{"id":4500,"date":"2023-09-07T20:24:53","date_gmt":"2023-09-07T18:24:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4500"},"modified":"2023-09-07T20:24:53","modified_gmt":"2023-09-07T18:24:53","slug":"album-der-woche-187","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/09\/07\/album-der-woche-187\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Woche begeben wir uns ein Vierteljahrhundert zur\u00fcck in die Vergangenheit. Da passierte musikalisch nicht allzuviel weltbewegendes, der relevante Albumtitel kommt mir auch spanisch vor, aber schauen wir mal&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor einem Vierteljahrhundert war ich zwar schon vollj\u00e4hrig, hatte aber noch keinen so eklektischen Musikgeschmack wie heute (mein Bruder w\u00fcrde behaupten ich hab auch heute noch keine Ahnung von guter Musik). Besagter Bruder wirkte damals auch mehrfach geschmacksbildend auf mich ein, indem er Iron Maiden, Metallica und anderen Krawall anschleppte, als ich noch haupts\u00e4chlich bei Deep Purple unterwegs war. Und irgendwann so vor eben 25 Jahren kam er dann mit der CD an, um die es heute gehen soll.<\/p>\n<p>Diese war eingepackt in ein schlichtes grau mit einem symbolischen Herz und Engelsfl\u00fcgeln, drunter der Albumtitel &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Viva_los_Tioz\">Viva Los Tioz<\/a>&#8220; und nur ganz klein stand unten rechts der Bandname: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%B6hse_Onkelz\">B\u00f6hse Onkelz<\/a>. Das war tats\u00e4chlich mein Erstkontakt mit der Band, die ja damals noch massiv politisch umstritten war. Diese Kontroversen zogen sich damals schon durch die gesamten 90er Jahre und ebbten nur langsam ab. Ich hatte davon bis dato \u00fcberhaupt nix mitbekommen, hatte nur den Namen aufgeschnappt und konnte mich dadurch relativ unbelastet an die Musik herantasten. Zum Gl\u00fcck, denn sonst w\u00e4r mir echt was entgangen.<\/p>\n<p>Das Album enth\u00e4lt 13 Songs, davon ein instrumentales Intro und ein ebenso instrumentales Outro (<em>Matapalo Parte Uno<\/em> und <em>Matapalo Parte Dos<\/em>). Die restlichen Songtitel kommen einem dann weniger spanisch vor, sondern bewegen sich zwischen Selbstbeweihr\u00e4ucherung, klaren Ansagen und Themen die zum Nachdenken anregen. Und zumindest gelegentlich lohnt es sich bei Texten von Stephan Weidner dann doch mal genauer hinzuh\u00f6ren, der Mann hat n\u00e4mlich was zu sagen.<\/p>\n<p>Aber der Reihe nach: Das Titelst\u00fcck ist textlich nat\u00fcrlich feinste Selbstbeweihr\u00e4ucherung, wenn der Ruf eh ruiniert ist kann man ja auch ungeniert einen auf dicke Hose machen (&#8222;wir sind ein Schlag ins Gesicht, ein freigelegter Nerv und nicht ganz dicht&#8220;). Das folgende <em>Leere Worte<\/em> thematisiert &#8211; nicht zum ersten Mal in der Bandgeschichte &#8211; Drogen- und Alkoholmissbrauch, etwas, was gerade S\u00e4nger Kevin ja bis zum Exzess betrieben hat (&#8222;ich hab mich abgeschossen, ausgeknipst, mich selbst \u00fcberholt&#8220;).<\/p>\n<p>Nach dieser flotten Er\u00f6ffnung wirds nun deutlich melancholischer. In <em>Weit weg<\/em> thematisiert das Thema Herzschmerz und Trennung, allerdings in sehr allgemeiner Form. Hier kommen die elektronischen Soundspielereien auch deutlich zum Tragen, die die Nummer deutlich d\u00fcsterer machen. Ebenso findet man hier im Text clever gemalte Bilder: &#8222;Winter im Herz, keine r\u00fchmliche Zeit, man f\u00fchlt den Sommer sterben&#8220;.<\/p>\n<p>Trauer wird zu Wut, und <em>Wut ist das Geheimnis meiner Kraft<\/em> &#8211; so der n\u00e4chste Titel. Der Song rockt kompromisslos vorw\u00e4rts und der Text ist eine klare Kampfansage an quasi alles und jeden: &#8222;ich bin im Krieg mit Gott und der Welt, das macht mich nicht beliebt und bringt kein Geld&#8220;. Der Refrain l\u00e4sst mich trotzdem immer wieder schmunzeln: &#8222;Fickt nicht mit dem Teufel, stellt ihm keine Fragen, fangt an zu beten und <em>lest die Packungsbeilage<\/em>&#8220; \u00d6hm, ja. Wenns f\u00fcr Menschen eine Packungsbeilage bzw. Bedienungsanleitung g\u00e4be w\u00e4re das wohl durchaus hilfreich.<\/p>\n<p>Nun wird wieder einen Gang zur\u00fcckgeschaltet und eine Art Pianoballade zelebriert. Mit dem sch\u00f6nen Titel <em>Schei\u00dfe passiert<\/em> wird drauf eingegangen, dass man nicht immer gewinnt, aber dass auch eine Niederlage nicht der Weltuntergang ist, frei nach dem Motto &#8222;Es gibt Tage da verliert man, und es gibt Tage, da gewinnen die anderen.