{"id":65,"date":"2003-07-26T00:00:24","date_gmt":"2003-07-25T23:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/blog\/2003\/07\/26\/spielzeug-was-die-welt-nicht-braucht\/"},"modified":"2003-07-26T00:00:24","modified_gmt":"2003-07-25T23:00:24","slug":"spielzeug-was-die-welt-nicht-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2003\/07\/26\/spielzeug-was-die-welt-nicht-braucht\/","title":{"rendered":"Spielzeug was die Welt nicht braucht"},"content":{"rendered":"<p>Folgendes passierte neulich: Etwa 50 Studenten sa\u00dfen in einer Vorlesung, und mittendrin fing es aus einer undefinierten Richtung an zu piepsen. Etwa 40 Leute guckten irritiert in ihre Taschen, ob es ihr Handy war und der Prof schaute leicht genervt, weil er unterbrochen wurde. Eine unvorhergesehene Wendung nahm das Geschehen dann, als der Prof feststellte, da\u00df es sein Handy war&#8230; [Nachtrag: die gleiche Sache passiert wenige Wochen sp\u00e4ter nochmal &#8211; und als kr\u00f6nenden Abschlu\u00df klingelte sein Handy auch in der Pr\u00fcfung&#8230;]<\/p>\n<p><!--more-->In diesem Augenblick f\u00fchlte ich mich wieder einmal in meiner Meinung best\u00e4rkt, da\u00df ich keinen solchen Nervt\u00f6ter brauche. Als der Handywahn Ende der neunziger Jahre begann, ging ich noch zur Schule, da sah man sich eh jeden Tag, und nachmittags hatte ich dann kein Bed\u00fcrfnis mehr mich noch gro\u00dfartig mit irgendjemandem zu unterhalten. Beim Bund gab es f\u00fcr die wenigen Minuten, wo man \u00fcberhaupt mal Zeit zum Telefonieren hatte auch \u00f6ffentliche Fernsprecher, ebenso auf jedem Bahnhof, wenn ich mich mal au\u00dferplanm\u00e4\u00dfig meldete, um eine Versp\u00e4tung oder so anzuk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Anders s\u00e4he das nat\u00fcrlich aus, wenn ich Auto fahren w\u00fcrde: da kann es im Notfall schon sehr wichtig sein, jemanden telefonisch erreichen zu k\u00f6nnen &#8211; aber angerufen werden will ich deshalb noch lange nicht, schon gar nicht bei der Fahrt. Und auch sonst will ich selber entscheiden, wann ich erreichbar bin und wann nicht, und die st\u00e4ndige Erreichbarkeit, die das Handy bietet, f\u00fchrt ja meistens zu der Annahme, da\u00df man auch st\u00e4ndig erreichbar sein will.<\/p>\n<p>Damit hab ich f\u00fcr meine vier W\u00e4nde das Problem eines zu den unm\u00f6glichsten Zeiten klingelnden Handys elegant umgangen, was ich nat\u00fcrlich nicht so einfach umgehen kann, ist die Tatsache, da\u00df andere Leute trotzdem Handys haben, die dann zu den unm\u00f6glichsten Zeiten klingeln.<\/p>\n<p>Nun haben viele Leute mit einem Handy nat\u00fcrlich auch das dringende Bed\u00fcrfnis, stets und st\u00e4ndig mit irgendjemandem zu telefonieren &#8211; und sei es auch nur, um zu erfahren, da\u00df die Nummer st\u00e4ndig besetzt ist, weil der\/die andere auch grad telefoniert. Egal, dann wird halt was auf die Mailbox (eine denkbar d\u00e4mliche Beschreibung f\u00fcr ein Tonband) gesprochen, im allgemeinen der Satz, da\u00df man unbedingt sofort und am besten noch vorher wieder zur\u00fcckrufen soll. Sehr lustig (naja, eher nervig, ich sa\u00df im Zug und wollte pennen, &#8222;durfte&#8220; dann aber die ganze Zeit zuh\u00f6ren) sind Leute, die erstmal anrufen um die Abfahrt zu melden und da\u00df man wohl in zwei Stunden ankomme, f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter wieder anrufen und sich erstmal \u00fcber alles unterhalten, was man