{"id":4701,"date":"2024-02-29T19:16:50","date_gmt":"2024-02-29T18:16:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4701"},"modified":"2024-02-29T19:16:50","modified_gmt":"2024-02-29T18:16:50","slug":"album-der-woche-212","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2024\/02\/29\/album-der-woche-212\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Woche gibt es tats\u00e4chlich mal nur ein Album der Woche, nachdem in den letzten Wochen ja doch eher inflation\u00e4r viele Alben besprochen wurden. Daf\u00fcr kann man nun mal wieder mehr auf einzelne Songs eingehen, was sich in diesem Fall tats\u00e4chlich lohnt. Und so wahnsinnig viele Alben aus dem wilden Osten wurden in dieser Reihe auch noch nicht besprochen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was f\u00e4llt einem beim Thema Ostrock ein? Puhdys, Karat, City? Sicher. Renft und Veronika Fischer? Sicherlich auch. Dann gabs aber in den 1970ern auch eine Nische von progressiv angehauchten Bands, die verschiedenen britischen Vorbildern nacheiferten, electra und Stern Combo Mei\u00dfen zum Beispiel. Und dann gab es da noch eine Truppe mit dem wenig aussagekr\u00e4ftigen Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lift_(Band)\">Lift<\/a>. Und um die geht es heute, bzw. um ihr Album &#8222;Meeresfahrt&#8220; von 1979.<\/p>\n<p>Geformt wurde die Band in den fr\u00fchen 1970er Jahren, nach diversen Personalwechseln und stilistischen Ver\u00e4nderungen vom Jazzrock Richtung progressivem Artrock (was auch immer das nun wieder sein soll) bildete sich 1976 der Kern der Band um S\u00e4nger Henry Pacholski, Bassist Gerhard Zachar und Michael Heubach am Keyboard. Letzterer hatte bereits bei unter anderem Renft und mit Nina Hagen gespielt. Im gleichen Jahr erschien das erste Album &#8222;Lift&#8220;, aber ihr Meisterwerk &#8222;Meeresfahrt&#8220; nahmen sie 1978 auf &#8211; mit einer un\u00fcblichen Besetzung: zwei Keyboarder, Schlagzeug, Bass, Blasinstrumente &#8211; aber keine Gitarren.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Texte des Albums stammen von Pacholski, bis auf die Nummer &#8222;Tagesreise&#8220;, die Heubach bereits Anfang der 1970er komponiert hatte und die bereits von der Horst-Kr\u00fcger Band eingespielt worden war (u.a. mit Tamara Danz (sp\u00e4ter bei Silly) an den Backing Vocals). Nicht alle Texte sind gelungen, das er\u00f6ffnende <em>Wir fahrn \u00fcbers Meer<\/em> kann man getrost als Totalausfall bezeichnen, hat man den aber erstmal \u00fcberstanden gibt es nur noch Musik der allerfeinsten Extraklasse.<\/p>\n<p>Da w\u00e4re zun\u00e4chst das recht bekannte <em>Nach S\u00fcden<\/em>, einer der bekanntesten Songs im Ostrock, mit seinem mehrdeutigen Refrain. Ja, die V\u00f6gel hauen in den S\u00fcden ab, wenn Winter wird. Ob der geneigte DDR-B\u00fcrger in den S\u00fcden abhauen wollte? Man wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Danach folgt das k\u00fcrzeste St\u00fcck des Albums, <em>Scherbenglas<\/em>. Das ist minimalistische Kammermusik, untermalt von Streichern aus dem Keyboard und allein getragen von Pacholskis Stimme. Das ist ein wundersch\u00f6n trauriges Liebeslied mit sehr bildhaftem Text.<\/p>\n<p>Die ganz gro\u00dfen Titel kommen nun aber erst noch. Zum Einen ist da die schon angesprochene <em>Tagesreise<\/em>. Die Nummer ist feinster Prog, kommt auf schlappe achteinhalb Minuten L\u00e4nge und gilt als eins der besten Musikst\u00fccke, die in der DDR \u00fcberhaupt entstanden. Der Song nimmt in der Mitte so richtig Fahrt auf, da h\u00e4mmern dann Orgelsounds in einem unwiderstehlichen Rhythmus, dass es eine Freude ist. Nach diversen instrumentalen Kapriolen geht es dann zur\u00fcck zum Refrain mit feinstem Satzgesang. Ein ganz gro\u00dfes St\u00fcck Musik, der Querverweis zu <em>How The Gypsy Was Born<\/em> von Frumpy soll nicht fehlen &#8211; da h\u00e4mmert die Orgel ab der Mitte auch \u00e4hnlich heftig los.<\/p>\n<p>Danach folgt nun das Herzst\u00fcck des Albums, das viertelst\u00fcndige Titelst\u00fcck. Das beginnt sehr langsam und ruhig, ein Grundthema wird vorgestellt, auf mehreren Blasinstrumenten wiederholt und variiert, dahinter ein Teppich aus analogen Synthesizer-Kl\u00e4ngen, die das Wabern und Wogen des Meeres akustisch umsetzen. Das wird dann angetrieben von komplexen Schlagzeugmustern, bevor sich alles wieder beruhigt, ein kurzer Text gesungen wird und die Musik sich wieder zum Finale Furioso steigert. Vom Aufbau her sind \u00c4hnlichkeiten mit <em>Shine On You Crazy Diamond<\/em> von Pink Floyd erkennbar, auch wenn die ganze Sache musikalisch andere Schwerpunkte setzt. Wie auch immer, die Nummer ist ganz gro\u00dfes Kino, da sollte man sich unbedingt die Zeit f\u00fcr nehmen.<\/p>\n<p>Den Ausklang des Albums bildet eine weitere Ballade namens <em>Sommernacht<\/em>. Pacholski beginnt a capella, sparsame Instrumentierung setzt ein, der Satzgesang kommt nochmal zur Geltung, und pl\u00f6tzlich ist das Album schon vorbei. Eine einfache, aber auch einfach &#8222;nur&#8220; sch\u00f6ne Nummer. Und das muss man eben auch erstmal hinbekommen.<\/p>\n<p>Das Album wurde 1978 aufgenommen, aber erst 1979 ver\u00f6ffentlicht. Leider erlebten Henry Pacholski und Gerhard Zachar die Ver\u00f6ffentlichung nicht mehr &#8211; sie waren im November 1978 w\u00e4hrend einer Tournee in Polen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, bei dem auch Michael Heubach schwer verletzt wurde. Die Band verarbeitete diese Ereignisse in <em>Am Abend mancher Tage<\/em>, einem der bekanntesten Songs des Ostrock. Es folgten Umbesetzungen und musikalische Neuausrichtungen, die jedoch nie wieder an die Qualit\u00e4t dieses Albums heranreichen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche gibt es tats\u00e4chlich mal nur ein Album der Woche, nachdem in den letzten Wochen ja doch eher inflation\u00e4r viele Alben besprochen wurden. Daf\u00fcr kann man nun mal wieder mehr auf einzelne Songs eingehen, was sich in diesem Fall tats\u00e4chlich lohnt. 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