{"id":454,"date":"2008-08-17T07:45:30","date_gmt":"2008-08-17T06:45:30","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.ws\/?p=454"},"modified":"2020-02-08T10:35:40","modified_gmt":"2020-02-08T09:35:40","slug":"reisebeobachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2008\/08\/17\/reisebeobachtungen\/","title":{"rendered":"Reisebeobachtungen"},"content":{"rendered":"<p>Ich fahre ja nun \u00f6fter mal l\u00e4ngere Strecken mit der Bahn. Dabei kann man immer wieder Beobachtungen anstellen, was so sonst noch f\u00fcr Leute die Z\u00fcge und Bahnh\u00f6fe bev\u00f6lkern. Im folgenden gibt es daher eine unvollst\u00e4ndige Liste der verschiedensten Typen, die man da so trifft:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Direkte<\/strong>: Als Pendler zeichnet er sich dadurch aus, dass er genau wei\u00df, wann und wo sein Zug f\u00e4hrt, er geht flotten Schrittes mit Aktentasche oder Rucksack bewaffnet vom Bahnhofseingang direkt zum Bahnsteig und l\u00e4\u00dft sich von nichts ablenken, ausser von eventuellen Durchsagen bez\u00fcglich Bahnsteig\u00e4nderungen oder Versp\u00e4tungen. Au\u00dferdem kennt er den Fahrplan seiner Stammstrecke auswendig und kann so pr\u00e4zise umplanen, falls mal was dazwischenkommt.<\/p>\n<p><strong>Der Planlose<\/strong>: Er f\u00e4hrt Zug, weil es gar nicht anders ging. Das letzte Mal ist er vor zwanzig Jahren von Hintertupfingen ins Nachbardorf gefahren, jetzt war gerade das Auto in der Werkstatt und der Besuch bei Oma Gertrude zum 90. musste trotzdem sein, dummerweise wohnt die aber am anderen Ende der Republik. Am Bahnhof f\u00e4llt er auf, indem er beim Aussteigen direkt vor der Waggont\u00fcr auf dem Bahnsteig stehenbleibt und den ganzen Verkehr aufh\u00e4lt. Anschlie\u00dfend sucht er den Bahnsteig f\u00fcr den n\u00e4chsten Zug, fragt (trotz Fahrplanausdruck mit Bahnsteigangabe in der Hand und Bahnsteiganzeige und Anzeige am Zug selbst) ob das jetzt der Zug nach xyz w\u00e4re, was Umstehende unterschiedlich beantworten: &#8222;Keine Ahnung&#8220; (noch ein Planloser), &#8222;Ja&#8220; (ein normaler Reisender), &#8222;Steht doch dran, du Depp&#8220; (ein genervter Direkter). Ebenso konsequent steigt der Planlose im falschen Waggon ein, obwohl er extra seinen Sitzplatz reserviert hat, mit der folge, dass er sich dann mitsamt Gep\u00e4ck durch den halben Zug fragen muss, wo denn nun Wagen 5 oder 7 oder 12 ist.<\/p>\n<p><strong>Der Tourist<\/strong>: Dieser ist mit dem halben Hausstand, vier Koffern, drei Taschen und zwei Rucks\u00e4cken unterwegs und braucht allein schon deswegen mehr Platz als alle anderen. Nat\u00fcrlich dauert damit das Ein- und Aussteigen besonders lange, ebenso dauert es, bis der Tourist dann endlich seinen reservierten Sitzplatz eingenommen hat, denn die ganzen Koffer m\u00fcssen ja irgendwo verstaut werden &#8211; meistens irgendwo im Gang, so dass alle anderen zur K\u00f6rperert\u00fcchtigung durch Hindernislauf gezwungen sind.<\/p>\n<p><strong>Der Shopper<\/strong>: Ihn trifft man nur auf gro\u00dfen Bahnh\u00f6fen, und das auch nur deswegen, weil es da gr\u00f6\u00dfere Einkaufspassagen gibt. Mit Bahnfahren hat er nix am Hut, er wundert sich nur \u00fcber all die anderen drolligen Gestalten, die so gehetzt durch die Gegend rennen, weil sie ihren Zug noch erwischen wollen. Die anderen drolligen Gestalten fluchen derweil \u00fcber die bl\u00f6den Shopper, die immer nur bl\u00f6d im Weg rumstehen und Schaufenster begucken.