{"id":4522,"date":"2023-09-13T21:08:35","date_gmt":"2023-09-13T19:08:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4522"},"modified":"2023-09-13T21:08:35","modified_gmt":"2023-09-13T19:08:35","slug":"album-der-woche-188","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/09\/13\/album-der-woche-188\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Woche machen wir eine ziemlich fette Zeitreise, n\u00e4mlich ganz weit zur\u00fcck bis zum Urknall und noch ein St\u00fcck weiter. Naja, nicht so ganz, aber beinah fast. Das h\u00e4ngt dann auch um drei Ecken mit singenden Schlagzeugern und blumig eingetopften S\u00e4ngern und karierten Schotten zusammen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Beginnen wir mal ganz am Anfang, da war erstmal eine ganze Weile nix, dann sprach Bon Scott &#8222;Let there be light&#8220;, und einen Urknall sp\u00e4ter hatten wir den Salat. Einige Millionen Jahre sp\u00e4ter schrieben ein paar bekiffte M\u00f6nche dann ein dickes Buch, und das erste Kapitel beschreibt die Entstehung des Universums ein klein wenig anders. Allerdings weigern sich die Autoren beharrlich, Korrekturen vorzunehmen und eine aktualisierte Ausgabe ihrer Bibel herauszugeben. Vermutlich brauchen sie eine Unterschrift von ihrem Chef, der sich aber seit mehreren tausend Jahren nicht mehr im B\u00fcro hat blicken lassen. Und sein Sohn als Juniorchef wurde ja auch schon vor l\u00e4ngerer Zeit zum Teufel geschickt.<\/p>\n<p>Was das jetzt mit dem Album der Woche zu tun hat? Nicht viel, au\u00dfer dass der Titel des 1. Buch Moses auch der Name der Band ist, um die es geht. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Genesis_(Band)\">Genesis<\/a> n\u00e4mlich. Diese Woche geht es dabei um alte Genesis, genauer gesagt um ein halbes Jahrhundert alte Genesis, also in der ganz klassischen Besetzung mit Peter Gabriel am Mikro, Steve Hackett an der Gitarre und Phil Collins quasi ausschlie\u00dflich am Schlagzeug. Also lange vor den einschl\u00e4gig bekannten Radio-Welthits wie <em>Mama<\/em>, <em>Invisible Touch<\/em>, <em>We Can&#8217;t Dance<\/em> und so weiter. Wobei <em>Mama<\/em> (also der Song) dieses Jahr auch runden Geburtstag feiert. Aber zur\u00fcck zum eigentlichen Thema: Album der Woche.<\/p>\n<p>Wir gehen also zur\u00fcck ins Jahr 1973, und zwar nach London. Roger Moore wird neuer James Bond, der Nordirlandkonflikt ist Tagesthema der Innenpolitik, und au\u00dferdem tritt das Vereinigte K\u00f6nigreich der EU bei, nur um 2020 die Wandlung zu brexitannischen Inselaffen zu vollziehen. Au\u00dferdem wird ein Vertrag mit Frankreich \u00fcber den Bau eines Tunnels unter dem \u00c4rmelkanal unterzeichnet, Jackie Stewart wird zum bis dato erfolgreichsten Rennfahrer der Formel 1, Nixon stolpert \u00fcber Watergate, J.R.R. tritt seine Reise in die unsterblichen Lande an und ein birnenf\u00f6rmiger Oggersheimer wird Vorsitzender der CDU.<\/p>\n<p>In dieser wilden Gemengelage bringen Genesis also &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Selling_England_by_the_Pound\">Selling England By The Pound<\/a>&#8220; heraus. Der Titel bezieht sich dabei auf einen Wahlkampfslogan der Labour Party. Im Vorjahr hatte die Band mit &#8222;Foxtrot&#8220; ein wegweisendes Album vorgelegt, war danach ausgiebig getourt und sollte nun einen gleichwertigen Nachfolger produzieren. Das Ergebnis umfasst acht Songs, die prog-typisch zwischen drei und 12 Minuten dauern und dabei alles abdecken, was man sich vorstellen kann, inklusive instrumentaler Teile, krummen Taktarten, wilden Soli und durchgeknallten Texten.<\/p>\n<p>Das Album wird er\u00f6ffnet von einer a capella-Einlage von Peter Gabriel: &#8222;Can you tell me where my country lies?