&#8220;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten drei Songs bilden f\u00fcr mich das Herzst\u00fcck des Albums. Das beginnt mit einer der gr\u00f6\u00dften Hymnen der Bandgeschichte: In <em>Terpentin<\/em> nehmen sich die Frankfurter selbst auf die Schippe und garnieren das mit einem der mitgr\u00f6lkompatibelsten (was f\u00fcr ein Wort&#8230;) Refrains \u00fcberhaupt: &#8222;Ja hier sind wir, eure Feinde und Ziel, wir geh&#8217;n zum Lachen in den Keller und wir trinken Terpentin&#8220;. Liebe Kinder, nicht nachmachen! Terpentin ist zwar vegan, aber trotzdem nicht zum Verzehr geeignet \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Danach folgt mit <em>Ohne mich<\/em> eine klare Absage an alle politischen Extremisten, egal welcher Richtung. Die Antifa kriegt dabei ebenso ihr Fett weg (&#8222;Ihr k\u00e4mpft gegen mich, wie l\u00e4cherlich, denn euren wahren Feind, den seht ihr nicht&#8220;) wie Neonazis (&#8222;Ihr seid blind vor Hass, dumm wie Brot, ihr habt verschissen, eure F\u00fchrer sind tot.&#8220;). Die Band war ja in den 90ern Zielscheibe von links (als &#8222;rechte&#8220; Band) und von rechts (als Verr\u00e4ter) und sa\u00df damit zwischen allen St\u00fchlen. Und dass politischer Extremismus bescheuert ist, ist nun eigentlich auch keine neue Erkenntnis, allerdings ist diese Ansage leider heute aktueller denn je.<\/p>\n<p>Nach der gro\u00dfen Politik kommt nun ein mit \u00fcber 10 Minuten wahnsinnig langes und sehr pers\u00f6nliches St\u00fcck: <em>Der Platz neben mir<\/em>. Offiziell besteht es aus zwei Teilen, die sich musikalisch deutlich unterscheiden. Thematisch geht es um den Verlust eines Freundes der Band, der 1990 in einer Kneipe erstochen wurde. Die Band hatte sich schon in <em>Nur die Besten sterben jung<\/em> und <em>Das Messer und die Wunde<\/em> damit auseinandergesetzt. Der Text ist dabei aber vage gehalten und passt f\u00fcr jede Person, die einen verstorbenen Freund vermisst: &#8222;Ich warte schon so lange auf ein Wort von Dir, der Schmerz ist vergangen, geblieben ist die Leere und der Platz neben mir&#8220;.<\/p>\n<p>Es bleibt t\u00f6dlich: Der Preis des Lebens beschreibt die Arbeit des personifizierten Todes. Und der ist &#8211; wie Terry Pratchett es ausdr\u00fcckte &#8211; nicht grausam, sondern einfach nur verdammt gut in dem was er tut. Er kriegt jeden, irgendwann. Bei den Onkelz hei\u00dft das dann &#8222;ich bin nicht gesegnet, ich bin nicht gn\u00e4dig. Ich hab einen Job, der wird erledigt.&#8220;<\/p>\n<p>Wir bleiben bei gro\u00dfen und existenziellen Fragen: <em>Bin ich nur gl\u00fccklich wenn es schmerzt?<\/em> ist eine solche. Es geht um die Suche nach Liebe, um selbstverletzendes Handeln und alles was so dazwischen liegt. Untermalt wird das von d\u00fcsteren schleppenden Kl\u00e4ngen. Textlich finden sich auch wieder sehr eindrucksvolle Bilder: &#8222;Ich schenk Dir mein gefrorenes Herz, ich will dass Du es f\u00fcr mich w\u00e4rmst.&#8220; Also wenn das keine Liebeserkl\u00e4rung ist&#8230;<\/p>\n<p>Nach so viel negativen Themen kommt zum Abschluss noch was Erbauliches: <em>Wenn du wirklich willst<\/em> ist eine Hymne darauf, dass man quasi alles schaffen kann (wo ein Wille ist&#8230;). Der Text z\u00e4hlt dabei durchaus schwierige Dinge auf, die man aber schaffen kann: &#8222;Wenn du wirklich willst, ver\u00e4nderst du dein Leben&#8220;). Dabei wirds zutiefst philosophisch und es lohnt sich, mehr als eine Nanosekunde dr\u00fcber nachzudenken: &#8222;Du bist was du warst und du wirst sein was du tust&#8220; ist durchaus als Motto zu verstehen nach dem man sein Leben gestalten kann.<\/p>\n<p>Und damit ist Album zuende &#8211; gut \u00fcber eine Stunde lang, mit einem insgesamt deutlich maschinelleren Klang versehen als die Vorg\u00e4nger, dabei aber abwechslungsreich. Auch ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter funktionieren die Songs nach wie vor &#8211; leider, m\u00f6chte man bei <em>Ohne mich<\/em> sagen. Das Album verkaufte sich damals wie geschnitten Brot und bescherte der Band die erste Nummer 1 (was danach alle weiteren Alben ebenso schafften).<\/p>\n<p>An dieser Stelle sei noch kurz auf die beiden Alben &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wei%C3%9F_(Album)\">Wei\u00df<\/a>&#8220; und &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwarz_(Album)\">Schwarz<\/a>&#8220; von 1993 eingegangen, die ja ebenfalls rundes Jubil\u00e4um feiern: Ich halte sie f\u00fcr wesentlich schw\u00e4cher, sowohl musikalisch als auch von der Produktion her &#8211; es fehlen die geradlinigen Hits, die die sp\u00e4teren Alben auszeichnen. Allerdings haben sie einige der besten Texte, die es von der Band je zu h\u00f6ren gab, allen voran <em>Deutschland im Herbst<\/em>, dass ja leider nach wie vor brandaktuell ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche begeben wir uns ein Vierteljahrhundert zur\u00fcck in die Vergangenheit. 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