{"id":4241,"date":"2023-03-14T16:00:15","date_gmt":"2023-03-14T15:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4241"},"modified":"2023-03-18T17:43:12","modified_gmt":"2023-03-18T16:43:12","slug":"album-der-woche-163","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2023\/03\/14\/album-der-woche-163\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es um das Deb\u00fctalbum einer Band, die ich sehr sch\u00e4tze. Soweit nix ungew\u00f6hnliches, aber f\u00fcr dieses Album wei\u00df ich noch genau, wann und wo ich es gekauft habe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das ist inzwischen auch schon wieder 20 Jahre her, damals war ich noch Studierender (oder wie auch immer man die Leute nennt die sich von Professoren nerven lassen um am Ende einen Zettel zu kriegen der bescheinigt dass man irgendwann mal irgendwas bestimmtes gewusst hat). Und weil man das nicht rund um die Uhr machen kann wurde mal ein Ausflug gemacht, n\u00e4mlich nach Berlin. Dar\u00fcber berichtete ich sogar <a href=\"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2003\/08\/23\/berlin-berlin-wir-fahren-nach-berlin\/\">hier in diesem Blog<\/a>. Cool, wenn man 20 Jahre sp\u00e4ter auf so eine olte Kamelle zur\u00fcckgreifen kann.<\/p>\n<p>Jedenfalls prangte auf einem der Alben vorn drauf eine Zeichnung eines lustig bunt angezogenen Hofnarrs mit Geige. Diese stammt von Mark Wilkinson, der auch Alben von Judas Priest (u.a. Painkiller) und Iron Maiden aufh\u00fcbschte. In erster Linie kennt man ihn aber f\u00fcr seine Werke f\u00fcr <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marillion\">Marillion<\/a> &#8211; und um die geht es heute, womit denn auch klar ist dass das Album der Woche den sch\u00f6nen Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Script_for_a_Jester%27s_Tear\">Script For A Jester&#8217;s Tear<\/a>&#8220; tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Zur musikalischen Einordnung muss man jetzt etwas weiter ausholen. Die New Wave Of British Heavy Metal (mit Iron Maiden und Saxon als Speerspitze) hatte zwischen 1979 und 1982 diverse Klassiker hervorgebracht, andere Bands wie Mot\u00f6rhead und Judas Priest waren ebenfalls schwer angesagt. Im Gegensatz dazu hatte die Punkexplosion von 1977 (Sex Pistols und Co.) ein anderes Genre mehr oder minder komplett in sich implodieren lassen: Den Progressive Rock. Waren Anfang und Mitte der 70er noch zahllose gro\u00dfe und epische Alben ver\u00f6ffentlicht worden (neben vielen anderen von Jethro Tull, Van der Graaf Generator, King Crimson, Pink Floyd und nicht zuletzt Genesis) \u00e4nderte sich das radikal: Statt zwanzigmin\u00fctiger Longtracks hatten Yes und Pink Floyd mit <em>Owner Of A Lonely Heart<\/em> bzw. <em>Another Brick In The Wall<\/em> pl\u00f6tzlich Single-Hits, andere l\u00f6sten sich ganz auf (Emerson, Lake &amp; Palmer), w\u00e4hrend Genesis ihren Sound komplett umkrempelten und mit Phil Collins am Mikro zu einer der erfolgreichsten Pop-Bands der 80er Jahre mutierten.<\/p>\n<p>In dieser Gemengelage tauchten nun also Marillion ab 1982 auf, zun\u00e4chst mit Singles, und dann im M\u00e4rz 1983 mit ihrem Deb\u00fctalbum. Klanglich orientierte sich das extrem am Sound der Fr\u00fchsiebziger-Genesis, was ihnen diverse Kopievorw\u00fcrfe einbrachte. Tja, nur, wenn das Original in Richtung Pop abdriftete war der Fan froh \u00fcber alles, was nach den progressiveren Zeiten klingt &#8211; selbst wenn daran per Definition nix mehr progressiv ist, zehn Jahre alte Sounds in neue Songs zu gie\u00dfen.<\/p>\n<p>Anyway, auf dem Album finden sich sechs Songs, von denen der k\u00fcrzeste schon f\u00fcnfeinhalb Minuten auf die Uhr bringt, die restlichen Songs kommen bis auf einen \u00fcber je acht Minuten. Hier muss man sich also schon ein bissl Zeit nehmen zum Reinh\u00f6ren, nix mit drei Minuten Hitsingle. Trotzdem wurden zwei Singles ausgekoppelt die in England immerhin die Top 40 bzw sogar die Top 20 erreichten.