{"id":4832,"date":"2024-10-10T19:51:36","date_gmt":"2024-10-10T17:51:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4832"},"modified":"2024-10-10T19:51:36","modified_gmt":"2024-10-10T17:51:36","slug":"album-der-woche-244","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2024\/10\/10\/album-der-woche-244\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche waren wir im Jahr 1969, und weils da so sch\u00f6n war bleiben wir gleich dort und \u00e4ndern nur den Standort, n\u00e4mlich nach London. Dort braute sich in jenem Jahr gro\u00dfes zusammen &#8211; die Beatles werkelten an und in der Abbey Road, Deep Purple spielten in der Royal Albert Hall mit Orchester und schraubten danach an In Rock, alle m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen stilistischen Einfl\u00fcsse wurden aufgenommen und verquirlt, von David Bowie \u00fcber Hendrix bis zu Led Zeppelin war quasi alles m\u00f6glich, w\u00e4hrend die fr\u00fchen Pink Floyd noch auf der Suche nach ihrem Sound waren. Und in dieser Gemengelage tauchte heute auf den Tag genau vor 55 Jahren ein Album in den L\u00e4den auf, was retrospektiv zu den Meilensteinen der progressiven Rockmusik gez\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Damals gabs den Begriff der progressiven Rockmusik noch gar nicht so wirklich, das ganze Schubladendenken war damals vermutlich weniger ausgepr\u00e4gt, man probiert und experimentierte halt einfach wild herum, und im besten Fall \u00fcberstand es eben den &#8222;test of time&#8220;. Progressiv hei\u00dft ja eigentlich auch erst einmal nur, dass man was neuartiges macht, was es so noch nicht gab. Die ganze Konnotation von ausuferndenden komplexen Instrumentalwerken, vertrackten Arrangements und krummen Takten so feingeistig philosophischen Texten kam ja erst nach und nach.<\/p>\n<p>Wie auch immer, ein Eckpfeiler in diesem Bereich ist das Deb\u00fctalbum von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/King_Crimson\">King Crimson<\/a>, dass den schicken Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/In_the_Court_of_the_Crimson_King\">In The Court Of The Crimson King<\/a>&#8220; tr\u00e4gt. King Crimson waren und sind das geistige Kind von Robert Fripp, Der arbeitete sp\u00e4ter unter anderem auch mit David Bowie, Peter Gabriel und vielen anderen zusammen und entwickelte sehr spezielle Gitarrensounds und Effektger\u00e4te. Bei King Crimson wiederum gaben sich \u00fcber die Jahrzehnte zahllose Musiker die Ehre, darunter so gro\u00dfe Namen wie Greg Lake (sp\u00e4ter bei Emerson, Lake &amp; Palmer), Tony Levin (u.a. Peter Gabriel und Yes), Bill Bruford (Yes und diverse Soloprojekte von Yes-Musikern, live auch mit Genesis), John Wetton (u.a. Uriah Heep, Asia, Roxy Music), Adrian Belew (u.a. David Bowie, Talking Heads) &#8211; da waren also gro\u00dfe K\u00f6nner am Start.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Deb\u00fctalbum, wo von dem ganzen Namedropping nur Greg Lake \u00fcbrigbleibt. Das Album enth\u00e4lt f\u00fcnf Songs, die nicht nur \u00fcberlang sind, sondern auch umst\u00e4ndlich \u00fcberlang benamt sind. Der musikalische Stil l\u00e4sst sich eigentlich nicht beschreiben, da kommt von Hardrock, Jazz, Einfl\u00fcsse aus klassischer Musik, psychedelic Rock und alles m\u00f6gliche andere drin vor. Das wurde hier einfach wild in einen dicken Topf geworfen, ordentlich umger\u00fchrt und heraus kam mal mehr und mal weniger gut gelungene Musiksuppe.<\/p>\n<p>Das Album beginnt mit <em>21st Century Schizoid Man (including &#8222;Mirrors&#8220;)<\/em>. Hier tobt man sich recht hardrockig aus, das Er\u00f6ffnende Riff steht hier quasi als Vorreiter f\u00fcr diverse sp\u00e4tere Hardrockbands, der Song wurde u.a. sp\u00e4ter auch von Saxon gecovert. Hinzu kommen wild verzerrter Gesang von Greg Lake, der zus\u00e4tzlich auch alles au\u00dfer einem geraden Beat trommelt, und nach knapp zwei Minuten und den ersten beiden &#8222;Strophen&#8220; entwickelt sich eine rasante Instrumentalabfahrt mit zahllosen Tempowechseln und ryhthmischen Vertracktheiten dass einem beim Zuh\u00f6ren schwindlig wird. Dass man die Nummer auch hinter dem eisernen Vorhang genauestens studierte merkt man beim Vergleich zu <em>Tritt ein in den Dom<\/em> von electra. Nach knapp 6 Minuten kommt man nun wieder zum einleitenden Hauptmotiv und der dritten &#8222;Strophe&#8220;, bevor der Song nach gut sieben Minuten in einem sich \u00fcberschlagenden kakophonischen Krachgewitter in sich zusammenbricht &#8211; \u00c4hnlichkeiten zum Grande Finale von <em>Child In Time<\/em> von Deep Purple sind m\u00f6glicherweise zuf\u00e4llig, aber vorhanden.