{"id":4388,"date":"2023-05-12T20:51:31","date_gmt":"2023-05-12T18:51:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4388"},"modified":"2023-05-12T20:51:31","modified_gmt":"2023-05-12T18:51:31","slug":"album-der-woche-171","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/05\/12\/album-der-woche-171\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Auf diese Woche hab ich mich schon l\u00e4nger gefreut, denn wir kommen zu einem absoluten Oberhammer von einem Album. Eine Scheibe, die seit der Jahrtausendwende (da lernte ich es kennen) einen festen Platz auf meiner ewigen Top 10 hat. Au\u00dferdem hatten wir glaube ich \u00fcberhaupt noch nix von dieser Band hier in dieser Reihe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Album wurde 1988 ver\u00f6ffentlicht, landete in einer Liste meines relevanten Krawallmagazins unter den Top 10 aller Zeiten und findet sich da in der illustren Gesellschaft von Iron Maiden, Metallica und AC\/DC. Tats\u00e4chlich kennt aber im Vergleich kein Schwein die Band, und nach diesem Album haben sie zugegebenerma\u00dfen auch nicht mehr allzuviel relevantes auf die Kette gekriegt und sind inzwischen mehr oder weniger komplett in der Versenkung verschwunden.<\/p>\n<p>Deswegen an dieser Stelle erstmal dreieinhalb (oder so) S\u00e4tze zur Band: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Queensr%C3%BFche\">Queensr\u00ffche<\/a> (ja, mit Umlaut \u00fcberm y, ausgesprochen in etwa Queensreich) aus Seattle waren Anfang\/Mitte der 80er eine Band auf dem Sprung. Sie verbanden komplexe Songstrukturen und Instrumentalabfahrten mit eing\u00e4ngigen Melodien und hatten mit Geoff Tate einen der besten S\u00e4nger der Welt, in einer Liga mit Rob Halford oder Bruce Dickinson. Ihre Musik war aber eben immer etwas anspruchsvoller als der von anderen Bands &#8211; irgendwo hab ich daf\u00fcr mal die sch\u00f6ne Bezeichnung &#8222;Thinking Man&#8217;s Metal&#8220; gelesen. Einfach headbangen war hier nie wirklich gefragt. Trotzdem gelten ihre ersten beiden Alben &#8222;Warning&#8220; und &#8222;Rage For Order&#8220; als Klassiker im Prog-Metal. Ihr drittes Album aber, das Album der Woche, steht nochmal kilometerweit \u00fcber allem anderen, was die Band je ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>&#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Operation:_Mindcrime\">Operation: Mindcrime<\/a>&#8220; ist ein Konzeptalbum. Es erz\u00e4hlt eine finstere Geschichte \u00fcber Gewalt, Liebe, Tod und Politik. Und diese Geschichte ist nicht nur zeitlos, sondern heute sogar relevanter als damasl. Kurz zusammengefasst geht es um einen jungen drogenabh\u00e4ngigen Typen der auf radikale Weise die Welt ver\u00e4ndern will, von einer mysteri\u00f6sen Geheimorganisation rekrutiert wird und Anschl\u00e4ge auf Politiker ver\u00fcbt, bevor er am Ende alles verliert. Parallelen zu Verschw\u00f6rungstheoretikern sind zuf\u00e4llig, aber un\u00fcbersehbar. Wer richtig tief in die Story eintauchen will, m\u00f6ge <a href=\"http:\/\/www.apollowebworks.com\/russell\/mindcrime.html\">diese tiefsch\u00fcrfende Analyse<\/a> lesen.<\/p>\n<p>Das spezielle an diesem Konzeptalbum ist, dass die Songs durch kurze h\u00f6rspielartige Sequenzen miteinander verbunden sind, die sich (im Gegensatz zu Blind Guardian&#8217;s &#8222;Nightfall In Middle-Earth&#8220;) harmonisch ins Gesamtbild einf\u00fcgen und die Stimmung entscheidend pr\u00e4gen. Das umfasst Lautsprecherdurchsagen im Krankenhaus sowie Regenger\u00e4usche, Kirchenglocken, Dialogfetzen und allerlei andere Dinge.