{"id":64,"date":"2003-09-11T00:00:13","date_gmt":"2003-09-10T23:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/blog\/2003\/09\/11\/das-marchen-vom-gewinneinbruch\/"},"modified":"2023-03-11T20:23:51","modified_gmt":"2023-03-11T19:23:51","slug":"das-marchen-vom-gewinneinbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2003\/09\/11\/das-marchen-vom-gewinneinbruch\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom Gewinneinbruch"},"content":{"rendered":"<p>Es war einmal vor langer Zeit, genauer gesagt in einer Zeit, als es noch keine CDs mit Kopierschutz gab. Damals gab es viele CDs, und Kassetten, und teilweise sogar noch Schallplatten. Und dann gab es nat\u00fcrlich viele Leute, die gerne Musik h\u00f6rten. Und weil sie gerne Musik h\u00f6rten, kauften sie sich CDs, und h\u00f6rten sich die an. Weil sie aber die CDs nicht \u00fcberall h\u00f6ren konnten, zum Beispiel weil das Autoradio nur ein Kassettendeck hatte, kauften sie sich noch Kassetten und \u00fcberspielten ihre Lieblingstitel auf Kassette und konnten dann auch im Auto ihre Lieblingsmusik h\u00f6ren. Und wenn jemanden die Musik so gut gefiel, da\u00df er meinte, sein bester Kumpel k\u00f6nnte die auch m\u00f6gen, hat er ihm mal schnell die Kassette geliehen. Die Kunden freuten sich, die Musikindustrie freute sich, und alles war in bester Ordnung.<\/p>\n<p><!--more-->Und dann kam die Katastrophe. Ein cleverer Mensch kam auf die Idee, man k\u00f6nnte ja die Musik auf einem Computer abspeichern. Da hat man kein Rauschen wie mit Kassetten, und handlicher ist es auch noch. Da die reinen Audiodaten aber viel zu gro\u00df waren, erfanden kluge Leute einen Weg, die Daten ohne gro\u00dfen Verlust zu komprimieren. Und so entstand das mp3-Format. Nun hatte man pl\u00f6tzlich die M\u00f6glichkeit, seine CDs als handliche Dateien auf dem Computer zu speichern und sie auch \u00fcbers Internet mit anderen Leuten zu tauschen.<\/p>\n<p>Das wurde so popul\u00e4r, da\u00df ein anderer cleverer Mensch auf die Idee kam, man k\u00f6nnte ja eine Tauschb\u00f6rse einrichten, damit man einen Titel den man gerne h\u00f6ren m\u00f6chte auch schnell finden kann. Und so tauschten immer mehr Leute ihre Musiktitel untereinander aus. Das f\u00fchrte dann nat\u00fcrlich dazu, da\u00df sich immer mehr Leute fragten, warum sie sich f\u00fcr viel Geld die CD im Laden kaufen sollten, wenn sie sich doch die Titel aus dem Internet ziehen und auf einen CD-Rohling brennen konnten.<\/p>\n<p>Und so merkte die Musikindustrie pl\u00f6tzlich, da\u00df die Leute weniger CDs kauften, daf\u00fcr aber mehr CD-Rohlinge. Das war der Musikindustrie nat\u00fcrlich gar nicht recht, also \u00fcberlegten sie sich, wie man daf\u00fcr sorgen k\u00f6nnte, da\u00df die Leute wieder mehr CDs kauften. Und so kamen wieder andere clevere Leute auf die Idee, man k\u00f6nnte die CD ja so manipulieren, da\u00df man sie im Computer nicht mehr abspielen k\u00f6nnte, so da\u00df man sie ja auch nicht mehr kopieren und als mp3 tauschen konnte, und die Leute m\u00fc\u00dften sich die CD im Laden kaufen, und die Industrie w\u00fcrde wieder mehr Gewinn machen.<\/p>\n<p>Also wurden mal einige potentielle Charthits mit einem Kopierschutz versehen, und die Leute kauften die CDs, weil sie ja nicht ahnten, da\u00df da irgendwas gemacht worden war. Doch nun gab es ein Problem &#8211; der Kopierschutz funktionierte so gut, da\u00df die CDs nicht nur auf Computern keinen Ton von sich gaben, sondern auch in vielen CD- und DVD-Playern. Das gefiel nat\u00fcrlich den Leuten, die sich die CDs f\u00fcr teures Geld gekauft hatten, \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Also verbesserten die Leute von der Musikindustrie den Kopierschutz, so da\u00df die CDs auf CD-Playern