{"id":4600,"date":"2023-10-15T00:25:27","date_gmt":"2023-10-14T22:25:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4600"},"modified":"2023-10-15T00:25:27","modified_gmt":"2023-10-14T22:25:27","slug":"pleiten-pech-und-pannen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/10\/15\/pleiten-pech-und-pannen\/","title":{"rendered":"Pleiten, Pech und Pannen"},"content":{"rendered":"<p>Der letzte Urlaubstag wurde in erster Linie mit nach Hause fahren verbracht. In zweiter Linie mit Fluchen und schlechte Laune haben, in dritter Linie mit Wundern und Kopfsch\u00fctteln. Alles zusammen ergab dann obige \u00dcberschrift, die den Tag vollumf\u00e4nglich zusammenfasst. Gut, es war nicht alles schlecht, ich kam am Ende zuhause an, sogar unfallfrei, und immerhin war bis Mittag auch alles super. Ich will ja nicht unfair zur Deutschen Bahn sein, aber die Schei\u00dfe begann, als ich Deutschland erreichte&#8230; Aber fangen wir mal vorne an:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Tag begann mit sehr p\u00fcnktlichem Aufstehen und Fr\u00fchst\u00fccken, immerhin fuhr der Zug schon kurz nach acht Uhr in Zermatt ab. Auf Kaffee wurde wegen der Wirkung auf die Peristaltik verzichtet, O-Saft und Br\u00f6tchen w\u00fcrden es auch tun, au\u00dferdem hatte ich noch &#8217;ne Nussmischung im Rucksack. Vor der Abfahrt hastete ich noch schnell beim Fahrkartenschalter vorbei, dort kann man sich n\u00e4mlich die &#8222;Mitfahrturkunde&#8220; f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Glacier_Express\">Glacier Express<\/a> geben lassen, so richtig offiziell mit Stempel und Datum und allem Dran und Drum &#8211; hatte ich zwei Tage vorher bei der Ankunft vergessen, klappte aber v\u00f6llig problemlos.<\/p>\n<p><strong>Zermatt &#8211; Visp &#8211; Bern &#8211; Z\u00fcrich<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesem unzweifelhaft \u00fcberaus wichtigen St\u00fcck Papier in der Hand enterte ich nun den Zug, suchte mir einen sch\u00f6nen Platz und schon gings los. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brig-Visp-Zermatt-Bahn\">Fahrt nach Visp<\/a> hinunter war nat\u00fcrlich spektakul\u00e4r (wie schon mehrfach beschrieben), ich erhaschte einen letzten Blick aufs Matterhorn, sah Stalden-Saas in der Morgensonne und war irgendwo schon traurig, dass der Urlaub nun vorbei war. Andererseits waren meine Beine v\u00f6llig am Ende (ich hab noch zwei Einheiten Physio vor mir, dann kann ich hoffentlich auch wieder ohne Aua Treppen hoch und runter h\u00fcpfen), und gesehen hatte ich ja auch wirklich viel, vom bombastischen Wetter mal ganz zu schweigen. Zwei Wochen sp\u00e4ter waren \u00fcbrigens 30 Grad weniger und Schneefall in Zermatt&#8230;<\/p>\n<p>Eine reichliche Stunde sp\u00e4ter war der Zug auch schon unten im Tal in Visp angekommen und es hie\u00df umsteigen. In der Schweiz klappt sowas ja, aber sie machten es mir tats\u00e4chlich etwas schwerer als \u00fcblich, anstatt einmal quer \u00fcber den Bahnsteig zu marschieren musste ich tats\u00e4chlich durch die Unterf\u00fchrung auf den Nachbarbahnsteig &#8211; aus mir nicht bekannten Gr\u00fcnden war kurzfristige Bahnsteig\u00e4nderung angesagt. Sowas gibts also dort auch (und es war nur die erste von mehreren an diesem Tag).