{"id":4651,"date":"2023-12-21T15:39:00","date_gmt":"2023-12-21T14:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4651"},"modified":"2023-12-16T17:02:17","modified_gmt":"2023-12-16T16:02:17","slug":"album-der-woche-202","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/12\/21\/album-der-woche-202\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Woche gibts vorbereiteten Inhalt aus der digitalen Konservendose, denn ich bin unterwegs durch Deutschland (mit etwas Gl\u00fcck sollte ich beim Erscheinen des Artikels angekommen sein, womit wir auch hier elegant ein Futur II ungebracht h\u00e4tten). Als Soundtrack f\u00fcr derartige Unternehmungen bieten sich ja grunds\u00e4tzlich Kraftwerk an (je nach Verkehrsmittel <em>Trans-Europa-Express<\/em> oder <em>Autobahn<\/em>).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In dieser Woche solls aber nicht um D\u00fcsseldorfer Elektronikpioniere gehen, sondern um den franz\u00f6sischen Elektronikpionier Jean-Michel Jarre. Der wurde in diesem Jahr schlappe 75, w\u00e4hrend das Album der Woche 45 wurde. Nach dem \u00fcberraschend erfolgreichen Oxyg\u00e8ne von 1976 war dies nun das zweite Album, und wie der Vorg\u00e4nger gibt es hier au\u00dfer einem Mellotron und 15 Synthesizern genau null andere Instrumente und auch keinen Gesang. Dementsprechend kann man auch gleich Strukturen wie Refrains vergessen, die Musik flie\u00dft eher \u00fcber zwei Albumseiten zu je rund 20 Minuten. Die &#8222;Songs&#8220; bzw eher Abschnitte sind dabei simplerweise von 1 bis 8 durchnummeriert.<\/p>\n<p>Laut Internet wollte Jarre einen Tag im Leben eines Menschen vertonen. Ich kenne das Album jetzt seit ungef\u00e4hr 30 Jahren, bei mir hat es in erster Linie zahllose Nachmittage vertont, in denen ich Bundesliga Manager gezockt hab. Wie dem auch sei, steigen wir also ein in eine wilde musikalische Reise, die bei mir eher (und sehr wie der Vorg\u00e4nger) Assoziationen mit einem intergalaktischen Trip erweckt. Dazu passt auch, dass die Musik dank der eingesetzten Technik damals wie heute maximal futuristisch klingt (was gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Klassiker von Kraftwerk gilt).<\/p>\n<p>Equinoxe 1 beginnt mit fanfaren\u00e4hnlichen Kl\u00e4ngen, \u00fcber deren widerkehrendes Motiv dann immer weiter Klangwelten gest\u00fclpt werden. Die Klangverl\u00e4ufe k\u00f6nnte man als sich \u00f6ffnende T\u00fcren\/Tore\/Augen\/Vorh\u00e4nge interpretieren, es hat irgendwie auch was mit dem Morgenstimmung aus Peer Gynt von Grieg, Vivaldis Fr\u00fchling kommt mir da auch in den Sinn. Einen \u00e4hnlichen Effekt erreichte auch Klaus Doldinger im Soundtrack zu Das Boot an der Stelle, wo zu Beginn des Films das erste mal das im Bunker liegende Boot zu sehen ist. Das ganze St\u00fcck klingt nach Aufbruch, nach Aufstehen, nach Start in ein wie auch immer geartetes Abenteuer. Nach knapp zweieinhalb Minuten ist diese Er\u00f6ffnung aber auch schon vorbei, die Fanfare verstummt, blubbernde Synthies leiten \u00fcber in den zweiten Teil.