<\/p>\n<p><strong>Der Optimist<\/strong>: Er verzichtet grunds\u00e4tzlich auf Sitzplatzreservierungen in der Hoffnung, dass Freitag nachmittag im ICE von Freiburg nach Hamburg oder Berlin schon noch irgendwo Platz sein wird. Dementsprechend findet man Optimisten meistens in jenen Z\u00fcgen im Eingangsbereich auf dem Boden sitzend.<\/p>\n<p><strong>Der Panische<\/strong>: Der Panische hat fortw\u00e4hrend Angst, im falschen Zug zu sitzen. Deshalb fragt er alle Mitreisenden alle f\u00fcnf Minuten, ob der Zug denn auch in (Mannheim\/Frankfurt\/Hannover\/sonstige Gro\u00dfstadt) h\u00e4lt. Au\u00dferdem sorgt er sich fortw\u00e4hrend um seine Anschl\u00fcsse beim Umsteigen, insbesondere wenn der Zug gerade minimale Versp\u00e4tung hat. Das Zugpersonal hat dann alle H\u00e4nde voll zu tun, den Panischen wieder zu beruhigen, dass der Anschluss-ICE nat\u00fcrlich wartet, weil noch ungef\u00e4hr 200 andere ebenfalls in diesen Zug umsteigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Der Hyperaktive<\/strong>: Der Hyperaktive kann im Zug keine Minute stillsitzen. Er stellt seine Tasche ab und setzt sich. Er steht wieder auf, kramt aus der Tasche eine Flasche Wasser und setzt sich. Er steht wieder auf, holt das Buch oder Kreuzwortr\u00e4tsel und setzt sich wieder. Nun wird wahlweise im Buch gebl\u00e4ttert, aufs Klo gegangen, mit dem Handy gespielt, aus dem Fenster geguckt, der Fahrplan studiert, wieder zwei Seiten gelesen, die Fr\u00fchst\u00fccksstulle aus der Tasche gekramt usw. usw.<\/p>\n<p><strong>Der Vorw\u00e4rtsfahrer<\/strong>: Der Vorw\u00e4rtsfahrer kann auf gar keinen Fall auf einem Platz sitzen, auf dem er r\u00fcckw\u00e4rts fahren w\u00fcrde. Es ist v\u00f6llig schnurz, ob das der reservierte Platz im knackevollen ICE ist, da wird das Personal zur Sau gemacht, dass er da nicht sitzen kann und ob er nicht einen anderen Platz kriegen k\u00f6nnte. Kann er nat\u00fcrlich nicht, also werden umsitzenden Reisen Platztausche angeboten. Dummerweise wechseln Z\u00fcge ja unterwegs auch mal die Fahrtrichtung, z.B. in Frankfurt &#8211; hier folgen dann v\u00f6llig unvermittelt panische Ausrufe &#8222;Ach du Schreck, wieso fahren wir jetzt r\u00fcckw\u00e4rts? Das geht ja gar nicht.&#8220; gefolgt vom Aufspringen und Suchen einer anderen Sitzm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p><strong>Der Mitarbeiter<\/strong>: Der Mitarbeiter der Bahn ist zun\u00e4chst mal durch seine Kleidung erkenntlich (manchmal auch nicht, ich hab schon Kontrolleure im Rolling Stones-Shirt und um den Hals baumelnden Ausweis gesehen). Die meisten Mitarbeiter kontrollieren die Fahrscheine, machen mehr oder minder wichtige Ansagen (Ankunft am n\u00e4chsten Bahnhof, Umsteigem\u00f6glichkeiten, Fu\u00dfballergebnisse, die Speisekarte im Bordbistro, &#8230;) und sind ansonsten unauff\u00e4llig, bis auf das katastrophale Englisch, in welchem die \u00fcblichen Standardfloskeln vorgetragen werden (m\u00fcssen): &#8222;Senk yu for tr\u00e4wwelling wiff Deutsche Bahn.&#8220; Schon klar. Noch unauff\u00e4lliger sind Mitarbeiter auf Freifahrt, zum Beispiel Lokf\u00fchrer, die zu ihrer Schicht fahren. Die sitzen dann irgendwo im Zug und schnarchen und fallen ansonsten \u00fcberhaupt nicht auf.