ordentlich liefen. Dummerweise war das aber viel komplizierter, als sie sich das gedacht hatten, und so gab es immer wieder Probleme, da\u00df CDs auf bestimmten Playern nicht funktionieren. Da f\u00fchlten sich die CD-K\u00e4ufer nat\u00fcrlich betrogen, denn sie hatten viel Geld f\u00fcr CDs ausgegeben, die sie nun nicht anh\u00f6ren konnten. Und warum sollten sie sich extra f\u00fcr diese CDs einen neuen CD-Player kaufen, mit dem das m\u00f6glich w\u00e4re? Und warum sollten sie sich mit Hilfe des Computers keine Kopie der CD f\u00fcrs Autoradio anfertigen k\u00f6nnen, wo das Gesetz das doch ausdr\u00fccklich erlaubte?<\/p>\n<p>Auf diese Fragen kannte die Musikindustrie nur eine Antwort: Sie zeigte auf die Verkaufszahlen, und da stand dann, da\u00df mehr Rohlinge als bespielte CDs verkauft wurden, und da\u00df hunderttausende Titel aus dem Internet heruntergeladen wurden und da\u00df diese ganzen Einnahmen nun fehlten und es der Industrie deswegen sehr schlecht ginge.<\/p>\n<p>Dem widersprachen die K\u00e4ufer allerdings. In der Zeit, als es noch keine Internet-Tauschb\u00f6rsen gab, kopierten die Leute ja auch auf Kassetten und die Industrie machte trotzdem viel Gewinn. Und dem Argument, jedes aus dem Netz kopierte Lied entspr\u00e4che einer gekauften CD weniger, konnten sie nat\u00fcrlich auch nicht zustimmen. Vielmehr hatten die Leute so die M\u00f6glichkeit, problemlos in neue Titel hineinh\u00f6ren und dann entscheiden, die CD zu kaufen, ohne das Risiko eines Fehlkaufs einzugehen. Viele Leute kauften sogar mehr CDs als vorher, weil sie besser informiert waren. Das war nat\u00fcrlich deshalb wichtig, weil viele CDs nur ein oder zwei gute Titel enthielten und damit das Geld nicht wirklich wert waren. Das wiederum war nat\u00fcrlich ein von der Musikindustrie hausgemachtes Problem. Es wurden immer mehr Bands unter Vertrag genommen und immer mehr Alben und Singles ver\u00f6ffentlicht und beworben, bis der Markt v\u00f6llig \u00fcbers\u00e4ttigt war. Als Folge wurden die Kunden nat\u00fcrlich kritischer, denn den vierhundertdreiundsiebzigsten Aufgu\u00df eines zehn Jahre alten Songs wollte keiner wirklich haben.<\/p>\n<p>Und die Leute, die in Ruhe in die Titel hineingeh\u00f6rt hatten und sich bewu\u00dft zum Kauf einer CD entschieden hatten, wollten sich dann nat\u00fcrlich nicht mit einem Kopierschutz herum\u00e4rgern, der ihnen nur Schwierigkeiten beim Abspielen bereitete. Denn selbst wenn die CD abzuspielen ging, war die Qualit\u00e4t niedriger, weil der Kopierschutz durch absichtliche &#8222;Kratzer&#8220; in der CD den Klang beeintr\u00e4chtigte und die CDs anf\u00e4lliger gegen echte Kratzer machte.<\/p>\n<p>Von diesen Argumenten lie\u00df sich die Musikindustrie aber nicht beeindrucken. Und so wurden wieder neue Kopierschutzverfahren erfunden und die K\u00e4ufer meckerten weiter, und wenn sie nicht gestorben sind kopiersch\u00fctzen und streiten sie noch heute.<br \/>\n[Update] Da das mit dem Kopierschutz inzwischen auch vom gemeinen Massenmarkt a la &#8222;Deutschland sucht den Superdepp&#8220; auf Bereiche brauchbarer Musik \u00fcbergreift, hier noch ein paar passende Links zum Thema &#8211; denn es kotzt mich als Musikliebhaber mit mehr als 400 (Standard)-CDs einfach ma\u00dflos an:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heise.de\/ct\/cd-register\/default.shtml\">Heise Un-CD Register<\/a> &#8211; Eine sehr umfangreiche Datenbank von kopiergesch\u00fctzten CDs mit Angaben zu Abspielproblemen und der Kopierbarkeit auf verschiedenen Ger\u00e4ten.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal vor langer Zeit, genauer gesagt in einer Zeit, als es noch keine CDs mit Kopierschutz gab. 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