{"id":4471,"date":"2023-08-31T20:43:53","date_gmt":"2023-08-31T18:43:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4471"},"modified":"2023-08-31T20:43:53","modified_gmt":"2023-08-31T18:43:53","slug":"album-der-woche-186","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/08\/31\/album-der-woche-186\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Man kann ja nicht immer nur vom Urlaub und vom Wandern schreiben, deswegen hier nun endlich wieder frisch in die Tasten gehauen der Eintrag zum Album der Woche. Witzigerweise verhei\u00dft der Titel des Albums eine recht interessante Wanderung. Allerdings endete diese dann mit Mord und Totschlag. Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor 25 Jahren, also im Jahr 1998, hatte ein bis dahin relativ unbekannter Holl\u00e4nder eine durchgeknallte Idee. Er wollte eine Rock-Oper schreiben, bei der eine Geschichte \u00fcber eine Reise verschiedener Charaktere erz\u00e4hlt wird. Diese Charaktere sollten von verschiedenen S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen dargestellt werden, und das ganze sollte dann als Doppelalbum auf die Menschheit losgelassen werden. Nachdem die vorherigen Alben seines Projekts mehr oder minder unverk\u00e4uflich im Regal gelegen hatten war dies nun also eine &#8222;wenn schon untergehen, dann mit Pomp und Stil&#8220;-Aktion.<\/p>\n<p>Als Gaststars wirken also u.a. Sharon den Adel und Robert Westerhold (beide Within Temptation), Fish (ex-Marillion), Anneke vna Giersbergen (ex-The Gathering), Damian Wilson (Threshold) und Clive Nolan (u.a. Pendragon, Arena) mit. Eine der Hauptrollen singt Mastermind Arjen Lucassen selbst, womit auch klar sein d\u00fcrfte, dass es sich beim Album der Woche um &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Into_the_Electric_Castle\">Into The Electric Castle<\/a>&#8220; von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ayreon\">Ayreon<\/a> handelt.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist eigentlich recht einfach: Acht prototypische Personen aus verschiedenen Zeitaltern (\u00c4gypter, Highlander, Ritter, Hippie, R\u00f6mer, Barbar, Indianer, &#8222;Futureman&#8220;) finden sich an einem Ort jenseits von Raum und Zeit wieder, wo ihnen eine Stimme (untermalt von wilden Synthiekl\u00e4ngen) erkl\u00e4rt, dass sie den Weg zum &#8222;Electric Castle&#8220; finden m\u00fcssen. Achja, und dass das eine t\u00f6dliche Angelegenheit sein wird. Wie bei den zehn kleinen J\u00e4germeistern endet nun also die Reise der einen oder anderen Person, so dass nur die H\u00e4lfte der Gruppe \u00fcberhaupt das Ziel erreicht. Von dort kehren sie zur\u00fcck in ihre urspr\u00fcngliche Zeit zur\u00fcck und k\u00f6nnen sich an (fast) nichts erinnern.<\/p>\n<p>Klingt ein bissl durchgeknallt, wurde von Lucassen total bombastisch inszeniert und mit allen Arten von Synthies vollgekleistert und brachte dabei einen sehr frischen Wind ins angestaubte Genre des Progressive Rock\/Metal. Allein die Koordination der ganzen Gaststars muss ja schon ein Alptraum gewesen sein.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich w\u00fcrde das alles nicht funktionieren, wenn die Songs nix wert w\u00e4ren. Und von denen gibt es nun 17 St\u00fcck, verteilt auf zwei CDs. Prog-typisch geht es ausufernd zu, unter f\u00fcnf Minuten geht fast nix. Dabei springt man wild zwischen Power Metal, gef\u00fchlvollen Balladen, dicken Bombastbreitseiten und Ohrwurmrefrains, die alles zusammenhalten.