<\/p>\n<p><strong>Der Besserwisser<\/strong>: Kommentiert jede Durchsage am Bahnsteig oder im Zug mit einem sinnlosen Kommentar, l\u00e4\u00dft bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Satz in der Richtung &#8222;Fr\u00fcher bei der Bundesbahn war das alles viel besser&#8220; ab und hat f\u00fcr das Personal nichts als Verachtung \u00fcbrig. Die Unp\u00fcnktlichkeit der Bahn ist f\u00fcr ihn in Stein gemei\u00dfelt, selbst wenn der Zug absolut p\u00fcnktlich verkehrt. Dies ist insbesondere dann spannend, wenn der Zug zum Beispiel in Mannheim einen Korrespondenzhalt hat und daher 10 Minuten planm\u00e4\u00dfigen Aufenthalt. Da kann man dann eine Schimpftirade ob der uns\u00e4glichen Unp\u00fcnktlichkeit anh\u00f6ren, ein trockenes &#8222;Wir sind genau p\u00fcnktlich.&#8220; bei der Abfahrt erzeugt dann ein \u00e4u\u00dferst dumm dreinschauendes Gesicht mit sperrangelweit offenstehendem Mund&#8230;<\/p>\n<p><strong>ERG\u00c4NZUNGEN:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Geh\u00f6rzerst\u00f6rer<\/strong> (eingereicht von Miss M@rple): H\u00f6rt \u00fcber seinen USB-Stick-MP3-Player oder auch sein Handy und Kopfh\u00f6rer so laut Schranz oder \u00e4hnlichen L\u00e4rm so laut, dass der Unterschied zwischen Kopfh\u00f6rer und Lautsprecher nicht mehr existent ist. Den Geh\u00f6rzerst\u00f6rer trifft man oftmals sp\u00e4t abends, wenn man selbst in der Rolle des Direkten nach einigen \u00dcberstunden v\u00f6llig m\u00fcde von der Arbeit nach Hause f\u00e4hrt und die Batterien des eigenen Musikplayers wieder mal leer sind und man keine Ersatzbatterien dabei hat.<\/p>\n<p><strong>Der Schlachtenbummler<\/strong> (vorgeschlagen von <a href=\"http:\/\/blog.tokbela.de\/\">Tok<\/a>): Vertreter dieser Spezies sind nie allein anzutreffen, sondern grunds\u00e4tzlich mindestens in Gruppen von drei oder vier Leuten unterwegs. Besonders h\u00e4ufiges Auftreten ist in der N\u00e4he von Fu\u00dfballstadien, Konzerthallen und anderen f\u00fcr Gro\u00dfveranstaltungen geeigneten Orten, daher auch in aller Regel eher in Regional- und Stadtbahnen, nur sehr selten im teureren Fernverkehr. Von anderen Reisenden unterscheiden sie sich durch auff\u00e4llige Optik (Fanschals des Fu\u00dfballvereins, T-Shirt passend zum Konzert, &#8230;), Akustik (Debatten \u00fcber die nicht vorhandene Spielkultur, den parteiischen Schiri und den verletzten St\u00fcrmerstar, schiefer Gesang) und die Verpflegung. Letztere besteht in der Regel aus einem Kasten Gerstenkaltschale, die leeren Flaschen kullern dann nicht selten durch den halben Zug und hinterlassen wohlriechende D\u00fcfte&#8230; Kollateralsch\u00e4den wie Bierpf\u00fctzen auf den Polstern machen das Erlebnis komplett.<\/p>\n<p><strong>Der Raucher<\/strong>: Inzwischen ist diese Spezies sehr selten geworden, da das nat\u00fcrliche Habitat aka Raucherabteil bekannterma\u00dfen abgeschafft wurde. Das f\u00fchrt dazu, dass immer mal wieder einzelne Abh\u00e4ngige mit zitternden Fingern in Richtung Klo wanken und dort mal fix das Rauchverbot ignorieren. Nachfolgende Reisende, die einem dringenden Bed\u00fcrfnis nachgehen m\u00fcssen, ben\u00f6tigen daher oftmals eine Gasmaske. Eine andere Variante besteht darin, bei Bahnhofshalten in der ge\u00f6ffneten T\u00fcr zu stehen und auf den Bahnsteig zu paffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich fahre ja nun \u00f6fter mal l\u00e4ngere Strecken mit der Bahn. Dabei kann man immer wieder Beobachtungen anstellen, was so sonst noch f\u00fcr Leute die Z\u00fcge und Bahnh\u00f6fe bev\u00f6lkern. 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