&#8220; <em>Dancing With The Moonlit Knight<\/em> ist ein achtmin\u00fctigen Epos mit wild verklausulierten Texten \u00fcber das moderne England. Musikalisch ist die Nummer ein Sammelsurium von Ideen, wobei das Ende irgendwie \u00fcberhaupt nicht zum Rest passen will. Macht aber nix, der Anfang ist Weltklasse, da kann man das ignorieren. Weiter geht es mit <em>I Know What I Like (In Your Wardrobe)<\/em>, einer durchgedrehten kleinen Nummer \u00fcber einen Typen, der zufrieden ist, den Rasenm\u00e4her durch die Gegend zu schieben. Mit knapp \u00fcber vier Minuten ist der Song vergleichsweise kompakt und wurde tats\u00e4chlich zu einer Hitsingle, die die Top 20 nur knapp verfehlte.<\/p>\n<p>Das ganz gro\u00dfe Highlight ist der dritte Song <em>Firth Of Fifth<\/em>. Dieser Neunmin\u00fcter beginnt mit einem wahnsinnig komplexen Pianointro in so wirren Rhythmen wie 13\/16 und 15\/16, bevor es in die erste Strophe geht. Dieser perlende Pianolauf wurde live jedoch weggelassen. Nach den konventionellen Strophen folgt ein episches Gitarrensolo von Steve Hackett, der hier lange vor Eddie van Halen die Tapping-Technik verwendet. Und dann ist die ganze grandiose Sch\u00f6nheit auch schon vorbei: &#8222;The sands of time were eroded by the river of constant change.&#8220; &#8211; ganz nebenbei eins der sch\u00f6nsten lyrischen Bilder von Peter Gabriel wie ich finde.<\/p>\n<p>Das totale Kontrastprogramm dazu ist nun ein dreimin\u00fctiges Liedchen mit Phil Collins am Mikro. Ansonsten ist <em>More Fool Me<\/em> keine weitere Erw\u00e4hnung wert und auch musikalisch ziemlich nichtssagend. Umso mehr sagt bzw. singt Peter Gabriel in <em>The Battle Of Epping Forest<\/em>, dem Opener der zweiten Seite. Die Nummer ist knapp 12 Minuten lang, und das zum Teil auch weil nur so genug Zeit f\u00fcr den wahnsinnig umfangreichen Text ist, der auch als Kurzgeschichte durchgeht. Inhaltlich geht es um Revierk\u00e4mpfe von Jugendbanden im gleichnamigen Verwaltungsbezirk, also durchaus ein relevantes Thema der Gegenwart. Nach dieser Anstrengung folgt das passend betitelte Instrumentalst\u00fcck <em>After The Ordeal<\/em>, was nicht weiter h\u00e4ngenbleibt, aber auch nicht st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das Album endet schlie\u00dflich mit <em>The Cinema Show<\/em> und dem direkt anschlie\u00dfenden <em>Aisle Of Plenty<\/em>, die quasi zusammengeh\u00f6ren. Was mir Peter Gabriel mit den Texten sagen will bleibt wohl sein Geheimnis, in <em>Aisle Of Plenty<\/em> tauchen sogar Sonderangebote des Supermarkts auf&#8230; Musikalisch ist die Kinoschau ungleich besser verdaulich und eines der gro\u00dfen Epen der Band, und am Ende wird auch ein Motiv aus <em>Dancing With The Moonlit Knight<\/em> wieder aufgegriffen.<\/p>\n<p>Wie f\u00e4llt nun also das Fazit aus: Drei gro\u00dfe Klassiker (<em>Dancing With The Moonlit Knight<\/em>, <em>Firth Of Fifth<\/em> und <em>The Cinema Show<\/em>), der Rest irgendwie eher mau, mit Ausnahme der Single <em>I Know What I Like (In Your Wardrobe)<\/em>. Die Kritiker waren sich damals auch nicht einig, heute wird es als eines der wichtigsten Prog-Alben der 70er angesehen. Highlights f\u00fcr mich sind (unabh\u00e4ngig von den Songs) die durchgeknallten Wortspiele in Peter Gabriels Texten sowie das Drumming von Phil Collins (ich habs schon oft geschrieben, der Mann war als Schlagzeuger Weltspitzenklasse, als S\u00e4nger eher so nuja&#8230;). Beides beeinflusste auch Gr\u00f6\u00dfen wie Fish (Marillion waren anfangs ja quasi eine Genesis-Kopie) und Neil Peart. Grund genug das Album zu kennen w\u00fcrde ich sagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche machen wir eine ziemlich fette Zeitreise, n\u00e4mlich ganz weit zur\u00fcck bis zum Urknall und noch ein St\u00fcck weiter. Naja, nicht so ganz, aber beinah fast. 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