{"id":69,"date":"2003-09-17T00:00:23","date_gmt":"2003-09-16T23:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/blog\/2003\/09\/17\/weihnachtswahn\/"},"modified":"2003-09-17T00:00:23","modified_gmt":"2003-09-16T23:00:23","slug":"weihnachtswahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2003\/09\/17\/weihnachtswahn\/","title":{"rendered":"Weihnachtswahn"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten &#8211; da denkt jeder an entspannte Dezemberabende in heimeliger Atmosph\u00e4re, so mit Kerzenschein, Pl\u00e4tzchen und Weihnachtsstollen, w\u00e4hrend drau\u00dfen, bei leichtem Frost, locker flockig der Schnee f\u00e4llt, und im CD-Player eine CD mit den sch\u00f6nsten Weihnachtsliedern rotiert.<\/p>\n<p>SCHNITT, zur\u00fcck in die Realit\u00e4t<\/p>\n<p><!--more-->Wir haben Mitte September, drau\u00dfen ist der herrlichste Altweibersommer mit Temperaturen \u00fcber 20 Grad, die Bl\u00e4tter f\u00e4rben sich langsam rot und gelb, und alle denken eher an den n\u00e4chsten wochenendlichen Herbstspaziergang, oder die letzten notwendigen Gartenarbeiten.<\/p>\n<p>Alle? Nein, nicht alle. Eine kleine Gruppe von Leuten mit leicht verschobener Zeitwahrnehmung f\u00e4ngt genau jetzt an, die Supermarktregale mit Schokoweihnachtsm\u00e4nnern, Weihnachtsstollen, Marzipan, Lebkuchen und anderen figurschadenden Dingen zu best\u00fccken. Ich wei\u00df zwar nicht was das soll, da\u00df jetzt Tannengr\u00fcn die Auslage des Wurstregals schm\u00fcckt, oder warum man bei sommerlichen Temperaturen unbedingt in Weihnachtsstimmung kommen soll, aber aus irgendeinem Grund scheint es ja notwendig zu sein, einen 100-Tage-Countdown f\u00fcr das gro\u00dfe Fest einzuhalten &#8211; als wenn der Stollen davon besser wird, wenn er ein Vierteljahr im Regal liegt. Naja, wenigstens w\u00fcnschen die Verk\u00e4ufer momentan noch einen guten Tag anstatt eines frohen Festes&#8230;<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt tats\u00e4chlich anfangen w\u00fcrde, mich mit Lebkuchen und Stollen zu ern\u00e4hren, k\u00f6nnte ich das Zeug sp\u00e4testens Ende Oktober nicht mehr sehen &#8211; und da sind es immer noch zwei Monate, bis der Spuk vorbei ist&#8230; Wobei Spuk vorbei in dem Fall ja nur hei\u00dft, da\u00df die \u00fcbriggebliebenen Schokoweihnachtsm\u00e4nner verramscht werden, damit die Regale frei werden f\u00fcr die Schokoosterhasen, denn auf Weihnachten folgt ja direkt Ostern, also so mit 100 Tage Countdown und so. Zu Ostern ist die ganze Sache allerdings noch nicht ganz so extrem, oder hat schon mal wer im Januar eine Packung bunter Eier im Regal stehen sehen (warum gibts eigentlich beim Weihnachtsmann keine leichtverderbliche Ware? Lebkuchen werden blo\u00df hart).<\/p>\n<p>So richtig vorbei ist der ganze Einkaufsspuk dann erst nach Ostern, weil es da erstmal keine weiteren Feiertage gibt, d.h. Feiertage gibt es schon, nur werden die vom Einzelhandel nicht in dieser Form wahrgenommen. Hier gibt es also noch genug Entwicklungspotential, damit wir irgendwann zu jeder beliebigen Jahreszeit einen Countdown auf wichtige Feiertage haben, denn wo bleibt das Einkaufserlebnis, wenn man nur ganz banal hingeht und Brot und Butter kauft, weil kein Feiertag vor der T\u00fcr steht?<\/p>\n<p>Aus diesem Grund schlage ich folgenden Terminkalender vor: Der Januar beginnt bekanntlich mit Neujahr, da mu\u00df es rechtzeitig mit dem beginnenden Weihnachtsgesch\u00e4ft (also ab September) Schreibbl\u00f6cke geben, auf die man seine guten Vors\u00e4tze notiert, die man einzuhalten gedenkt. Diese eignen sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk, und beleben den Altpapierhandel, denn wer h\u00e4lt schon seine Vors\u00e4tze ein?