{"id":4421,"date":"2023-07-12T18:45:51","date_gmt":"2023-07-12T16:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4421"},"modified":"2023-07-12T18:46:03","modified_gmt":"2023-07-12T16:46:03","slug":"album","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/07\/12\/album\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen brennt die Sonne, drinne brennt meine Birne (bin grad krankgeschrieben, nachdem ich vorgestern pl\u00f6tzlich ungesund hohe Temperaturen entwickelt hab und man auf meiner Stirn Eier h\u00e4tte braten k\u00f6nnen). Was macht man da nun also (neben unmotiviertem herumliegen und pennen)? Richtig, man sucht sich ein Album der Woche, dass richtig sch\u00f6n eisig kalt daherkommt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu diesem Zwecke geht es also nach Finnland, was ja nun nicht unbedingt f\u00fcr Sandstrand und \u00fcberm\u00e4\u00dfig fr\u00f6hliche Laune bekannt ist. Vor ziemlich genau 25 Jahren ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sentenced\">Sentenced<\/a> n\u00e4mlich das Album mit dem sch\u00f6n passenden Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Frozen_(album)\">Frozen<\/a>&#8222;. Und das ist nun Album der Woche &#8211; als ich den Plan im Dezember zusammengestellt hab, hab ich nur aufs Ver\u00f6ffentlichungsdatum geschaut, dass es jetzt gut als Antithese zum Wetter passt ist echt Zufall. Aber passend.<\/p>\n<p>Sentenced starteten ja als reine Death Metal-Kapelle, das hei\u00dft da kreischr\u00f6chelte ein Typ unverst\u00e4ndliches Zeug ins Mikro, w\u00e4hrend dahinter die Gitarren wild durch die Gegend s\u00e4gten. Mit dem Stil kann ich nicht wirklich viel anfangen, da fehlt mir das melodische &#8211; im Lauf der Zeit entwickelten sich da im Gro\u00dfraum G\u00f6teborg der sogenannte Melodic Death Metal mit den Vorreitern In Flames (bevor sie komische Ausfl\u00fcge in moderne Gefilde unternahmen). Anyway, Sentenced \u00e4nderten ihren Stil Mitte der 90er (inklusive personeller Umbesetzungen) und setzten fortan auf klareren Gesang und mehr Melodie. Und siehe da, das gefiel mir erheblich besser.<\/p>\n<p>Eine Spezialit\u00e4t der Band waren dabei immer die t\u00f6dlichen Texte &#8211; mal augenzwinkernd, mal ernsthaft &#8211; aber es ging quasi immer irgendwie um Tod, Verg\u00e4nglichkeit, Suizid und alles was sonst so mit den dunklen Seiten des Lebens zu tun hat. Genau das richtige wenn man grad bei \u00fcber 30 Grad im eigenen Schwei\u00df vor sich hin d\u00fcnstet, hrhr. Vielleicht liegts auch an der finnischen Mentalit\u00e4t, das Leben in der polaren Ein\u00f6de kann man vermutlich nur mit viel Schnaps und schwarzem Humor komisch finden.<\/p>\n<p>Kommen wir nun also zum eigentlichen Album. Verpackt in ein schickes Graustufencover mit einer im Eis eingefrorenen Person gibts 12 Songs, davon ein instrumentales Intro und Outro. Inzwischen gibts Neuauflagen mit Bonussongs, da finden sich dann vier Coverversionen von <em>Creep<\/em> (Radiohead), <em>Digging The Grace<\/em> (Faith No More), <em>I Wanna Be Somebody<\/em> (W.A.S.P.) und <em>House Of The Rising Sun<\/em> in einer sehr besoffen klingenen Version.<\/p>\n<p>Nach dem anderthalbmin\u00fctigen Intro <em>Kaamos<\/em> (laut Internet &#8222;Polarnacht&#8220; auf Finnisch, was inhaltlich perfekt passt) beginnt die Platte gleich mit einem Hit namens <em>Farewell<\/em>, der sich mit Depressionen besch\u00e4ftigt (&#8222;I regret every single day I ever lived in my life. I gave all I had in me, so it&#8217;s time to say Goodbye&#8220;). Ganz im Gegensatz zum Text ist die Musik ausgesprochen positiv und sehr stark im klassischen Heavy Metal verwurzelt &#8211; das zieht sich so auch durch das ganze Album durch.<\/p>\n<p>Die folgende Nummer hei\u00dft <em>Dead Leaves<\/em> und befasst sich mit der Verg\u00e4nglichkeit im Allgemeinen und mit Herbst und Dunkelheit im Besonderen (&#8222;The wintry frost comes crawling, freezing all life that&#8217;s on its way, the first dead leaves come falling, hovering in the air with the rain&#8220;). Eine sch\u00f6n poetische Umschreibung einer eher bl\u00f6den Jahreszeit. Danach wird das Gaspedal weiter durchgetreten, das flotte <em>For The Love I Bear<\/em> befasst sich um drei Ecken mit Liebeskummer, was ja schon bei Shakespeare ziemlich t\u00f6dlich endete.