoriten in ihrer Disziplin geh\u00f6ren. Und von vielen Sportlern erwartet die geballte Medienarmada, da\u00df sie mindestens mit Gold nach Hause kommen. Da wird dann von einem Bann geredet, der erst gebrochen werden mu\u00df, um Medaillen zu gewinnen. Und der vierte Platz der Damen-Schwimmstaffel ist nat\u00fcrlich auch eine riesengro\u00dfe Entt\u00e4uschung, ebenso die Aufgabe des Zweiten der Tour de France Andreas Kl\u00f6den beim olympischen Radrennen.<br \/>\nDie unmittelbar Betroffenen sehen das vermutlich viel sachlicher &#8211; es gibt halt wie so oft im Leben jemanden, der besser ist. Hoffentlich kriegt man das irgendwann auch mal in der Medienlandschaft mit. Aber das w\u00e4re vermutlich zuviel verlangt, denn unsere Medienberichterstattung ist nat\u00fcrlich die Beste und somit fehlerlos&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgestern war ja die Er\u00f6ffnungsfeier f\u00fcr die olympischen Spiele in Athen, zur besten Sendezeit live im Fernsehen. Und ich habe es boykottiert. Nicht weil es mich nicht interessiert h\u00e4tte, sondern einfach, weil mir dieses ganze kommerzielle Unterhaltungsdrumherum zu bl\u00f6d ist. Die Fernsehsender kriegen auch so ihre Quote. 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