<\/p>\n<p>Im Februar folgt der Valentinstag, also mu\u00df es ab sagen wir mal November Schokoladenherzen, Karten mit Herzchenmotiven, und sowieso und \u00fcberhaupt Blumen im Gro\u00dfangebot geben. Und wo wir schon bei Blumen sind, ab Dezember l\u00e4uft dann der Countdown zum Frauentag, da sind Blumen auch immer gern gesehen, und wenn man schon Blumen schenkt, kann man auch Vasen dazuschenken.<\/p>\n<p>Zu Ostern mu\u00df man nicht mehr viel sagen, das funktioniert ja einigerma\u00dfen, aber mit Beginn des Februar ist besonders auf den 1. Mai hinzuweisen. Dieser Kampftag der Werkt\u00e4tigen ist mit Mainelken, Spruchb\u00e4ndern und&#8230; ach halt, das ist ja jetzt nicht mehr&#8230; Also gut, dann ist dieser Feiertag der Werkt\u00e4tigen mit Sonderangeboten an Bier, Wein und anderen alkoholischen Getr\u00e4nken sowie Kopfschmerztabletten vorzubereiten. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Himmelfahrt, hier kann auch gleich die Fahrradindustrie durch Sonderangebote, Reifenchecks und \u00e4hnliches Umsatz machen, eine weitere Marktl\u00fccke w\u00e4re hier vielleicht auch der Verkauf von St\u00fctzr\u00e4dern bei Nachweis von mindestens 1,5 Promille.<\/p>\n<p>Am ersten Juni ist Kindertag, da gehen S\u00fc\u00dfigkeiten bestimmt gut, und zu Pfingsten k\u00f6nnte sich der Einzelhandel auch was einfallen lassen, besondere Grillangebote vom Pfingstochsen zum Bleistift. Nach so vielen Feiertagen hat man sich zwei Monate mit Ferien und Urlaub verdient, da k\u00f6nnte man aber noch von Seiten der Tourismusbranche und der Autoindustrie mehr machen.<\/p>\n<p>Im September beginnt das neue Schuljahr, f\u00fcr Studenten das neue Semester, bei vielen eine Ausbildung, und f\u00fcr die allermeisten ist es die Zeit wo der Urlaub vorbei ist. Der ideale Markt f\u00fcr Antidepressiva! Bei Schulkindern reicht ja meistens eine Zuckert\u00fcte, oder was anderes kleines, f\u00fcr Erwachsene darfs auch etwas mehr sein, schlie\u00dflich mu\u00df man ja gesund in den Weihnachtscountdown starten. Bevor es soweit ist, ist noch Tag der deutschen Einheit, der sich ideal f\u00fcr alle Arten von Leim und Klebstoff eignet &#8211; damit zusammenh\u00e4lt, was zusammengeh\u00f6ren soll.<\/p>\n<p>Der Feiertagscountdown endet dann mit dem Reformationstag, aber abgesehen von Rheumamitteln gegen Kreuzschmerzen will mir da keine wirklich sinnvolle Vermarktungsm\u00f6glichkeit einfallen. Da man zu diesem Zeitpunkt aber eh schon voll im Weihnachtscountdown ist, spielt das auch gar keine gro\u00dfe Rolle mehr.<\/p>\n<p>So, ich hoffe mal, da\u00df die Werbebranche dieses ungenutzte Potential erkennt &#8211; und da\u00df die Kunden den ganzen Werbespuk ignorieren, und lieber das kaufen, was sie tats\u00e4chlich brauchen, denn die meiste Freude macht man noch immer mit Geschenken, die von Herzen kommen, und da ist es egal, wie gro\u00df der Karton und wie hoch bzw. niedrig der Preis ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten &#8211; da denkt jeder an entspannte Dezemberabende in heimeliger Atmosph\u00e4re, so mit Kerzenschein, Pl\u00e4tzchen und Weihnachtsstollen, w\u00e4hrend drau\u00dfen, bei leichtem Frost, locker flockig der Schnee f\u00e4llt, und im CD-Player eine CD mit den sch\u00f6nsten Weihnachtsliedern rotiert. 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