{"id":4366,"date":"2023-04-07T16:35:33","date_gmt":"2023-04-07T14:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4366"},"modified":"2023-04-06T22:19:24","modified_gmt":"2023-04-06T20:19:24","slug":"album-der-woche-166","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/04\/07\/album-der-woche-166\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>In dieser Woche geht es nicht direkt um ein Album, sondern eigentlich nur um einen Song. Denn das Album enth\u00e4lt nur diesen einen Song. Sowas hatten Jethro Tull und \u00e4hnliche Truppen vor 50 Jahren auch drauf, aber die fummelten das im Studio zusammen. Das Album der Woche hingegen wurde live eingespielt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gut, 100%ig live ist es nicht, im Studio wurden hinterher ein paar mehr oder minder passende Soundeffekte dazugebastelt. Aber das tut dem Spa\u00df keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Um wen gehts also? Eine eher unbekannte Band aus dem s\u00fcd\u00f6stlichen Ruhrgebiet, dort wo es langsam ins Sauerland \u00fcbergeht. Aus Hagen n\u00e4mlich. Die formte sich in den sp\u00e4ten 60ern als Sch\u00fclerband, benannte sich sp\u00e4ter um und wurde in den 70ern im Westen des damals geteilten Deutschlands eine der f\u00fchrenden Livebands, mit Shows die sich mit ihren Spezialeffekten nicht vor den Gr\u00f6\u00dften der Branche verstecken brauchte. Sp\u00e4ter wechselte der musikalische Stil in den Wirren der poppigen 80er Jahre und 1989 war Schlu\u00df. Wie hei\u00dft die Band? <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grobschnitt\">Grobschnitt<\/a> hei\u00dft sie.<\/p>\n<p>Und was spielte diese Band? In ihren besten Zeiten in der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre eine Art symphonischen Prog, sehr in Richtung Genesis, Pink Floyd und \u00e4hnlicher Vorbilder von der britischen Insel. Grobschnitt mixten da noch einen ganz eigenen Humor rein (wer hat schon einen S\u00e4nger namens Willi Wildschwein?) und hoben sich damit deutlich von anderen Vertretern ab. Viele dieser Songs waren ausladend und gerne auch mal acht bis zehn Minuten lang. Live wurde da auch bis zum Exzess improvisiert, so dass Songs auch gerne mal noch viel l\u00e4nger wurden.<\/p>\n<p>Das ganz gro\u00dfe Vorzeigest\u00fcck der Band h\u00f6rt auf den Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solar_Music\">Solar Music<\/a>. Es geht zur\u00fcck auf ein Fragment aus den Fr\u00fchtagen der Band namens Sun Trip, dass live schon Jahre vor der ersten Studioaufnahme 1974 gespielt wurde und bei ausnahmslos jedem Grobschnitt Konzert gespielt wurde. In dieser Studioaufnahme dauert die Nummer schon mal \u00fcber eine halbe Stunde, mit einer fiesen Unterbrechnung in der Mitte, weil man ja die Schallplatte rumdrehen musste.<\/p>\n<p>Die erste relevante Livevariante entstand am 7. April 1978 in M\u00fclheim\/Ruhr und wurde auf dem Album <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solar_Music_%E2%80%93_Live\">Solar Music Live<\/a> verewigt &#8211; was denn nun auch das Album der Woche ist. Da dauert das St\u00fcck mal eben 54 Minuten. Die im Tracklisting angegebene Unterteilung neun St\u00fccke kann man getrost vergessen, das St\u00fcck flie\u00dft und m\u00e4andert in wilder Improvisation \u00fcber die volle L\u00e4nge, und hat durch die Ver\u00f6ffentlichung auf CD noch gewonnen, denn nur damit kann man sich das komplette Epos am St\u00fcck reinziehen. Die eingangs erw\u00e4hnten Studionachbesserungen betreffen einen kurzen Akkordeon-Schnipsel nach ungef\u00e4hr drei Vierteln und eine r\u00fcckw\u00e4rts abgespielte Botschaft angehangen an eine Warnung \u00fcber die Verwendung von giftigem Nebel als Show-Gimmick nach rund 20 Minuten. Das mit dem giftigen Nebel ist ein typisches Beispiel f\u00fcr den Grobschnitt-Humor, diverse Pyroeffekte waren Teil ihrer Liveshow. Zum Gl\u00fcck wurde ein Auftritt der Band damals im Rockpalast <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qTih9caEuEg\">mitgefilmt<\/a>.<\/p>\n<p>Wonach klingt das nun? Die beiden Referenzen die mir einfallen sind Shine On You Crazy Diamond von Pink Floyd f\u00fcr einige der ruhigeren Abschnitte und die Liveversion von Space Truckin&#8216; vom Made In Japan-Album von Deep Purple, f\u00fcr die energetischen Parts.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck wurde auch danach noch weiterentwickelt und umarrangiert. So entstand 1979 eine k\u00fcrzere (aber mit 30 min immer noch nicht kurze) und viel druckvollere Version, die als Powerplay bekannt wurde. Um 1985 war man wieder etwas ausladender und mit mehr deutschen Texten beim Namen Sonnentanz angekommen, was die zweite Livever\u00f6ffentlichung des St\u00fccks ist.<\/p>\n<p>Die Band nahm damals aber jede Menge Konzerte auf. Schlagzeuger und Klangzauberer Joachim &#8222;Eroc&#8220; Ehrig machte sich in den letzten 20 Jahren daran, diese B\u00e4nder nach und nach zu restaurieren und als History Of Solar Music zu ver\u00f6ffentlichen. Inzwischen gibt es zwei Dutzend offizielle Aufnahmen, siehe Liste im Wikipedia-Artikel. Meine pers\u00f6nliche Lieblingsversion ist die Aufnahme aus Warburg von 1978 &#8211; sehr \u00e4hnlich zu Solar Music Live, aber ohne die nachtr\u00e4glichen Effekte. Die fr\u00fcheren Versionen sind stellenweise noch etwas hakeliger bei den Improvisationen, die Powerplay-Varianten sind ebenfalls nicht zu verachten, da sind aber die symphonischen Einfl\u00fcsse von Pink Floyd mit ihren Keyboardteppichen nicht mehr vorhanden, die f\u00fcr mich einen Gro\u00dfteil des Reizes ausmachen.<\/p>\n<p>Also: gem\u00fctliches Sofa suchen, Glas Wein dazu, und in Richtung Sonne fliegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche geht es nicht direkt um ein Album, sondern eigentlich nur um einen Song. Denn das Album enth\u00e4lt nur diesen einen Song. Sowas hatten Jethro Tull und \u00e4hnliche Truppen vor 50 Jahren auch drauf, aber die fummelten das im Studio zusammen. 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