{"id":4862,"date":"2024-12-05T23:24:04","date_gmt":"2024-12-05T22:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4862"},"modified":"2024-12-05T23:25:28","modified_gmt":"2024-12-05T22:25:28","slug":"album-der-woche-252","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2024\/12\/05\/album-der-woche-252\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zur letzten Woche ist das mit der Einleitung dieses Mal die allerleichteste \u00dcbung. Es geht n\u00e4mlich um Bretter vorm Kopf. Das ist ein relativ h\u00e4ufiges Krankheitsbild insbesondere bei Politikern, aber auch bei Ochsen und anderen sturen Rindviechern (man kann jetzt streiten ob man Politiker mit Ochsen und Rindviechern vergleichen sollte, das ist immerhin eine echte Beleidigung f\u00fcr die ehrbaren vierbeinigen Grasfresser). Auf jeden Fall hatte ein solcher zweibeiniger Stursch\u00e4del mal definitiv niemals nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein etwas anders gearteter k\u00fcnsterisch anspruchsvoller Stursch\u00e4del hingegen hatte die v\u00f6llig gegenteilige Idee: Er wollte eine Mauer errichten, um der Entfremdung zwischen dem K\u00fcnstler und seinem Publikum wirksam und k\u00fcnstlerisch wertvoll Ausdruck zu verleihen. Und weil er schon dabei war, verwurstete er zus\u00e4tzlich noch s\u00e4mtliche Kindheitstraumata zu einem ziemlich anspruchsvollen Gesamtwerk, welches die Fans bis heute gespalten zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Besagter K\u00fcnstler hei\u00dft Roger Waters, und der war Gr\u00fcndungsmitglied von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pink_Floyd\">Pink Floyd<\/a>, spielte dort den Bass und \u00fcbernahm teilweise auch den Gesang. Seine k\u00fcnstlerischen Vorstellungen drifteten jedoch nach so bahnbrechenden Alben wie &#8222;The Dark Side Of The Moon&#8220; und &#8222;Wish You Were Here&#8220; in eine andere Richtung als die Vorstellungen von Gitarrist David Gilmour und Keyboarder Rick Wright. Es kam zu den ber\u00fchmten und vielzitierten kreativen Differenzen, und am Ende wurde &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Wall\">The Wall<\/a>&#8220; &#8211; das Album der Woche &#8211; quasi eine Art Waters-Soloalbum. Rick Wright war nur noch Angestellter und kein vollwertiges Mitglied der Band mehr, David Gilmour darf an einigen wenigen Stellen mit exzellenten Soli gl\u00e4nzen, aber Dreh- und Angelpunkt sind die Texte und das Gesamtkonzept des gro\u00dfen Ganzen.<\/p>\n<p>Und wie bei jedem epochalen k\u00fcnstlerischen Projekt wurde nat\u00fcrlich nicht gekleckert, sondern geklotzt. Dementsprechend entstand also nicht nur ein Doppelalbum, sondern auch noch ein zutiefst verst\u00f6render und deprimierender Film (den sich einige der Bandmitglieder nur genau einmal zur Premiere ansahen, weil sie eben dabei sein mussten). Das textliche Konzept erz\u00e4hlt die Lebensgeschichte eines K\u00fcnstlers namens Pink (das Alter Ego von Roger Waters), der sich &#8211; gepr\u00e4gt von einer als feindlich wahrgenommenen Gesellschaft &#8211; in sich selbst zur\u00fcckzieht, eine Mauer um sich herum errichtet und zum alles hassenden Faschisten wird.<\/p>\n<p>Waters greift dabei alle m\u00f6glichen pr\u00e4gnanten Ereignisse seiner Kindheit auf, angefangen vom Fehlen des Vaters (der fiel als Soldat im Zweiten Weltkrieg, man vergleiche auch mit &#8222;Tommy&#8220; von The Who) \u00fcber die alles erdr\u00fcckende und einengende Liebe der Mutter, die ihn auf Schritt und Tritt kontrolliert, bis hin zum gleichmacherischen Schulsystem, was den Kindern den Spa\u00df aberzieht und jegliche abweichenden Gedanken aufs Sch\u00e4rfste bestraft (damals noch durch den Rohrstock).