<\/p>\n<p>Die erste H\u00e4lfte des zweiten Teils klingt hingegen eher wie eine Traumsequenz im Halbschlaf, aus der man sich nur mit viel Kaffee befreien kann. Fl\u00e4chige Synthesizerwellen schweben durch die Boxen wie ein Segelschiff bei Flaute (der Mittelteil von Rime Of The Ancient Mariner von Iron Maiden nutzt \u00e4hnliche Stilmittel mit v\u00f6llig anderer Instrumentierung). W\u00e4hrend bei den Eisernen Jungfrauen dann aber ein Gewitter in Form eines ausgedehnten Gitarrensolos losbricht, traumt\u00e4nzelt das St\u00fcck hier weiter ruhig pl\u00e4tschernd vor sich hin. Man kriegt alle Zeit, sich den schwachen Seegang anzuschauen, oder Fische und kreischende M\u00f6wen zu beobachten. Ein wenig Donner gibts es auch, hier aber synthetisch erzeugt. Vielleicht soll das St\u00fcck aber auch nur die bleierne M\u00fcdigkeit vertonen, die man auf dem morgendlichen Weg zu Arbeit hat, wer wei\u00df das schon. Nach knapp f\u00fcnf Minuten hat es sich ausgetr\u00e4umt, weiter geht es mit Teil 3.<\/p>\n<p>Der l\u00f6st die Tr\u00e4gheit durch ein flirrendes Motiv ab, \u00fcber das anschlie\u00dfend flotte Melodien gelegt werden. Die Flaute ist vorbei, das Schiff nimmt Fahrt auf und segelt mit ordentlich Fahrt durch den Ozean. Alternativ beschreibts auch einfach die zweite Stufe des Aufwachens, wenn der erste Kaffee durch die Adern flie\u00dft und die M\u00fcdigkeit aus dem System vertreibt. Trotzdem kommt das St\u00fcck ohne schlagzeug\u00e4hnliche Sounds aus, der Rhythmus wird rein durch Keyboardkl\u00e4nge vorgegeben, was das St\u00fcck locker und luftig leicht wirken l\u00e4sst. Nach knapp dreieinhalb Minuten kommen ein paar Glockenkl\u00e4nge hinzu, die zumindest andeuten k\u00f6nnten, dass es hier nun doch eher darum gehen soll, dass der Mensch am Arbeitsplatz motiviert seiner T\u00e4tigkeit nachgeht. Nach reichlich vier Minuten versacken die motiviert klingenden Keyboards in einem glucksenden und blubbernden Brei, der entweder den zweiten Kaffee oder eine sehr tr\u00e4ge suppige See darstellt (vielleicht ists auch einfach nur ein langweiliges Meeting), bevor nach f\u00fcnf Minuten pl\u00f6tzlich Percussionkl\u00e4nge einsetzen, die den vierten Teil einl\u00e4uten.<\/p>\n<p>Der basiert nun wieder auf einem ebenso simplen wie effektiven Keyboardmotiv, das von elektronischen Schlagzeugkl\u00e4ngen unterf\u00fcttert wird. Dazu kommen Windger\u00e4usche und diverse andere Klangeffekte. Das Segelschiff k\u00e4mpft sich durch die See, alternativ ist man produktiv am Schaffen (der Rhythmus gibt den Akkord der Arbeit vor). Dieser Teil kam auch im TV als Untermalung zu Ehren und stellt neben dem f\u00fcnften Teil das Herzst\u00fcck der Scheibe dar und ist auch am ehesten f\u00fcr den Gelegenheitsh\u00f6rer zug\u00e4nglich. Passenderweise wurden die beiden Teile auch als Single ver\u00f6ffentlicht und geh\u00f6ren bis heute zum festen Liveprogramm des Franzosen (ja, der tritte live hinter einem Berg von Synthesizern auf und lenkt mit riesigen Lightshows und Feuerwerk von der leeren B\u00fchne ab). Das tonangebende Keyboardmotiv verschwindet zum Ende hin unter immer mehr Klangeffekten, bevor das St\u00fcck nach knapp sechs Minuten langsam ausgeblendet wird. Die erste LP-Seite ist geschafft, das Segelschiff entschwindet am Horizont au\u00dfer Sicht (oder der Arbeiter in den Feierabend, je nach Interpretation).<\/p>\n<p>Seite zwei beginnt mit einem Donnerkrachen und dem knapp viermin\u00fctigen Teil f\u00fcnf. Das flotte St\u00fcck ist einer der ganz gro\u00dfen Klassiker der elektronischen Musik und beeinflusste den Synthie-Pop der 80er Jahre ma\u00dfgeblich (\u00e4hnlich wie Oxyg\u00e8ne IV). Das durch und durch positiv und fr\u00f6hlich klingende St\u00fcck ist mitrei\u00dfend tanzbar, was im v\u00f6lligen Kontrast zum Beginn des Albums steht, aber irgendwie trotzdem zusammenpasst. Egal ob man das nun als fr\u00f6hlichen Tanz in den Feierabend, das Zustreben auf den Heimathafen nach langer Seereise oder Vorfreude auf die Ankunft des hoffentlich nicht versp\u00e4teten Zuges oder was auch immer interpretiert, die Nummer ist einer der einfachsten Einstiegspunkte in Jarres Gesamtwerk.