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist verschachtelt aufgebaut und wird als R\u00fcckblick aus der Sicht des Hauptprotagonisten Nikki erz\u00e4hlt. Der liegt im Opener <em>I Remember Now<\/em> im Krankenhaus und versucht sich zu erinnern wie er da hingekommen ist: &#8222;I remember now, I remember how it started. I can&#8217;t remember yesterday,\u00a0 I just remember doing what they told me&#8230;&#8220; Das ganze St\u00fcck ist dabei mehr H\u00f6rspiel als Song, man h\u00f6rt die Lautsprecherdurchsagen des Krankenhauses (&#8222;Dr. David, telephone please&#8220;) sowie eine im Hintergrund im TV laufende Nachrichtensendung sowie die Stimme der Nachtschwester.<\/p>\n<p>Und dann setzt die Band nahtlos mit einem sich stetig steigernden Instrumental ein, w\u00e4hrend Nikki anf\u00e4ngt die Geschichte zu rekapitulieren. Dieser Titel Nummer zwo, Anarchy-X, ist dabei von Samples aus einer Demo unterlegt, bei der ein mysteri\u00f6ser Fremder (Doctor X) die Menge anstachelt (&#8222;Do we have freedom? No! Do we have equality? No!&#8220;). Das geht nahtlos \u00fcber in das dritte St\u00fcck, den man nun tats\u00e4chlich als eigenst\u00e4ndigen Song definieren kann.<\/p>\n<p><em>Revolution Calling<\/em> ist ein Weckruf mit einem krass zeitlosen Text (&#8222;I used to trust the media to tell me the truth&#8220;, &#8222;I&#8217;m tired of all this bullshit they keep selling me on TV&#8220;, &#8222;But now the holy dollar rules everybody&#8217;s live, gotta make a million, doesn&#8217;t matter who dies&#8220;). Nikki lernt Doctor X kennen, der sich diese Unzufriedenheit zunutze macht und radikale Pl\u00e4ne verfolgt. Damit sind wir beim Titelst\u00fcck angekommen.<\/p>\n<p><em>Operation: Mindcrime<\/em> beginnt mit einem Telefonklingeln (ganz altmodisches Festnetztelefon damals noch). Nikki, durch seine Drogenabh\u00e4ngigkeit leicht zu manipulieren, wird darauf konditioniert, beim H\u00f6ren eines bestimmtes Stichwortes (&#8222;Mindcrime&#8220;) zur Waffe zu greifen &#8211; &#8222;Operation: Mindcrime, we&#8217;re an underground revolution working overtime&#8220; &#8211; &#8222;you&#8217;re a one man death machine, make this city bleed&#8220;. Nikki wird so zu einem Attent\u00e4ter und ver\u00fcbt \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg Anschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Damit kommen wir zum n\u00e4chsten Song: Speak ist reinrassiger Metal und beleuchtet inhaltlich, wie Nikki sich als Revolution\u00e4r f\u00fchlt, der die neue Weltordnung herbeif\u00fchren wird: &#8222;I&#8217;m the new messiah, death angel with a gun&#8220;. Nachdem dieser Hintergrund der Hauptfigur etabliert ist, kommt nun wie in jedem guten Drama der gro\u00dfe Wendepunkt. Dazu wird als n\u00e4chstes eine neue Figur eingef\u00fchrt: Sister Mary.<\/p>\n<p><em>Spreading The Disease<\/em> hei\u00dft der zugeh\u00f6rige Song, er erz\u00e4hlt die Geschichte von Mary, einer jungen Ausrei\u00dferin, die sich als Prostituierte durchschl\u00e4gt (&#8222;twenty-five bucks a fuck and John&#8217;s a happy man, she wipes away the filth and is back on the streets again&#8220;). Sie wird von einem Priester aufgelesen, der sie zu Sister Mary macht &#8211; aber dabei keineswegs ihr Wohlergehen im Sinn hat (&#8222;She&#8217;s sister Mary now, eyes as cold as ice, he takes her once a week on the altar as a sacrifice&#8220;). Das ist harter Tobak, aber wenn man die Nachrichten verfolgt hat die Kirche ja insgesamt viel Dreck am Stecken. Danach folgt ein gesprochener anklagender Text \u00fcber die Doppelz\u00fcngigkeit und Scheinheiligkeit von Politikern und religi\u00f6sen F\u00fchrern, bevor ein letzter Refrain das St\u00fcck beschlie\u00dft.