<\/p>\n<p>Das \u00e4rgerte mich prinzipiell nur aufgrund der zus\u00e4tzlichen Lauferei, das hei\u00dft eigentlich \u00e4rgerten mich meine Knie, die keinen Bock auf Treppen hatten. Der Zug nach Bern kam jedenfalls p\u00fcnktlich, die Fahrt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L%C3%B6tschberg-Basistunnel\">via L\u00f6tschberg-Basistunnel<\/a>, Spiez und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnstrecke_Bern%E2%80%93Thun\">Thun<\/a> verlief ziemlich ereignislos, man guckte halt Landschaft an, wovon es dort ja reichlich gibt. Nach einer knappen Stunde rollte der Zug auch schon in den Bahnhof <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnhof_Bern\">Bern<\/a>.<\/p>\n<p>Der ist ja mit Abstand der h\u00e4sslichste der Schweiz (habe ich glaube ich schon mal irgendwo erw\u00e4hnt) &#8211; ein dunkles Loch mit 70er-Jahre-Betoncharme, ganz im Gegensatz zur wundersch\u00f6nen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berner_Altstadt\">Berner Altstadt<\/a>. Auch die Ein-\/Ausfahrt aus dem Bahnhof mit der Aarebr\u00fccke und fetter Aussicht links und rechts macht was her, nur der Bahnhof selbst&#8230; nuja. Ich musste also erstmals in diesem Urlaub in Bern umsteigen, in sieben Minuten durch die Unterf\u00fchrung zum Nachbarbahnsteig. Klingt dramatisch, klappt aber problemlos, man muss nur im Menschengewusel mitschwimmen.<\/p>\n<p>Nun gings also wieder nach Z\u00fcrich, so wie schon eine Woche vorher und wie am ersten Urlaubstag in Gegenrichtung. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neubaustrecke_Mattstetten%E2%80%93Rothrist\">Bahn-2000-Strecke<\/a> ist jetzt auch nicht wirklich geeignet, Leute zu Bahnfans zu machen, es geht halt ziemlich schnurgeradeaus mit bis zu 200 km\/h und ohne gro\u00dfartige Aussichten in nord\u00f6stlicher Richtung nach Olten. Ab da gibts dann immer mal wieder interessante Dinge zu bestaunen, aber den Abschnitt Olten-Aarau-Z\u00fcrich kenne ich inzwischen glaube ich ganz gut. Nach knapp einer Stunde rollte der Zug also in den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Z%C3%BCrich_Hauptbahnhof\">Z\u00fcrcher Hauptbahnhof<\/a> (dem geneigten Leser wird aufgefallen sein, dass jeder Zug ziemlich genau eine Stunde unterwegs war &#8211; integraler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taktfahrplan\">Taktfahrplan<\/a> und so, Stichwort Kantenfahrzeit). Da kann der Rest der Welt noch was lernen.<\/p>\n<p><strong>In Z\u00fcrich umsteigen<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte am Anreisetag, also zwei Wochen vorher, in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_AAlMe6FiSI\"><span style=\"text-decoration: line-through;\">L\u00f6hne<\/span><\/a> Z\u00fcrich umsteigen ge\u00fcbt. Und das gesammelte Wissen konnte ich nun tats\u00e4chlich anwenden, nachdem es in der Vorwoche durch einen gl\u00fccklichen Zufall nicht notwendig gewesen war. Theoretisch h\u00e4tte ich nur von Gleis 32 auf 33 (oder umgekehrt) umsteigen m\u00fcssen, also im Tiefgeschoss von einer Seite des Bahnsteigs zur anderen. Praktisch gabs wieder eine Bahnsteig\u00e4nderung. Ich kam zwar im Tiefgeschoss an, mein Anschluss stand aber auf Gleis 7 oder 8 oder so in dem Dreh. Und wer war dran schuld? Die Deutsche Bahn. Das kam n\u00e4mlich so:<\/p>\n<p>Der Zug, in den ich einsteigen wollte, war vorher aus M\u00fcnchen nach Z\u00fcrich gefahren. Und hatte dabei (wie ich ja zwei Wochen vorher auch schon) ewig viel Versp\u00e4tung eingesammelt. Damit konnte er in Z\u00fcrich nicht so einfahren wie laut Fahrplan vorgesehen, sondern wurde irgendwo geparkt, wo er niemanden st\u00f6rte. Eben auf Gleis 7 oder 8 oder so. Und von da fuhr er dann auch wieder los zur\u00fcck in Richtung M\u00fcnchen. Ich musste nun also in f\u00fcnf Minuten von Gleis 33 (oder so) auf Gleis 7 oder 8 eilen. Zum Gl\u00fcck hatte ich a) vor der Ankunft in Z\u00fcrich nochmal