den ganzen Tag \u00fcber gemacht hat, sich dann noch mit vier anderen Freunden absprechen m\u00fcssen, was man n\u00e4chste Woche mal unternehmen will und dann wieder bei der ersten Nummer anrufen, um zu melden da\u00df man nach der H\u00e4lfte der Strecke tats\u00e4chlich noch p\u00fcnktlich ist&#8230;<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde mir nicht im Traum einfallen, zuhause anzurufen und zu sagen, da\u00df ich losgefahren bin und wenn alles pa\u00dft in vier Stunden ankomme. Da reicht eine Ank\u00fcndigung am Tag vorher, da\u00df man gegen x Uhr ankommen wird und wenn nicht, kommt man halt ne Stunde sp\u00e4ter. Und schon gar nicht w\u00fcrde ich mich dann \u00fcber meine Erlebnisse der vergangenen Tage\/Woche unterhalten, das kann ich nach der Ankunft immer noch in Ruhe. Aber warum soll man mit dem Verbreiten von Platit\u00fcden und Allgemeinpl\u00e4tzen vier Stunden warten, wenn man sie gleich loswerden kann und nebenbei noch den Mobilfunkbetreiber reicher macht?<\/p>\n<p>Nachdem dann fast jeder ein Handy hatte, mu\u00dfte man sich aus dieser Masse wieder irgendwie abheben. Also begannen viele, einen individuellen Klingelton zu benutzen, meistens eine Vergewaltigung einer bereits auf CD bescheuert klingenden Melodie eines bekannten Hits, oder noch schlimmer eine anerkannt geniale klassische Komposition. Mit sowas kann man ja auch im Freundeskreis viel besser angeben.<\/p>\n<p>Da dann aber schnell alle m\u00f6glichen mehr oder weniger bekannten Hits zu Handygepiepe verwurstet worden waren, mu\u00dfte man sich was neues einfallen lassen, um sich abzuheben. Also wurden bessere Tongeneratoren eingebaut, so da\u00df Handys neuerdings fast wie Transistorradios klingen. Und so piept heute im Zug wo ich pennen will kein Handy, sondern da ert\u00f6nt dann pl\u00f6tzlich Beethovens Neunte zusammen mit dem Simpsons-Theme und dem aktuellen Charthit.<\/p>\n<p>Eine andere Form der &#8222;Individualit\u00e4t&#8220; sind die Skins, aka quietschbuntes ekelerregendes Plasteh\u00fcllendingens. Aber solange man den Leuten f\u00fcr so ein bi\u00dfchen Hartplastik ordentlich Kohle abkn\u00f6pfen kann, weil man ja f\u00fcr &#8222;Individualit\u00e4t&#8220; viel Geld ausgeben mu\u00df, scheint das alles keine Rolle zu spielen.<\/p>\n<p>Als das alles nicht mehr den gew\u00fcnschten Umsatz brachte, weil irgendwann jeder ein Handy mit tollen Klingelt\u00f6nen und vierunddrei\u00dfig tollen Skins zum Tauschen hatte, mu\u00dfte sich die Industrie wieser was neues einfallen lassen: Und pl\u00f6tzlich kann man mit Handys Fotos schie\u00dfen, Videos aufnehmen und &#8222;Multimedia&#8220;-Nachrichten verschicken. Toll, das hab ich schon immer gebraucht, da\u00df mich meine Mutter beim Telefonieren auch noch scharf angucken kann&#8230; \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Fazit: F\u00fcr Schnatterenten ist ein Handy die denkbar beste M\u00f6glichkeit, Geld mit ihrer Lieblingsbesch\u00e4ftigung auszugeben&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgendes passierte neulich: Etwa 50 Studenten sa\u00dfen in einer Vorlesung, und mittendrin fing es aus einer undefinierten Richtung an zu piepsen. Etwa 40 Leute guckten irritiert in ihre Taschen, ob es ihr Handy war und der Prof schaute leicht genervt, weil er unterbrochen wurde. Eine unvorhergesehene Wendung nahm das Geschehen dann, als der Prof feststellte, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}