<\/p>\n<p>Das komplette Gegenteil folgt danach mit <em>I Talk To The Wind<\/em>, einer ruhigen Ballade mit zahlreichen Fl\u00f6tent\u00f6nen und zahlreichen Tasteninstrumenten. Der Kontrast k\u00f6nnte also kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn nach dem chaotischen und anstrengenden Auftakt muss man wohl erst einmal durchschnaufen. Dazu hat man dann hier etwa sechs Minuten Zeit.<\/p>\n<p>Weiter geht es mit dem dritten und letzten Song auf der ersten Seite, dem knapp neun Minuten langen <em>Epitaph (including &#8222;March for no Reason&#8220; and &#8222;Tomorrow and Tomorrow&#8220;)<\/em> &#8211; was auch immer uns der K\u00fcnstler mit diesem \u00fcberlangen Songtitel sagen will. Der Song enth\u00e4lt daf\u00fcr aber einige sehr memorable Textpassagen, insbesondere den Refrain (&#8222;Confusion will be my epitaph, as I crawl a cracked and broken path. If we make it, we can all sit back and laugh, but I fear tomorrow I&#8217;ll be crying&#8220;). Musikalisch pr\u00e4gend ist hier der umfangreiche Einsatz des Mellotrons, ansonsten ist die Instrumentierung ziemlich zur\u00fcckhaltend, der Fokus liegt zumindest in den ersten Minuten klar auf dem Gesang und den Texten. Der eigentliche Song ist nach rund vier Minuten vorbei und h\u00e4tte damit eine ziemlich simpel strukturierte Nummer ergeben, danach folgt aber ein ausgedehnter zweiter Teil, der passend zum Songtitel ausgesprochen d\u00fcster klingt.<\/p>\n<p>Auf der zweiten LP-Seite beginnt man nun mit <em>Moonchild (including &#8222;The Dream&#8220; and &#8222;The Illusion&#8220;)<\/em>. Diese Nummer ist nun der Teil, wo das Verquirlen der Zutaten so gar nicht funktioniert hat, die Nummer klingt wie ein unstrukturierter und viel zu langer Drogentrip &#8211; erst nach \u00fcber 12 Minuten ist man am Ende angelangt. Der erste Teil (die ersten zwei Minuten) ist eine ruhige Ballade mit viel Mellotron, aber danach kommen rund zehn Minuten v\u00f6llig freie Improvisation ohne jegliche Struktur. Das war neuartig und dementsprechend progressiv im Wortsinne, aber ich finde es einfach nur anstrengend weil eben \u00fcberhaupt nix koh\u00e4rentes dabei herauskommt. Es klingt soll wie ein spaciger Jam klingen, heraus kommt aber in uninspirierter Drogentrip. Vielleicht nehme ich aber auch einfach nicht die richtigen Drogen um das nachzuvollziehen was die K\u00fcnstler da ausdr\u00fccken wollten.<\/p>\n<p>Deutlich nachvollziehbarer kommt danach das abschlie\u00dfende Quasi-Titelst\u00fcck <em>The Court Of The Crimson King (including &#8222;The Return Of The Fire Witch&#8220; and &#8222;The Dance of the Puppets&#8220;)<\/em> daher, auch wenn der Songtitel die Sperrigkeit in H\u00f6chstform darstellt. Hier wirds nun wieder rockig, aber weniger \u00fcberdreht und durchgeknallt wie am anderen Ende des Albums. Der Song beginnt mit einer relativ einfachen Struktur aus Strophe und Refrain, untermalt vom Mellotron und getragen von vielen &#8222;aaah&#8220;s. Nach dem zweiten Refrain kommt ein erstes instrumentales Zwischenspiel (die Feuerhexe), das klingt in der Tat ziemlich nach Baba Yaga, die um ihr Hexenhaus tobt. Danach kehrt man zur\u00fcck zum &#8222;Refrain&#8220;, einer dritten Strophe und einem vierten Refrain, bevor ein zweites deutlich ruhigeres Instrumentalst\u00fcck mit Fokus auf Fl\u00f6tent\u00f6nen eingeschoben wird. Danach folgt erneut Strophe und Refrain, der Song ist eigentlich<sup>(tm)<\/sup> zuende (nach knapp sieben Minuten), aber nach einer knappen Minute Quasi-Stille und komisch kindlich simpel klingenden Tasteninstrumentalt\u00f6nen folgt noch das gro\u00dfe Finale auf der Basis des Hauptmotivs. Erst nach \u00fcber neun Minuten ist man wirklich am Ende angekommen, was hier aber positiv zu werten ist, denn der Song ist klar strukturiert und l\u00f6st sich nicht in v\u00f6lliger Zusammenhangslosigkeit auf wie <em>Moonchild<\/em>.<\/p>\n<p>Meine Favoriten auf dem Album sind klar die beiden Songs am Anfang und am Ende, weil da noch am ehesten das Rock aus Progressive Rock eine Rolle spielt, <em>Epitaph<\/em> lebt von der Stimmung die es erzeugt, und die anderen beiden Songs sind&#8230; zwei ruhige Balladen und zehn Minuten zum Bier holen gehen. Trotzdem ist der Einfluss des Albums unbestreitbar, und ab 1970 kamen ja quasi im Wochentakt Alben heraus, die heute als Klassiker der progressiven Rockmusik angesehen werden (insbesondere Yes, Genesis und Pink Floyd, aber auch Van der Graaf Generator, Jethro Tull oder Mike Oldfield, sp\u00e4ter traten dann Truppen wie Rush oder Kansas auf den Plan, w\u00e4hrend in Deutschland v\u00f6llig andere Kl\u00e4nge \u00fcber die Autobahn waberten&#8230;). Auf einige dieser Themen komme ich in den n\u00e4chsten Wochen noch zu sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche waren wir im Jahr 1969, und weils da so sch\u00f6n war bleiben wir gleich dort und \u00e4ndern nur den Standort, n\u00e4mlich nach London. 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