<\/p>\n<p>Nach vier Minuten schlie\u00dft sich nun quasi als Fortsetzung direkt Teil sechs an, der das Klangbild ver\u00e4ndert. Statt der eher luftigen fl\u00e4chigen Keyboardmelodien kommen nun eher Kl\u00e4nge zum Einsatz, die mich an fr\u00fche Computerspiele mit miesen Soundkartenkl\u00e4ngen erinnern. Vielleicht soll es auch genau sowas visualisieren, wobei Heimcomputer anno 1978 eigentlich noch etwas zu fr\u00fch dran sind. Das sehr rhythmusbetonte St\u00fcck h\u00e4mmert sich jedenfalls in dreieinhalb Minuten durch die Gegend, nach knapp drei Minuten verstummen die meisten Instrumente, eine basslastige Melodie bleibt \u00fcbrig, die allein in Teil sieben \u00fcberleitet.<\/p>\n<p>Hier kommen nun wieder fl\u00e4chige Keyboardsounds wie im zweiten Teil zum Einsatz, w\u00e4hrend die rhythmischen Anteile nach und nach abgel\u00f6st werden. Im Kontext des Albums. Das Motiv aus dem f\u00fcnften Teil wird wieder aufgenommen und in epischer Breite ausgewalzt. Der Tag ist zum Abschluss gebracht, das Schiff im Hafen, man genie\u00dft den Feierabend. Das St\u00fcck kommt erst nach gut sieben Minuten zum Ende, vorher passiert aber in den letzten zwei Minuten schon nur noch reichlich wenig, verschiedene unmotiviert vor sich hin blubbernde Effektger\u00e4te und wabernde Windger\u00e4usche suggerieren wohl dass man als Zuh\u00f6rer jetzt einschlafen kann, weil man es eh gleich geschafft hat \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Der achte und letzte Teil wird mit einem Donnergrollen eingeleitet, danach folgt eine v\u00f6llig deplatzierte Polka wie aus einem Kinderlied, bevor das Motiv aus Teil f\u00fcnf und sieben nochmal in einer sehr verschleppten Form aufgegriffen wird. Was diese Polka hier zu suchen hat, wei\u00df vermutlich nur der Komponist selbst, die getragenen Kl\u00e4nge ab der zweiten Minute l\u00e4uten nun aber das Ende des Albums bzw. die Nachtruhe ein.<\/p>\n<p>Fazit: Eine spannende Reise mit verschiedenen Highlights, bevor es am Ende ein wenig holprig wird. Trotzdem ist die Scheibe musikhistorisch (neben Oxyg\u00e8ne und dem Katalog von Kraftwerk) absolutes Pflichtprogramm. Und n\u00e4chste Woche gibts das totale Kontrastprogramm.<\/p>\n<p>Als Referenz hier noch ein paar Videolinks: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iyX_qouAmfE\">Equinoxe 4<\/a>, mit jeder Menge Vintage-Synthies. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z6m_3bV8GoQ\">Equinoxe 5 live in Monaco 2011<\/a> &#8211; damit man mal sieht, wie das live umgesetzt wird. Es gibt noch zahllose weitere Videos diversester Natur, der Meister ist da erfreulicherweise kein besonders strenger Verfechtes des Copyrights.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche gibts vorbereiteten Inhalt aus der digitalen Konservendose, denn ich bin unterwegs durch Deutschland (mit etwas Gl\u00fcck sollte ich beim Erscheinen des Artikels angekommen sein, womit wir auch hier elegant ein Futur II ungebracht h\u00e4tten). 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