auf den elektronischen Fahrplan geguckt und die Gleis\u00e4nderung mitbekommen und b) zwei Wochen vorher umsteigen ge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Ich wetzte also wie ein ge\u00f6lter Blitz aus dem Zug in Richtung Rolltreppe &#8211; und stand dann im Stau, denn andere Leute wollten auch da hoch. Den schweren Koffer die Treppe hochwuchten war jetzt auch keine Option, also gem\u00fctlich die Rolltreppe hoch, einmal 180 Grad gedreht, 50m durch die Ladenpassage geeilt, am Quertunnel den richtigen Abzweit gesucht, nochmal eine Rolltreppe hoch &#8211; und schon stand ich auf dem Bahnsteig, direkt am Zug. Jetzt nochmal 100m zum richtigen Wagen, einsteigen, durchatmen. \u00dcbung macht den Meister, gilt eben auch f\u00fcrs Umsteigen. Und die ganze Aktion w\u00e4re ja wie gesagt \u00fcberhaupt nicht notwendig gewesen wenn die Deutsche Bahn ihren Laden im Griff h\u00e4tte. Die Schweizer sind ja inzwischen soweit, dass Z\u00fcge aus Deutschland gar nicht mehr in die Schweiz rein d\u00fcrfen, weil sie da den ganzen sch\u00f6n konstruierten Fahrplan durcheinanderbringen.<\/p>\n<p>Ich war jedenfalls im richtigen Zug, im richtigen Wagen und auf irgendeinem erstbesten Sitzplatz, der Zug war gut gef\u00fcllt und ich hatte erst ab der Schweizer Grenze bis M\u00fcnchen eine Platzreservierung. Das war aber eh alles wurscht, wie sich schnell herausstellen sollte.<\/p>\n<p><strong>Z\u00fcrich &#8211; St. Gallen &#8211; Lindau-Reutin<\/strong><\/p>\n<p>Der Zug kurvte also p\u00fcnktlich in Z\u00fcrich los und r\u00f6delte dann <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnstrecke_Z%C3%BCrich%E2%80%93Winterthur\">\u00fcber Winterthur<\/a> in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnstrecke_St._Gallen%E2%80%93Winterthur\">Richtung St. Gallen<\/a>. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, jetzt eine Runde zu pennen, der Zug sollte dreieinhalb Stunden bis M\u00fcnchen brauchen und mir fehlte noch etwas Schlaf.<\/p>\n<p>Ab Winterthur war es mit dem Schlafen aber vorbei, denn der Schaffner machte eine l\u00e4ngliche Durchsage. Aufgrund eines Oberleitungsdefektes zwischen einem Kuhkaff kurz vor M\u00fcnchen (Grafrath) und M\u00fcnchen-Pasing war nicht klar, ob der Zug \u00fcberhaupt nach M\u00fcnchen fahren w\u00fcrde. Das hinge noch davon ab, wie kompliziert die St\u00f6rung sei und was da nun disponiert werden w\u00fcrde. Gut, also doch nix schlafen, stattdessen warten, was da nun so durchgesagt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das folgende Schauspiel war so grotesk, das w\u00fcrde einem kein Verlag als Buch abkaufen: Der Zug w\u00fcrde also nicht nach M\u00fcnchen fahren (gut, damit war zu rechnen), sondern in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnhof_Lindau-Reutin\">Lindau-Reutin<\/a> enden. Gut, soweit so erwartbar. Reisende nach M\u00fcnchen wurden gebeten, die Fahrt in St. Gallen zu unterbrechen (H\u00e4?) und am n\u00e4chsten Tag nach M\u00fcnchen zu fahren (Doppel-H\u00e4?), weil in Lindau keinerlei Hotelpl\u00e4tze verf\u00fcgbar seien (gut, Hochsommer am Bodensee, das ist schon klar). Aber wieso zum Geier wird das ernsthaft als Option genannt? Es ist die verdammte Aufgabe der Bahnunternehmen, die Fahrg\u00e4ste irgendwie ans Ziel zu bringen, nicht sie vom Fahren abzuhalten. Mal ganz davon abgesehen, dass ein Fahrgast auf dem Weg zum M\u00fcnchner Flughafen ganz bestimmt in St. Gallen abwartet, wie sein Flieger nach Amerika ohne ihn in M\u00fcnchen abhebt.