<\/p>\n<p>Ebenso lebensbejahend *hust* kommt das folgende schleppende <em>One With Misery<\/em> daher (&#8222;He&#8217;s gazing through all that is there, sees the world left for him to despise, blissfully feeling so dead, no glimmer in his eyes&#8220;). Die beschriebene Person hat die L\u00f6sung (&#8222;nothing left to believe in, he&#8217;s reaching out to be free&#8220;) bereits zur Hand &#8211; &#8222;with a razorblade smile he&#8217;s taken the path neverending yet only to walk for a while&#8220;). Thematisch in die gleiche Kerbe schl\u00e4gt das nachfolgende flotte <em>The Suicider<\/em>. Der Titel ist Programm, es geht um immer wiederkehrende Gedanken, die sich nicht ausl\u00f6schen lassen (&#8222;I&#8217;m the suicider dying every night and day, killing me is not enough to make me go away&#8220;).<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Song greift das Thema erneut auf &#8211; <em>The Rain Comes Falling Down<\/em> ist f\u00fcr mich das st\u00e4rkste St\u00fcck der Scheibe. Ausgehend von den Wettermetaphern beschreibt er wie ein Mensch langsam den Weg ins bessere Jenseits (nein, das Jenseits ist nicht besser, das ist eine Formulierung aus nem Bud Spencer-Film) antritt: &#8222;A steady hand with this sharpened cold steel will help me wipe away the pain I feel. The rain comes falling down, my life flows to the ground. No longer feeling the pain, my flame now fading away.&#8220;) Passend dazu ist der zweite Teil des Sechsmin\u00fcters komplett instrumental gehalten und fadet schlie\u00dflich in Regenger\u00e4usche aus &#8211; unheimlich beeindruckend.<\/p>\n<p>Danach folgt <em>Grave Sweet Grave<\/em> &#8211; die finale Erl\u00f6sung, das herbeigesehnte Ende, endlich niemand mehr der einem auf die Ketten geht (gut, als Anh\u00e4nger verschiedenster Religionen hat man jetzt nat\u00fcrlich m\u00f6glicherweise den Zonk, weil man eben doch noch keine Ruhe hat, sondern sich mit Petrus \u00fcber gute Taten unterhalten muss, damit man nicht im ewigen Fegefeuer der Verdammnis landet (obwohl da vermutlich die cooleren Typen abh\u00e4ngen, die die interessanteren Geschichten zu erz\u00e4hlen haben). Oder man wird schlicht als G\u00e4nsebl\u00fcmchen wiedergeboren. Oder so.)<\/p>\n<p>Das kurze <em>Burn<\/em> (nicht mal drei Minuten) ist ein Quasi-Instrumental, irgendwo in den Gitarrenw\u00e4nden taucht ganz am Ende kaum zu h\u00f6rend &#8222;Just take the flame and burn yourself. Burn the pain away!&#8220; als Text auf. Danach folgt ein konventionellerer Song, n\u00e4mlich Drown Together. Logisch, es geht um die gro\u00dfe Liebe und was man da halt f\u00fcr Bl\u00f6dsinn tut (&#8222;Let&#8217;s drown ourselves in this love my darling, my only one. Let&#8217;s give our lives for this love we are in, make it forever.&#8220;). Quasi <em>Alles aus Liebe<\/em> ohne Revolver. Besagten Revolver gibt es daf\u00fcr im n\u00e4chsten Song <em>Let Go (The Last Chapter)<\/em> &#8211; &#8222;the only things I really have left here in this life are bitter hate and this fucking gun&#8220;. Und damit meint er definitiv nicht die von Kiss besungene <em>Love Gun<\/em>.<\/p>\n<p>Nachdem es nun also um diverse M\u00f6glichkeiten des m\u00f6glichen selbstverursachten Dahinscheidens ging, folgt an letzter Stelle nur noch das Instrumental <em>Mourn<\/em>. Quasi die Stille nach dem Schuss. Die Leere, die danach \u00fcberbleibt.<\/p>\n<p>Fazit: Man sollte emotional schon einigerma\u00dfen stabil drauf sein wenn man sich das Album reinzieht. Die Texte sind nun wirklich nicht als Antidepressivum geeignet. Musikalisch hingegen ist es ein bockstarkes Ausrufezeichen, tief verwurzelt im klassischen Heavy Metal mit starken Anleihen Richtung Gothic (von den Themen und der emotionalen Ausrichtung her, nicht die Sache mit der da meistens vorhandenen mehr oder minder daherkreischenden Tr\u00e4llerelse).<\/p>\n<p>Aber grad an einem Tag wie heute, wo es einfach nur verflucht warm ist, man an Urlaub, Sommer, Sonne, Sonnenbrand denkt, da ist da Anh\u00f6ren dieses Albums eine echt kathartische Erfahrung. Und ich hab jetzt w\u00e4hrend ich das getippt und ins Album reingeh\u00f6rt habe eisgek\u00fchlte Cola getrunken, jetzt geht&#8217;s auch mit der Hitze schon viel besser :-).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen brennt die Sonne, drinne brennt meine Birne (bin grad krankgeschrieben, nachdem ich vorgestern pl\u00f6tzlich ungesund hohe Temperaturen entwickelt hab und man auf meiner Stirn Eier h\u00e4tte braten k\u00f6nnen). 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