{"id":4590,"date":"2023-10-12T20:07:57","date_gmt":"2023-10-12T18:07:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4590"},"modified":"2023-10-12T20:07:57","modified_gmt":"2023-10-12T18:07:57","slug":"album-der-woche-192","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/10\/12\/album-der-woche-192\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es ziemlich weit zur\u00fcck, n\u00e4mlihc bis in die sp\u00e4ten 60er Jahre. Und dort schauen wir uns mal eine heute noch aktive Legende an, die damals die ersten kleinen Schritte machte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anders als Led Zeppelin, die zum Zeitpunkt ihres ersten Albums bereits erfahrende Studiomusiker waren gleich voll durchstarteten, oder auch Black Sabbath, die mit ihrem Deb\u00fct bereits markersch\u00fctternden L\u00e4rm produzierten und damit nebenbei den Heavy Metal erfanden, war die dritte der fr\u00fchen britischen Speerspitzen &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deep_Purple\">Deep Purple<\/a> sind gemeint &#8211; zun\u00e4chst noch ganz anders drauf.<\/p>\n<p>Bevor sie n\u00e4mlich 1970 mit &#8222;In Rock&#8220; auf die Welt loslie\u00dfen, hatten sie n\u00e4mlich schon drei Alben ver\u00f6ffentlicht, die heute &#8211; bis auf die erste Hitsingle &#8211; komplett in Vergessenheit geraten sind, auch bei der Band selbst. Grund genug, sich mit den ersten beiden Alben der Bangeschichte zu befassen, wurden sie doch (v\u00f6llig irre) innerhalb von nicht mal einem Vierteljahr Ende 1968 ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Beide Alben entstanden in der heute so gez\u00e4hlten &#8222;Mark I&#8220; Besetzung mit einem gewissen Rod Evans als S\u00e4nger und Nick Simper am Bass. Ebenso dabei waren die wesentlich relevanteren Ritchie Blackmore an der Gitarre, Jon Lord an der Hammond und Ian Paice, der bis heute der einzige Schlagzeuger der Bandgeschichte und somit die einzige Konstante ist (wobei Jon Lord bis 2002 dabei war und dann aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden ausstieg und Ritchie Blackmore es &#8211; mit Unterbrechungen &#8211; bis 1993 ausgehalten hatte). Heute man \u00fcbrigens bei Mark IX angekommen (oder je nach Z\u00e4hlweise auch Mark XI, wenn man die Reunions der klassischen Mark II-Besetzungen extra z\u00e4hlt). Alles sehr verwirrend, kann man aber in Ruhe auf der Wikipediaseite der Band nachlesen.<\/p>\n<p>Kommen wir nun also endlich zum Deb\u00fctalbum: &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Shades_of_Deep_Purple\">Shades Of Deep Purple<\/a>&#8220; enth\u00e4lt acht Songs, darunter eine ganze Reihe Coverversionen. Musikalisch war psychedelischer Rock angesagt, die Hammond-Orgel war wesentlich dominanter als bei sp\u00e4teren Alben. So richtig auf Hit und Erfolg getrimmt war hier gar nix, so beginnt das Album gleich erstmal mit dem Instrumentalst\u00fcck <em>And The Address<\/em>, was haupts\u00e4chlich von der Hammond lebt. Danach folgt mit <em>Hush<\/em> die erste Coverversion, die auch als Single herausgebracht wurde und \u00fcberraschend ein Hit in den USA war (Platz 4 in den Charts). <em>Hush<\/em> ist Pop-Rock mit etwas Orgel und orientiert sich musikalisch wie \u00fcberhaupt das gesamte fr\u00fche Material bei Vanilla Fudge, falls die jemand kennt. Tats\u00e4chlich kam die Nummer Ende der 80er live zu neuen Ehren und ist bis heute immer mal wieder im Live-Programm.<\/p>\n<p>Danach folgt eine Eigenkomposition namens <em>One More Rainy Day<\/em>, die am ehesten als Pop-Ballade mit Orgelintro beschrieben werden kann. Passt so gar nicht zu allem, was man sonst unter dem Namen Deep Purple erwartet. Das n\u00e4chste St\u00fcck klaut bei einem Klassiker, n\u00e4mlich Rimsky-Korsakov &#8211; solche Adaptionen waren das Werk von Jon Lord, der ja gelernter klassischer Musiker war. Nach diesem Klassik-Intro (\u00fcbertragen auf Hammond und elektrische Gitarre, also nix Streicher hier) leitet es \u00fcber in das relativ belanglose <em>I&#8217;m So Glad<\/em>.