<\/p>\n<p>Ich \u00f6ffnete also meinen Hosentaschencomputer und guckte nach, was da ab Lindau-Reutin gehen w\u00fcrde. Gibt ja mehr als eine Bahnstrecke in Bayern, irgendwie kann man sich da \u00fcber Friedrichshafen oder Kempten in Richtung Ulm oder Augsburg durchschlagen. Die Fahrplanauskunft zeigte mir zu meiner gro\u00dfen Verbl\u00fcffung einen Regionalzug ab Lindau Insel an, der &#8211; \u00dcberraschung &#8211; nach M\u00fcnchen fahren sollte. Und zwar auf der gleichen Strecke, auf der der Zug, in dem ich grade sa\u00df, nicht fahren konnte?!? H\u00e4? Erz\u00e4hlen dir mir jetzt in der Fahrplanauskunft M\u00e4rchen, oder stimmen die Aussagen vom Schaffner nicht?<\/p>\n<p>Ich war also den Rest der Fahrt damit besch\u00e4ftigt, mir eine alternative Route auszuknobeln. Von Lindau-Reutin mit der S-Bahn nach Lindau-Insel und dann mit einem Regionalzug nach M\u00fcnchen und dort dann den n\u00e4chstbesten Zug Richtung N\u00fcrnberg\/Erlangen nehmen &#8211; klang nach einem Plan. Und falls der Zug nach M\u00fcnchen doch nicht fahren sollte, k\u00f6nnte man von Lindau-Insel auch irgendwie um drei Ecken links an M\u00fcnchen vorbei Richtung N\u00fcrnberg fahren.<\/p>\n<p>Nachdem das also gekl\u00e4rt war und ich einen Plan hatte, konnte ich noch einen Blick auf den sonnenbeschienenen Bodensee erhaschen &#8211; weit \u00fcber 30 Grad, allerfeinstes Badewetter. Der Zug fuhr nun also in Lindau-Reutin ein und alle Fahrg\u00e4ste stiegen aus. Alle Fahrg\u00e4ste? Nein, nur die Fahrg\u00e4ste, die der deutschen Sprache m\u00e4chtig waren. Denn &#8211; und das darf \u00fcberhaupt nicht passieren in einem international verkehrenden Reisezug als Transfer zwischen zwei internationalen Gro\u00dfflugh\u00e4fen (Z\u00fcrich und M\u00fcnchen), der explizit als Flughafentransfer deklariert ist &#8211; alle Durchsagen waren ausschlie\u00dflich auf Deutsch gemacht worden. Da sa\u00dfen also noch mehrere Familien aus Asien und Amerika, die keinen blassen Dunst hatten, was los war. Ich hab dann selbst beim Rausgehen nochmal eine Ansage auf Englisch in lautstark einmal durch den Wagen gemacht (&#8222;blabla, train ends here due to technical issue, please ask the train crew on how to proceed from here&#8220;).<\/p>\n<p>Das war insofern gemein, als dass das Personal nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt keinen Plan hatte. Sie hatten n\u00e4mlich als n\u00e4chste Verbindung einen Zug eine Stunde sp\u00e4ter nach Ulm durchgesagt, von wo aus man dann Anschluss nach M\u00fcnchen h\u00e4tte &#8211; und mit zwei Stunden Versp\u00e4tung in M\u00fcnchen ankommen w\u00fcrde. Ulm ist ja auch die v\u00f6llig falsche Richtung, da f\u00e4hrt man ja nach Ulm und um Ulm herum. Wer also in M\u00fcnchen einen Flieger zu erwischen hatte war in den Arsch gekniffen. Andere Reisende organisierten sich spontan einen Mietwagen, weil sie zum <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Flughafen_Memmingen\">Airport Memmingen<\/a> mussten, ich hingegen stiefelte \u00fcber die \u00dcberf\u00fchrung\u00a0 &#8211; yay, Treppen, aua &#8211; zum anderen Bahnsteig, wo 10 Minuten sp\u00e4ter die S-Bahn nach Lindau-Insel einfahren sollte. Wildes Diskutieren auf dem Bahnsteig, Kopfsch\u00fctteln allerorten. Willkommen in Deutschland, immer wieder geil.<\/p>\n<p><strong>Lindau-Reutin &#8211; Lindau-Insel &#8211; M\u00fcnchen<\/strong><\/p>\n<p>Die S-Bahn brauchte f\u00fcnf Minuten bis <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bahnhof_Lindau-Insel\">Lindau-Insel<\/a>, und dort stand tats\u00e4chlich der Regionalzug nach M\u00fcnchen bereit. Ich war nicht der einzige, der diese Verbindung ausgeknobelt hatte, der Zug war auch schon gut gef\u00fcllt, ich ergatterte grade noch so einen Platz in der ersten Klasse &#8211; vor mir stieg ein Holl\u00e4nder zu, der auch aus Zermatt losgefahren war, gegen\u00fcber sa\u00df ein \u00e4teres Ehepaar, dass nach M\u00fcnchen wollte und dort nochmal umsteigen musste &#8211; das gab sp\u00e4ter nochmal Drama.