{"id":4687,"date":"2024-02-01T20:55:56","date_gmt":"2024-02-01T19:55:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4687"},"modified":"2024-02-01T20:55:56","modified_gmt":"2024-02-01T19:55:56","slug":"album-der-woche-208","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2024\/02\/01\/album-der-woche-208\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Manche Alben sind wie guter Wein, sie werden besser je \u00e4lter sie werden. Und manche Alben sind dabei nicht nur zeitlos aktuell, sondern heute aktueller denn je. Um ein solches Album geht es heute.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das erste Mal Notiz nahm ich von der heutigen Band irgendwann Mitte der 90er im damals noch real existierenden Musikfernsehen, denn da lief eine Single in Heavy Rotation, bei der drei Typen in einer Irrenanstalt m\u00e4chtig abrockten. Fand ich nicht ganz unspannend, packte mich damals aber noch nicht wirklich. Als ich dann einige Jahre sp\u00e4ter herausfand, wer den Punk erfand (Ramones und Sex Pistols) und was sich daraus in verschiedenen Richtungen entwickelte (tote Hosen, Bad Religion) und wer das dann auch in humoristischere Bahnen lenkte (Die \u00c4rzte, The Offspring), war auch diese eine Truppe irgendwie wieder aktuell. Vor allem hatten die (das war dann 2004) gerade ein Album auf den Markt gebracht, was v\u00f6llig durch die Decke ging. Name der Truppe? <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Green_Day\">Green Day<\/a>. Name des Albums? &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/American_Idiot\">American Idiot<\/a>&#8222;.<\/p>\n<p>Das Album ist eine bitterb\u00f6se Abrechnung mit den USA der fr\u00fchen Nuller Jahre unter George W. Bush, gespalten durch 9\/11 und die auf L\u00fcgen gest\u00fctzte Invasion im Irak, sich weltweit waffenschwingend in die Politik einmischend und gleichzeitig in der Innenpolitik den Standards europ\u00e4ischer Demokratien hinterherhinkend. Der American Dream war schon damals nur ein Traum, die Massen durch Reality TV und Werbung abgestumpft. All das und noch ein paar andere Themen werden aufgegriffen und miteinander verwoben in eine Art Punkrock-Oper.<\/p>\n<p>Musikalisch wurzelt zwar alles noch im Punk, wurde hier aber weit aufgef\u00e4chert und durch einige un\u00fcbliche Instrumente erg\u00e4nzt. Einige der Songs sind auch weit entfernt von den \u00fcblichen Strophe-Refrain-Schemata, allein <em>Jesus Of Suburbia<\/em> und <em>Homecoming<\/em> kommen jeweils auf \u00fcber 9 Minuten Laufzeit, verteilt auf jeweils f\u00fcnf Abschnitte. Dazu kommt eine fette Breitwandproduktion, und fertig war das beste Rockalbum der Nuller Jahre (so sieht es zumindest das britische Kerrang-Magazin). Ich w\u00fcrde es auf jeden Fall ziemlich weit oben in dieser Kategorie ansiedeln. Die Band, die vorher noch \u00fcber ihre Aufl\u00f6sung nachgedacht hatte, war nun pl\u00f6tzlich im absoluten Mainstream angekommen. Ist das noch Punkrock? Nicht wirklich, es ist aber zeitlos guter Rock mit sehr spannenden Texten.<\/p>\n<p>Die Band machte aus ihrer Ablehnung der republikanischen Regierung keinen Hehl, ganz im Gegenteil. Erstaunlicherweise haben das einige bis heute nicht begriffen, erst k\u00fcrzlich gab es emp\u00f6rte Reaktionen, als die Band eine Stelle aus dem Song <em>American Idiot<\/em> umdichtete in &#8222;don&#8217;t wanna be a MAGA idiot&#8220; &#8211; ein klares Statement gegen die Anh\u00e4nger von Donald Trump. Und wenn man sich anguckt, wo die USA heute innenpolitisch stehen und was bei der n\u00e4chsten Pr\u00e4sidentenwahl dort auf dem Spiel steht, ist auch klar, dass dieses Album heute eigentlich noch aktueller ist als damals.<\/p>\n<p>Aber auch ganz ohne die Bez\u00fcge zur Zeitgeschichte funktionieren die allermeisten Songs einfach mal nur als gute Rocksongs. Das beginnt beim er\u00f6ffnenden <em>American Idiot<\/em>, was damals wie heute im Rockradio hoch und runter gespielt wird. Gleiches gilt f\u00fcr die anderen Singles aus dem Album, <em>Boulevard Of Broken Dreams<\/em> (eine sehr poetische Umschreibung f\u00fcr die amerikanischen Gro\u00dfst\u00e4dte an der Ost- und Westk\u00fcste, wo man als Jugendlicher hingeht um dem Mief des mittleren Westens zu entkommen, auf der Suche nach der Erf\u00fcllung des eigenen Traums von der gro\u00dfen Karriere) und <em>Wake Me Up When September Ends<\/em>. <em>Holiday<\/em> ist eine unverhohlene Kritik am Krieg gegen den Terror, der knapp 20 Jahre sp\u00e4ter damit endete, dass in Afghanistan wieder die Taliban an der Macht sind. Und statt <em>Give Me Novocaine<\/em> sind wir inzwischen bei Fentanyl angekommen, weil das Leben so deprimierend ist, dass man es sich nur durch Drogen irgendwie ertr\u00e4glich machen kann.<\/p>\n<p>Fazit: Eines der wichtigsten Rockalben der letzten 20 Jahre. Sollte man kennen. Achja, und eine lobende Erw\u00e4hnung am Rand f\u00fcr &#8222;Dookie&#8220;, mit dem Green Day 1994 das erste Mal Staub aufwirbelten, als sie in <em>Basket Case<\/em> durch die Irrenanstalt rockten (hier zum <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NUTGr5t3MoY&amp;pp=ygUVZ3JlZW4gZGF5IGJhc2tldCBjYXNl\">Angucken<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Alben sind wie guter Wein, sie werden besser je \u00e4lter sie werden. Und manche Alben sind dabei nicht nur zeitlos aktuell, sondern heute aktueller denn je. 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