<\/p>\n<p>Das Album wird also er\u00f6ffnet von einem lauten Knall, gefolgt von Synthiesounds und einem wilden Monolog des Sprechers, der den Charakteren erkl\u00e4rt was Sache ist. Nach drei Minuten beginnt dann die Reise mit <em>Isis And Osiris<\/em>. Ein Teil der Charaktere wird vorgestellt, ihre Motivationen beleuchtet und ihre wesentlichen Charakterz\u00fcge dargelegt. Die Nummer ist mit \u00fcber 11 Minuten das l\u00e4ngste St\u00fcck der Scheibe und lebt vom Zusammenspiel der verschiedenen S\u00e4ngerInnen. In die gleiche Kerbe haut danach <em>Amazing Flight<\/em>, dass sich mit weiteren Charakteren befasst. Hier ist die Musik etwas abgedrehter und wartet unter anderem mit Querfl\u00f6te auf. Das St\u00fcck rollt haupts\u00e4chlich instrumental nach rund 10 Minuten \u00fcber die Ziellinie. Geringf\u00fcgig kompakter wird es nun in <em>Time Beyond Time<\/em> mit sechs Minuten, womit dann alle Charaktere eingef\u00fchrt sind und die eigentliche Geschichte beginnen kann.<\/p>\n<p>Wabernde Synthesizer t\u00f6nen unheilschwanger, die n\u00e4chsten Schritte werden in <em>The Decision Tree (We&#8217;re Alive)<\/em> dargelegt. Einer der Reisenden muss sterben, die Gruppe muss selbst entscheiden wer zur\u00fcckgelassen wird. Es entsteht ein Streitgespr\u00e4ch zwischen dem Highlander und dem Barbar. Ein dickes Synthiesolo sp\u00e4ter geht es weiter im <em>Tunnel Of Light<\/em>. Das ist eine kurze und relativ harmlose Akustiknummer von vier Minuten. Ein ziemlich unspektakul\u00e4res Ende f\u00fcr die Reise des Highlanders (verk\u00f6rpert von Fish), da w\u00e4re ein dicker Schwertkampf und &#8222;Es kann nur einen geben&#8220; angemessener gewesen \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Die anderen sieben ziehen weiter und m\u00fcssen schlie\u00dflich im letzten Song der ersten CD <em>Across The Rainbow Bridge<\/em>. Das ist gleichzeitig der Eingang zum Electric Castle. Hier werden nun alle Regler auf 11 gedreht und noch zwei Schippen Bombast obendr\u00fcber gekleistert, damit der Refrain auch ja beim H\u00f6rer h\u00e4ngenbleibt (&#8222;Across the rainbow brige, run to the other side where all our dreams abide&#8220;).<\/p>\n<p>Die zweite Scheibe beginnt mit einem Spaziergang durch <em>The Garden Of Emotions<\/em>. Die eher k\u00e4mpferisch veranlagten Figuren des R\u00f6mers und des Barbars reagieren aggressiv, der Hippie ist aufm totalen Trip, der Ritter und der Futureman sehen die Angelegenheit n\u00fcchtern als Test ihrer \u00dcberzeugungen und die \u00c4gypterin (Anneke van Giersbergen) f\u00fchlt sich von ihren G\u00f6ttern angesprochen. Um das alles unterzubringen und musikalisch passend zu untermalen braucht die Nummer nat\u00fcrlich knapp zehn Minuten. Daf\u00fcr ist das folgende <em>The Valley Of The Queens<\/em> mit nur zwei Minuten die k\u00fcrzeste Nummer des Albums, die \u00c4gypterin besingt ihr Ende der Reise.<\/p>\n<p>Die anderen Zeit- und Dimensionsreisenden dringen weiter vor in <em>The Castle Hall<\/em>. Das ist eine nette Geisterstunde, die Seelen der Toten klagen die schwertschwingenden K\u00e4mpfer an (&#8222;Shades of the dead are sliding on the wall, demons dance in the castle hall&#8220;). Entsprechend d\u00fcrfen sich gesanglich hier der Barbar und der Ritter austoben. Nur sterben tut niemand, die Geister sind ja schon tot. Das komplette Gegenteil dieser riffbetonten Nummer folgt danach mit <em>The Tower Of Hope<\/em>. Direkt daran schlie\u00dft sich <em>Cosmic Fusion<\/em> an, beide Songs geh\u00f6ren inhaltlich zusammen. Die Indianerin (Sharon den Adel) hat hier n\u00e4mlich ein Zusammentreffen mit dem Tod h\u00f6chstpers\u00f6nlich, w\u00e4hrend die anderen Reisenden verschiedene mehr oder minder positive Visionen der Zukunft sehen. Nach siebeneinhalb Minuten ist damit die Reisegruppe um eine weitere Person geschrumpft.