<\/p>\n<p>Ich kam nun also mit dem Holl\u00e4nder ins Gespr\u00e4ch (auf Englisch), und wir quatschten die ganze Fahrt \u00fcber \u00fcber die mangelhafte Kommunikation der Bahn, \u00fcber seine Reisepl\u00e4ne (er wollte weiter nach Prag), das Bahnfahren in Holland und allerlei andere Dinge. Das Ehepaar gegen\u00fcber lieferte sich derweil einen Kleinkrieg mit dem ausgesprochen unfreundlichen Schaffner, der wegen ihres Koffer rummotzte, der angeblich die T\u00fcr versperrte. Der versperrte gar nix, und einer \u00e4lteren Dame muss man auch nicht sagen, dass sie halt weniger einpacken soll, wenn sie ihren Koffer ned oben auf die Gep\u00e4ckablage heben kann.<\/p>\n<p>Es stellte sich raus, dass der Schaffner einfach nur keinen Bock hatte, in Buchloe hatte er n\u00e4mlich Feierabend und pl\u00f6tzlich hatte er auch genug gute Laune um dem Ehepaar mit einer Verbindungsauskunft zu helfen. Wir hatten n\u00e4mlich latent Versp\u00e4tung angesammelt (zu dem Zeitpunkt rund f\u00fcnf Minuten), das Ehepaar hatte aber irgendwie nur 10 Minuten zum Umsteigen. Das ist in M\u00fcnchen aufgrund der langen Wege dann schon reichlich knapp.<\/p>\n<p>Mir war das ziemlich wumpe, von M\u00fcnchen nach N\u00fcrnberg f\u00e4hrt ja alle Nase lang irgendein Zug, wenn nicht grad B\u00f6schungsbrand ist und gar nix mehr f\u00e4hrt (wie ich im Juni erst erlebt hatte). Auf jeden Fall war ich immerhin erfolgreich in M\u00fcnchen angekommen, und gegen\u00fcber der urspr\u00fcnglichen Verbindung war ich auch nur eine Stunde zu sp\u00e4t dran, und eine Stunde schneller als das, was der Schaffner sinnloserweise in Lindau empfohlen hatte. Schlussendlich hatte der Zug bei Ankunft in M\u00fcnchen dreizehn Minuten Versp\u00e4tung, ich konnte meinem unterwegs rausgesuchten ICE noch hinterher winken, das \u00e4ltere Ehepaar hatte seinen Zug auch verpasst, nur der Holl\u00e4nder war froh, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, bis sein Zug nach Prag fahren sollte.<\/p>\n<p>Ich suchte mir nun also den n\u00e4chsten Zug in Richtung N\u00fcrnberg, reichliche halbe Stunde Wartezeit, was solls, die meiste Zeit des Lebens wartet der Bahnfahrer vergebens, und wenn Bahnfahren eines lehrt, dann Warten. Und irgendwann wurde der Zug auch bereitgestellt, ich suchte mir einen Platz, freute mich ob der funktionierenden Klimaanlage &#8211; man muss ja schon mit Kleinigkeiten zufrieden sein. Der Zug fuhr hielt daf\u00fcr sogar in Erlangen, so dass ich nicht nochmal in N\u00fcrnberg umsteigen brauchte.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcnchen &#8211; N\u00fcrnberg &#8211; Erlangen<\/strong><\/p>\n<p>Kurz vor 17 Uhr setzte sich der Zug also Richtung N\u00fcrnberg in Bewegung und gondelte gem\u00fctlich bis nach Ingolstadt, um dann auf der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schnellfahrstrecke_N%C3%BCrnberg%E2%80%93Ingolstadt\">Schnellfahrstrecke<\/a> Richtung N\u00fcrnberg zu beschleunigen. Soweit die Theorie. Tats\u00e4chlich waren wir bis Ingolstadt noch voll im Fahrplan, nur hielten wir dann in Allersberg &#8211; mitten im Nirgendwo. Die zust\u00e4ndige Durchsage lautete auf &#8222;Vor uns ist ein Zug liegengeblieben, unsere Weiterfahrt verz\u00f6gert sich um 30 Minuten&#8220;. Bis auf leichtes Augenrollen war den anderen Reisenden nix anzumerken. Man ist es inzwischen schon gewohnt, dass bei der Deutschen Bahn einfach nix funktioniert.