<\/p>\n<p>Der einzige Song des Albums, der sich auch live l\u00e4nger in der Setlist halten konnte, war das nun folgende <em>Mandrake Root<\/em>. Das ist ein haupts\u00e4chlich instrumentales St\u00fcck, dass im Konzert durch ausgiebige Improvisationen auf eine halbe Stunde Spielzeit aufgepustet wurde und noch bis 1972 live im Programm war, bevor der Improvisationsteil in <em>Space Truckin&#8216;<\/em> eingebettet wurde (nachzuh\u00f6ren auf dem in dieser Reihe bereits besprochenen &#8222;Made In Japan&#8220;). Hier kommt die Nummer immerhin auf sechs Minuten, davon zweieinhalb Minuten langweilige Einleitung und danach sehr explosiver Instrumentalteil, der so gar nix mehr mit Pop zu tun hat und zeigt, was die Herren Blackmore, Lord und Paice damals schon drauf hatten.<\/p>\n<p>Es folgt eine weitere Coverversion, diesmal eines sehr bekannten St\u00fccks, n\u00e4mlich <em>Help!<\/em> von den Beatles. Nach der Bearbeitung durch Deep Purple ist vom Original freilich nur noch der Text \u00fcbrig, die Nummer ist dreimal so lang, z\u00e4hfl\u00fcssig und wehklagend, wesentlich n\u00e4her dran an dem, was John Lennon urspr\u00fcnglich wohl ausdr\u00fccken wollte, bevor es zum Beat-Hit wurde. Die Beatles fanden die Bearbeitung wohl auch gar nicht schlecht, behauptet jedenfalls das Booklet zum Album.<\/p>\n<p>Fehlt nun noch die Poprock-Nummer <em>Love Help Me<\/em> (viel Orgel, ansonsten aber unspektakul\u00e4r) und die abschlie\u00dfende Coverversion eines weiteren bekannten Hits, n\u00e4mlich <em>Hey Joe<\/em>, was ja durch Jimi Hendrix ganz gro\u00df rauskam. Auch dieses Cover enth\u00e4lt wieder ein paar ausufernde Klassikadaptionen als Intro, n\u00e4mlich ein mir v\u00f6llig unbekanntes Ballet des mir ebenso v\u00f6llig unbekannten Manuel de Falla. Spanische Klassiker kommen halt im deutschen Musikunterricht nicht vor.<\/p>\n<p>Fazit: Es ist ein merkw\u00fcrdiges Album, einerseits was das Songmaterial mit den vielen Coverversionen angeht, andererseits ist schon klar zu h\u00f6ren, dass die Band eigentlich viel mehr k\u00f6nnte, aber nicht in der Lage ist, ihr K\u00f6nnen in passenden Songs umzusetzen. Ritchie Blackmore spielt einige pr\u00e4gnante Soli, aber noch gegen Jon Lords Orgelpassagen klar die zweite Geige, w\u00e4hrend Ian Paice an vielen Stellen zeigt, dass er eigentlich total unterfordert davon ist, nur einen graden Beat zu spielen. Spannend ist das Album trotzdem, grade wenn man wei\u00df was die Band sp\u00e4ter noch spielte, und man hier nun erste Spuren dieser Gro\u00dftaten finden kann.<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen nach diesem Album (quasi eine Kurztour durch Amerika sp\u00e4ter) wurde die Band wieder ins Studio geschickt, um m\u00f6glichst schnell einen Nachfolger zu produzieren. Der h\u00f6rt auf den Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Book_of_Taliesyn\">The Book Of Taliesyn<\/a>&#8222;. Musikalisch wurde das Grundkonzept beibehalten, drei Coverversionen und vier eigene St\u00fccke, davon ein Instrumental und zwischendrin dicke fette Klassikadaptionen.<\/p>\n<p>Erste Nummer auf dem Album ist <em>Listen, Learn, Read On<\/em>, einem kompakten Rocker mit wesentlich mehr Fokus auf Blackmore&#8217;s Gitarre als auf dem ersten Album. Nur der Text \u00fcber mittelalterliche Barden passt so gar nicht dazu. Danach folgt mit <em>Wring That Neck<\/em> der allererste &#8222;echte&#8220; Deep Purple-Song. Das f\u00fcnfmin\u00fctige Instrumentalst\u00fcck zeigt erstmals, was die Band musikalisch zu leisten im Stande war, wenn sie ihr K\u00f6nnen auf den Punkt brachte. Die Nummer war auch live noch l\u00e4ngere Zeit im Programm und enth\u00e4lt erstmals die sp\u00e4ter klassischen Duelle zwischen Gitarre und Hammond-Orgel.