<\/p>\n<p><em>The Mission<\/em> ist nun eine, nunja, Ballade. Nicht wirklich, es ist aber ein deutlich ruhigerer Song, passend zum Inhalt &#8211; Nikki versinkt ob seiner Lage in Depressionen. Es ist ihm nicht klar wof\u00fcr er getan hat, was er getan hat &#8211; denn f\u00fcr ihn hat sich nichts ge\u00e4ndert, au\u00dfer dass er jetzt auch noch von der Polizei verfolgt wird. Nur Mary ist ein Lichtblick in seinem Leben (&#8222;She is the lady that can ease my sorrow, she brings the only friend that helps me find my way&#8220;).<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Song ist das zentrale St\u00fcck des Albums (und passenderweise das l\u00e4ngste). Suite Sister Mary ist wie der Name suggeriert eine Suite, eine Ansammlung von musikalischen Fetzen, die aber wunderbar als Song funktionieren. Das beginnt mit einem atmosph\u00e4rischen Regenprasseln, dann \u00f6ffnet sich mit dem Surren eines elektrischen Fensterhebers eine Autoscheibe und man h\u00f6rt den neuen Auftrag von Doctor X f\u00fcr Nikki: &#8222;Kill her. That&#8217;s all you have to do.&#8220; &#8222;Kill Mary?&#8220; &#8222;She&#8217;s a risk. And get the priest as well.&#8220; Nikki besucht also Mary und den Priester, erschie\u00dft letzteren, bringt es aber nicht \u00fcbers Herz sie zu erschie\u00dfen, stattdessen tun sie das was verliebte Menschen halt so tun (textlich schick angedeutet durch die Zeilen &#8222;My faith is growing, growing tight against the seam&#8220; und\u00a0 &#8222;burn my thighs, spread in sacrificial rite, the hallowed altar burns my flesh once more tonight&#8220;). Musikalisch ist das eine totale Achterbahnfahrt mit fantastischen Gastvocals von Pamela Moore, die die Rolle auch live verk\u00f6rperte.<\/p>\n<p>Nach diesem zentralen Umbruch der Story folgt nun der unweigerliche und unaufhaltsame Absturz (was man ja irgendwann mal im Deutschunterricht gelernt hat). Nikki hat genug von Doctor X, kann aber nicht aussteigen, denn Doctor X ist derjenige, der ihn mit Drogen versorgt. <em>The Needle Lies<\/em> ist das h\u00e4rteste und schnellste St\u00fcck auf der Platte und hat einen der besten Anti-Drogen-Texte \u00fcberhaupt, der (ohne das Songintro) auch super als eigenst\u00e4ndiger Song funktioniert (&#8222;now every time I&#8217;m weak, words scream from my arm&#8220;).<\/p>\n<p>Nikki kehrt zur\u00fcck zu Mary&#8217;s Wohnung und findet sie dort &#8211; tot. Das Instrumental <em>Electric Requiem<\/em> enth\u00e4lt nur einige gesprochene Zeilen (&#8222;even in death you still look sad&#8220;). Wer sie get\u00f6tet hat, ob sie sich selbst get\u00f6tet hat, das wurde &#8211; Geniestreich &#8211; von der Band bewusst offen gelassen und erst viele Jahre sp\u00e4ter gekl\u00e4rt. Spielt aber auch keine Rolle, in diesem Moment der Geschichte nimmt der Absturz der Hauptfigur dramatisch an Tempo auf.