<\/p>\n<p>Ich hingegen war sauer. Ich war jetzt grad zwei Wochen lang kreuz und quer und hoch und runter durch die Schweiz gefahren. Meine gr\u00f6\u00dfte Versp\u00e4tung dort waren 8 (in Worten acht) Minuten. Und das auf einer touristischen Strecke, wo man keine Anschl\u00fcsse abpassen musste (n\u00e4mlich auf der Fahrt \u00fcber den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berninabahn\">Berninapass nach Tirano<\/a>). Alle anderen Z\u00fcge waren p\u00fcnktlich (jedenfalls an den Umsteigeknoten, wo es drauf ankommt) &#8211; gut, bis auf den ECE von M\u00fcnchen nach Z\u00fcrich am Anreisetag, aber die Versp\u00e4tung hatte er sich schon eingebrockt, bevor er in der Schweiz angekommen war. In der Schweiz funktionierte einfach mal alles zur vollsten Zufriedenheit.<\/p>\n<p>In Deutschland sa\u00df ich nun an dem Nachmittag im dritten Zug (von vieren, wobei die vierte eine S-Bahn war, die aus \u00d6sterreich kommt und nur bis Lindau f\u00e4hrt), der Versp\u00e4tung in nicht unerheblicher Gr\u00f6\u00dfenordnung hatte. Der ECE nach M\u00fcnchen war ja ab Lindau ausgefallen, der Regionalzug nach M\u00fcnchen hatte genug Versp\u00e4tung, dass geplante Anschl\u00fcsse weg waren, und nun stand ich zwischen N\u00fcrnberg und Ingolstadt und es ging mindestens eine halbe Stunde lang nicht vom Fleck.<\/p>\n<p>Zwanzig Minuten sp\u00e4ter kam eine neue Durchsage, die Weiterfahrt w\u00fcrde sich um weitere 30 Minuten verz\u00f6gern. Also eine Stunde Versp\u00e4tung. Keine Erkl\u00e4rung, keine Aussagen was da eigentlich los ist, keine Prognose, nix. Man sitzt also rum und wartet. Und wartet. Und ver\u00e4rgert das Personal des Bistros, indem man auf die Frage ob man noch etwas aus dem Bordbistro haben m\u00f6chte mit &#8222;Eine gro\u00dfe Flasche P\u00fcnktlichkeit&#8220; antwortet. Ja, das ist unfair dem Personal gegen\u00fcber, was ja auch nix daf\u00fcr kann.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Durchsage erh\u00f6hte die Versp\u00e4tungsprognose nochmal um drei\u00dfig Minuten, so dass nun also geschlagene anderthalb Stunden Versp\u00e4tung zu Buche standen. F\u00fcr eine Fahrt, die laut Plan 80 Minuten dauern soll. Ich bin dieses Jahr zwei Mal von M\u00fcnchen nach Erlangen gefahren, und beide Male hatte ich eine Versp\u00e4tung, die die Fahrtzeit mehr als verdoppelte. Ist auch eine Leistung, aber keine auf die die Bahn stolz sein kann.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ging es dann irgendwann in der einsetzenden D\u00e4mmerung kurz nach viertel acht endlich weiter. Was auch immer an der Strecke war &#8211; ich glaube ja im Nachhinein eher, dass es da einen Personenschaden im Gleis gab (vulgo Suizid), denn da wird dann die Strecke l\u00e4nger gesperrt, bis alles von den zust\u00e4ndigen Sachverst\u00e4ndigen freigegeben ist. Sowas sagt man dann aus gutem Grund nicht durch, aber es w\u00e4re eben aus Fahrgastsicht hilfreich, wenn man gleich sagen w\u00fcrde &#8222;wir werden uns 90 Minuten versp\u00e4ten, weil blabla&#8220; und nicht scheibchenweise alle 30 Minuten nochmal 30 Minuten draufschlagen. Was soll ich denn da jemandem sagen, der mich am Bahnhof abholen soll? &#8222;Fahr schon mal los, kann aber sein, dass du eine Stunde zu fr\u00fch da bist und dann ein Kn\u00f6llchen wegen \u00fcberschrittener Parkdauer kriegst&#8220;. Danke f\u00fcr nichts&#8230;<\/p>\n<p>Der Zug rollte nun also gegen