<\/p>\n<p>Weiter geht es durch <em>The Mirror Maze<\/em>. Ein jeder sieht sich selbst im Spiegel, blickt auf sein inneres Selbst, auf alle \u00c4ngste, die man im Alltag \u00fcberspielt und versteckt. Angef\u00fchrt vom Ritter zerschlagen sie die Spiegel und entkommen dem Irrgarten. Es folgt nahtlos das Zwischenspiel <em>Evil Devolution<\/em>. Hier wird die letzte Pr\u00fcfung vorgestellt, eine Wahl zwischen zwei T\u00fcren. Eine f\u00fchrt in die ewige Verdamnis, die andere in die jeweilige Dimension zur\u00fcck, aus der die Reisenden kamen. Hier wird nun auch erkl\u00e4rt, was es mit diesem ganzen Zinnober auf sich hat: Eine Alienrasse, hochentwickelt, aber frei von jeglichen Emotionen, benutzt Menschen um mehr \u00fcber das gro\u00dfe Thema Gef\u00fchle zu lernen. Abgedreht und f\u00fcr den Genuss der Scheibe nicht zwingend erforderlich.<\/p>\n<p>Und damit sind wir beim Finale angekommen. <em>The Two Gates<\/em> &#8211; eins alt und verrostet, das andere pr\u00e4chtig golden gl\u00e4nzend. Der Barbar w\u00e4hlt letzteres und landet somit an der Seite Odins in Valhalla. Seine Wahl war schlecht. Die anderen w\u00e4hlen weise und nehmen die andere T\u00fcr und kehren zur\u00fcck woher auch immer sie gekommen waren. Untermalt wird der ganze Spa\u00df von einem Ohrwurmrefrain und dicken Synthielinien.<\/p>\n<p>Es folgen noch zwei ruhige Outro-St\u00fccke, das erste ist ein zweimin\u00fctiges Spoken-Word St\u00fcck (mit schwer verzerrter Computerstimme), und im anderen (<em>Another Time, Another Space<\/em>) fragen sich die vier \u00fcbrig gebliebenen Figuren, was sie da eigentlich erlebt haben, da sie sich bis auf vage Gef\u00fchle an nix erinnern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fazit: Ein wildes Konzeptalbum, dass aber zum Gl\u00fcck auch ohne den konzeptionellen \u00dcberbau funktioniert, weil die Songs einfach stark sind. Das sahen auch die Kritiker und K\u00e4ufer so &#8211; hervorragende Reviews und starke Verkaufszahlen waren die Folge. Somit konnte Arjen Lucassen bis heute weitere \u00e4hnlich gestrickte Alben zusammenpuzzeln und dabei mit allen Musikern zusammenarbeiten die man sich vorstellen kann (bis hin zu Hochkar\u00e4tern wie Bruce Dickinson, Neal Morse, Devin Townsend, Floor Jansen, Hansi K\u00fcrsch oder James LaBrie). Der einzige, die sowas \u00e4hnliches (mit weniger Fokus auf Konzepte und mehr auf Songs) auf die Beine stellt, ist Tobias Sammet mit seinem Avantasia-Zirkus. Sollte man also kennen, grade wenn man sich f\u00fcr progressive und ausladende Kompositionen interessiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann ja nicht immer nur vom Urlaub und vom Wandern schreiben, deswegen hier nun endlich wieder frisch in die Tasten gehauen der Eintrag zum Album der Woche. Witzigerweise verhei\u00dft der Titel des Albums eine recht interessante Wanderung. Allerdings endete diese dann mit Mord und Totschlag. 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