<\/p>\n<p><em>Breaking The Silence<\/em> beleuchtet Nikkis schlechten psychischen Zustand. \u00dcberall sieht er Erinnerungen an Mary, er kommt mit dem Verlust nicht klar (&#8222;Now I lost everything I had in you, nothing we shared means a thing without you close to me, I can&#8217;t live without you&#8220;). Der Song funktioniert dabei nat\u00fcrlich auch ohne das Ger\u00fcst des Albums, denn solche Verluste hat ja jeder schon mal in der einen oder anderen Form erlebt.<\/p>\n<p>Es folgt ein St\u00fcck, was ohne Albumkontext eine g\u00e4nzlich andere Bedeutung hat. <em>I Don&#8217;t Believe In Love<\/em> ist ja eben kein Kommentar dass Liebe grunds\u00e4tzlich nicht existiert, sondern es bringt die Geschichte quasi zum Abschluss: Nikki wird f\u00fcr den Mord an Mary verhaftet (den er &#8211; das ist unklar geblieben &#8211; vielleicht nicht begangen hat). Er ist aber in Gedanken versunken, was seine Liebe zu Mary nun eigentlich war: &#8222;I guess she had a way of making every night seem bright as day, now I walk in shadows, never see the light, she must have lied &#8218;cause she never said goodbye.&#8220;<\/p>\n<p>Es folgen zwei kurze St\u00fccke, <em>Waiting For 22<\/em> und <em>My Empty Room<\/em>. Ersteres ist instrumental, zweiteres zeigt Nikki als dem Wahnsinn verfallen in seiner Zelle. Und nun kommt der gro\u00dfe Sprung zur\u00fcck an den Anfang &#8211; die letzten Kl\u00e4nge von <em>My Empty Room<\/em> f\u00fchren zu den ersten Kl\u00e4ngen des Albums. Wir sind beim letzten St\u00fcck angekommen.<\/p>\n<p><em>Eyes Of A Stranger<\/em> beginnt mit exakt den gleichen Ger\u00e4uschen und den Lautsprecherdurchsagen wie der Albumanfang. Der Song erz\u00e4hlt nun, dass Nikki in seinem Wahnsinn nicht mehr er selbst ist und sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennt: &#8222;And I raise my head and stare into the eyes of a stranger. I&#8217;ve always known that the mirror never lies.&#8220; Das St\u00fcck nimmt am Ende hin Fahrt auf, Fetzen aus den vorherigen Songs werden untergewoben, die Musik wird wie ein schlechtes Kassettentape immer schneller, bis zum Kollaps und Stille.<\/p>\n<p>Und nun beginnt der Alptraum von ganz vorne: &#8222;I remember now.&#8220;<\/p>\n<p>Das Album enth\u00e4lt noch weitere Querverweise und Hintergr\u00fcnde. Interessant sind sicher auch die Musikvideos zu <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2c3g6tTYoxM\">I Don&#8217;t Believe In Love<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=A4duZjxusGM\">Eyes Of A Stranger<\/a> (leider gek\u00fcrzt um das relevante Ende) und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vAI2QOBMlTA\">Operation: Mindcrime<\/a>. Da werden Teile der Story auch visuell dargestellt. Unverzichtbar f\u00fcrs tiefere Verst\u00e4ndnis ist das reichlich halbst\u00fcndige <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ilNOTmGWqDs\">Video Mindcrime<\/a>. Und dann gibts nat\u00fcrlich noch <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Moz_VkYv4Hc\">Operation: Livecrime<\/a>, aufgenommen als die Band das Album live komplett auff\u00fchrte.<\/p>\n<p>Fazit: Das Album war die absolute Sternstunde der Band, ist aktueller denn je und musikalisch sowieso \u00fcber jeden Zweifel erhaben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf diese Woche hab ich mich schon l\u00e4nger gefreut, denn wir kommen zu einem absoluten Oberhammer von einem Album. Eine Scheibe, die seit der Jahrtausendwende (da lernte ich es kennen) einen festen Platz auf meiner ewigen Top 10 hat. 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