halbdreiviertel acht in N\u00fcrnberg ein, in Gegenrichtung kamen nun auch alle drei Minuten die Gegenz\u00fcge, die man offensichtlich in N\u00fcrnberg hatte warten lassen, was ja sehr f\u00fcr eine komplette Streckensperrung spricht und gegen einen simpel liegengebliebenen Zug, denn da h\u00e4tte man ja auf dem Gegengleis eventuell noch die anderen Z\u00fcge fahren lassen k\u00f6nnen. Aber was wei\u00df ich schon, ich bin ja nur zahlender Fahrgast. Wie sagte mein Mathelehrer damals so sch\u00f6n: &#8222;Auf hoher See und in einer Matheklausur sind sie in Gottes Hand.&#8220; Ich leite das mal nach Verkehrsmittel ab und komme auf &#8222;Bei der Deutschen Bahn kommen sie irgendwann vielleicht an, so Gott will&#8220;.<\/p>\n<p>Kurz vor acht war ich dann tats\u00e4chlich in Erlangen angekommen, mit nur reichlich 90 Minuten Versp\u00e4tung dieses Zuges. Laut urspr\u00fcnglicher Verbindung w\u00e4re ich kurz vor 17 Uhr angekommen, also schlappe drei Stunden eher. Dass der Bus nach Hause nun auch noch 10 Minuten Versp\u00e4tung hatte fiel nun auch nicht mehr weiter ins Gewicht. Um halb neun Uhr abends war dann schlie\u00dflich und endlich doch daheim angekommen.<\/p>\n<p>Mit entsprechender Wut im Bauch beantragte ich dann auch gleich mal eine Erstattung der Fahrtkosten, so von wegen Fahrgastrechte und so. So \u00fcberwies mir die Bahn immerhin als Geburtstagsgeschenk den halben Fahrpreis&#8230;<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Deutsche Bahn ist unf\u00e4hig (also nicht unbedingt das Personal an der Front, sondern weiter oben). So wird das nix mit der Verkehrswende. Ich kann jeden verstehen, der beim Auto bleibt, und kann inzwischen die Bahn auch nicht mehr guten Gewissens empfehlen. Ganz anders sieht das nat\u00fcrlich in der Schweiz aus, aber zum Beispiel auch in Italien, wie mir mein Physio jetzt erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Was nehme ich nun aus dem Urlaub mit? Nach wie vor schmerzende Beine, einen ganzen Sack voll Fotos, viele tolle Eindr\u00fccke einer herrlichen Landschaft bei allerbestestem Kaiserwetter. Der Sonnenbrand war eine Woche sp\u00e4ter verheilt und das letzte Rivella steht auch noch in der K\u00fcche &#8211; warum gibts das Zeug nicht in Deutschland verdammt?<\/p>\n<p>Und damit bin ich irgendwie am Ende der Reisereportage angekommen. Wann ich das n\u00e4chste Mal in die Schweiz fahre wei\u00df ich noch nicht, die Urlaubsplanung f\u00fcr 2024 ist noch v\u00f6llig offen. Vielleicht mach ich statt zwei Wochen am St\u00fcck eher k\u00fcrzere Touren. Hamburg w\u00e4r wieder dran (im Miniatur-Wunderland wird ja flei\u00dfig gebaut, da muss ich wieder hin), irgendwann vor langer Zeit (vor Corona) wollte ich mir auch mal M\u00fcnster angucken, und in D\u00fcsseldorf war ich auch noch nie. Muss man mal abwarten, vermutlich wirds eh alles ganz anders kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte Urlaubstag wurde in erster Linie mit nach Hause fahren verbracht. In zweiter Linie mit Fluchen und schlechte Laune haben, in dritter Linie mit Wundern und Kopfsch\u00fctteln. Alles zusammen ergab dann obige \u00dcberschrift, die den Tag vollumf\u00e4nglich zusammenfasst. Gut, es war nicht alles schlecht, ich kam am Ende zuhause an, sogar unfallfrei, und immerhin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4600"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4600"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4601,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4600\/revisions\/4601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}