<\/p>\n<p>Danach folgt eine Pop-Rock Nummer, hier wird n\u00e4mlich <em>Kentucky Woman<\/em> von Neil Diamond durch den Hammond-Wolf gedreht. Nun folgt eine instrumentale Eigenkomposition, die sich aber bei Beethoven und Tschaikovsky bedient, nat\u00fcrlich auf Hammond-Orgel und elektrische Gitarre angepasst. Diese <em>Exposition<\/em> find ich ja wesentlich spannender als das direkt folgende <em>We Can Work It Out<\/em>, was ja schon im Beatles-Original nicht der allergr\u00f6\u00dfte Hit der Band war.<\/p>\n<p>Danach folgt mit <em>Shield<\/em> eine merkw\u00fcrdige Poprock-Komposition mit d\u00fcsterem Text, was so gar nicht zum restlichen Album passen will, an sich aber recht spannend ist. In eine \u00e4hnliche Richtung schl\u00e4gt <em>Anthem<\/em>, was sich aber musikalisch wesentlich st\u00e4rker in Richtung Klassik bewegt, komplett mit Streichquartett und Mellotron. Damals war ja noch nicht so richtig klar, in welche Richtung die Band musikalisch gehen wollte &#8211; Jon Lord trieb ja ein Jahr sp\u00e4ter das Concerto For Group and Orchestra voran, Ritchie Blackmore wollte Hardrock spielen und irgendwie war die Band noch auf der Suche nach der eigenen Identit\u00e4t &#8211; diese Suche hatte erst 1970 mit &#8222;In Rock&#8220; ein Ende.<\/p>\n<p>Den Abschluss des Albums bildet eine weitere Coverversion, n\u00e4mlich <em>River Deep, Mountain High<\/em> von Ike &amp; Tina Turner. Die wird wieder mit einer Klassik-Adaption als Intro gew\u00fcrzt, n\u00e4mlich &#8222;Also sprach Zarathustra&#8220; von Richard Strauss, was damals wegen der Verwendung in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey sehr popul\u00e4r war. So kommt die Nummer auf schlappe 10 Minuten Laufzeit und zeigt am Ende einen entfesselt aufspielenden Blackmore, der alles in Grund und Boden rockt.<\/p>\n<p>Alles in Grund und Boden gerockt wurde auch live, zumindest in Amerika &#8211; denn auf der B\u00fchne zeigte sich die ganze Klasse der Band (was sich ja bis heute nicht ge\u00e4ndert hat). In Gro\u00dfbritannien bekam die Band hingegen kein Bein auf den Boden, &#8222;The Book Of Taliesyn&#8220; kam \u00fcberhaupt erst im Juni 1969 in Gro\u00dfbritannien heraus. Aufgrund dieser Situation wollte die Band (so schreibt es das sehr informative Booklet zum Album) tats\u00e4chlich nach Amerika auswandern &#8211; bis sie feststellten, dass Schlagzeuger Ian Paice zum Wehrdienst eingezogen werden k\u00f6nnte, was vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges keine allzu attraktive Aussicht war. Stattdessen tourte die Band ausgiebig in den USA und nahm zwischendrin Anfang 1969 das dritte Album auf. Da war den musikalischen K\u00f6pfen Jon Lord und Ritchie Blackmore aber schon klar, dass man zuk\u00fcnftig h\u00e4rter rocken wollte, ganz in Richtung der fr\u00fchen Led Zeppelin, die ja grad auf der Bildfl\u00e4che erschienen waren. Aber das werde ich wohl im kommenden Jahr beleuchten, wenn es um das dritte und finale Album der Mark I-Besetzung gehen wird.<\/p>\n<p>Fazit: Zwei durchaus interessante Psychedelic-Rock-Alben, die aber musikalisch so gar nix mit Smoke On The Water, Highway Star oder sonstigen Hits der sp\u00e4teren Bandgeschichte zu tun haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es ziemlich weit zur\u00fcck, n\u00e4mlihc bis in die sp\u00e4ten 60er Jahre. Und dort schauen wir uns mal eine heute noch aktive Legende an, die damals die ersten kleinen Schritte machte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4590"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4590"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4591,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4590\/revisions\/4591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}