<\/p>\n<p>Musikalisch kamen da nun insgesamt 26 &#8222;Songs&#8220; heraus, wobei vieles nur Skizzen sind, \u00dcberleitungen, Zwischenspiele, H\u00f6rspielsequenzen und anderes. Wirklich echte Songs sind eigentlich nur rund die H\u00e4lfte. Die ganze Sache hat auch irgendwie den Charakter von St\u00fcckwerk, ganz im Gegensatz zu so kohesiven Werken wie &#8222;The Dark Side Of The Moon&#8220;. Lediglich die drei Teile von <em>Another Brick In The Wall<\/em> ergeben irgendwie ein schl\u00fcssiges Ganzes, wobei Waters hier das gleiche Riff auf dem Bass zugrundelegt, und sich die grunds\u00e4tzliche Melodie im Gesang ebenfalls gleicht.<\/p>\n<p>Musikalisch herausragend sind hingegen die wenigen St\u00fccke, bei denen David Gilmour Credits hat. Dazu z\u00e4hlen <em>Run Like Hell<\/em>, ein treibendes und geradezu rockiges St\u00fcck, und vor allem <em>Comfortably Numb<\/em>, in dem der gute David mal eben zwei der besten Gitarrensoli aller Zeiten abliefert. Die meisten anderen St\u00fccke sind musikalisch minimalistisch und dienen in erster Linie dazu, dass Roger Waters seine Texte irgendwie unterbringen kann.<\/p>\n<p>Produziert wurde die ganze Geschichte \u00fcbrigens von Bob Ezrin, der damals schon eine gro\u00dfe Nummer in der Branche war und mit Alice Cooper und Kiss gearbeitet hatte (und in den letzten 10 Jahren Haus- und Hofproduzent von Deep Purple war). Und der gr\u00f6\u00dfte Witz an diesem kolossal d\u00fcsteren Konzeptalbum ist die Tatsache, dass <em>Another Brick In The Wall (Part Two)<\/em> als Single ausgekoppelt und zum gr\u00f6\u00dften Singlehit des Jahres 1980 wurde. Aber gut, ein Schulchor, der &#8222;We don&#8217;t need no education&#8220; singt, was soll da schon schiefgehen? (mal abgesehen vom Aufschrei des konservativen politischen Establishments&#8230;) Achja, auch hier soliert David Gilmour am Ende ganz grandios.<\/p>\n<p>Fazit: Ich kann mir das Album nicht am St\u00fcck anh\u00f6ren, viel zu deprimierend und d\u00fcster. Musikalisch noch am ehesten vertr\u00e4glich sind neben den bereits angesprochenen Songs noch <em>Hey You<\/em> und <em>Young Lust<\/em> sowie mit Abstrichen <em>Mother. <\/em>Andererseits muss man anerkennen, dass es hier ums k\u00fcnstlerische gro\u00dfe Ganze geht &#8211; so wurde das Album 1990 in Berlin an geschichtstr\u00e4chtigem Ort aufgef\u00fchrt &#8211; da kriegt &#8222;Tear Down The Wall&#8220; gleich eine ganz neue Bedeutung. Am allerbesten ist meiner Meinung nach jedoch die Livedarbietung von <em>Comfortably Numb<\/em> und <em>Run Like Hell<\/em> als Zugaben von PULSE, da zog die Band 1994 (ohne Roger Waters) alle Register und setzte auf Jahrzehnte hinaus Ma\u00dfst\u00e4be. Gerade das finale Solo von <em>Comfortably Numb<\/em> in der epischen Livefassung ist f\u00fcr mich eines der ausdrucksst\u00e4rksten, was jemals irgendwer auf einer elektrischen Gitarre gespielt hat.<\/p>\n<p>Und damit man sich ein Bild davon machen kann gibt es noch ein paar Links: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HrxX9TBj2zY\">Another Brick In The Wall (Part II)<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Sa2q-b3oRo\">Comfortably Numb (live)<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=utLwdxt1UPA&amp;pp=ygUjcGluayBmbG95ZCBydW4gbGlrZSBoZWxsIGxpdmUgcHVsc2U%3D\">Run Like Hell (live)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zur letzten Woche ist das mit der Einleitung dieses Mal die allerleichteste \u00dcbung. Es geht n\u00e4mlich um Bretter vorm Kopf. 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