<\/p>\n<p>Das Album wird er\u00f6ffnet vom Titelst\u00fcck, welches sich mit dem Thema Liebeskummer befasst. Das Besondere daran (wie auch am ganzen Rest des Albums) sind die poetischen Worte, die Texter Derek William Dick (genannt Fish) hier findet und in extrem ausdrucksstarker Weise zu Geh\u00f6r bringt (Querverweise auf den fr\u00fchen Peter Gabriel und Peter Hammill von Van der Graaf Generator sind un\u00fcberh\u00f6rbar). Aber zur\u00fcck zum Song: Die Nummer besteht aus mehreren Abschnitten, in denen der Protagonist die Situation aus verschiedenen Ecken beleuchtet: Am beginn das Konstatieren der Situation (&#8222;too late to say I love you, too late to restage the play, the game is over&#8220;), gefolgt von einem ruhigeren Mittelteil (&#8222;As you grow up and leave the playground where you kissed your prince and found your frog&#8220;) in welchem erz\u00e4hlt wird, dass sie wohl mit einem anderen gl\u00fccklich werden wird (&#8222;So I&#8217;ll hold my peace forever when you wear your bridal gown&#8220;) hin zu einem traurig sch\u00f6nen Ende (&#8222;Can you still say you love me?&#8220;). Schon mit diesem einen Song haben sie mich \u00fcberzeugt, dass dieses Album ganz weit oben auf der Liste meiner Lieblingsalben stehen wird.<\/p>\n<p>Weiter geht es mit der ersten Single <em>He Knows You Know<\/em>. Dieses besch\u00e4ftigt sich mit Drogenmissbrauch (&#8222;you&#8217;ve got venom in your stomach, you&#8217;ve got poison in your brain&#8220;). Der Text beschreibt eindringlich die Wirkungen des Drogenkonsums (&#8222;Light switch, yellow fever, crawling up your bathroom wall, singing psychedelic praises to the depths of a china bowl&#8220; &#8211; im \u00fcbrigen die poetischste Umschreibung f\u00fcr Kotzen die ich je gesehen habe), vergleichbar mit <em>Hand Of Doom<\/em> von Black Sabbath, musikalisch aber nat\u00fcrlich ganz anders gelagert.<\/p>\n<p>Dritter Song und damit Abschluss der ersten LP-Seite ist <em>The Web<\/em>. Hier beschreibt Fish eindringlich das Leben in einer Partnerschaft die keine mehr ist, in der man aber noch irgendwie gefangen ist wie die Fliege im Spinnennetz. Man klammert sich an die Erinnerungen einer besseren Vergangenheit (&#8222;Confused and rejected, despised and alone, I kiss isolation on its fevered brow&#8220;), ohne Aussicht auf eine Besserung. Allerdings wagt der Protagonist am Ende den Ausbruch (&#8222;Now I leave you, the past does have it&#8217;s say, you&#8217;re all but forgotten a mote in my heart. Decisions have been made, I&#8217;ve conquered my fears, the flaming shroud. Thus ends the web.&#8220;).<\/p>\n<p>Die zweite Seite beginnt mit positiveren Kl\u00e4ngen, die zweite Single <em>Garden Party<\/em> beschreibt in blumigen Worten eine Festivit\u00e4t der versnobten Upper Class, bei denen es um sehen und gesehen werden geht (&#8222;social climbers polish ladders&#8220;). Fish macht sich \u00fcber die sozialen Regeln lustig (&#8222;please don&#8217;t lie upon the grass, unless accompanied by a fellow&#8220;), beschreibt die Abl\u00e4ufe in wilden Bildern (&#8222;Champagne corks are firing at the sun again&#8220;, &#8222;social leeches quoting Chaucer&#8220;, &#8222;punting on the Cam&#8220;, &#8222;beagling on the downs&#8220;) und karikiert die ganze Oberfl\u00e4chlichkeit (&#8222;Chitters chat and gossips lash, posers pose, pressmen flash&#8220;, &#8222;smiles polluted with false charm, locking on to Royal arms, society columns now ensured, returns to mingle with the crowds&#8220;). Die gr\u00f6\u00dfte Kontroverse l\u00f6ste nat\u00fcrlich eine Zeile auf, in der die verschiedenen Zeitvertreibe aufgez\u00e4hlt werden, die man da so macht: &#8222;I&#8217;m punting, I&#8217;m beagling, I&#8217;m wining, reclining, I&#8217;m rucking, I&#8217;m &#8230;&#8220; &#8211; ja ne, da steht im Originaltext &#8222;miming&#8220; und nicht etwa das b\u00f6se F-Wort, man w\u00e4re ja zum Beispiel bei der altehrw\u00fcrdigen BBC not amused wenn da sowas \u00fcber den \u00c4ther gestrahlt w\u00fcrde &#8211; live klang das nat\u00fcrlich anders. Wie auch immer, der Song wurde zum Klassiker der Band und wird auch heute noch als Zugabe ausgepackt, obwohl die Band sonst eigentlich \u00fcberhaupt nix mehr aus der Fish-\u00c4ra spielt (die ja schon 1989 endete).<\/p>\n<p>Weiter geht es mit Chelsea Monday. Das St\u00fcck dreht sich um die tote Leiche einer jungen Frau, die man aus der Themse gefischt hat und die Tr\u00e4ume, die diese Frau hatte. Vom Leben als Filmstar, als Model, bekannte Schauspielerin (&#8222;She&#8217;s playing the actress in this bedroom scene, she&#8217;s learning her lines from glossy magazines&#8220;). Pointiert bringt Fish es in den er\u00f6ffnenden Zeilen auf den Punkt: &#8222;Catalogue princess, apprentice seductress, hiding in her cellophane world in glitter town&#8220;, wobei die zweite Zeile am Ende des Songs in &#8222;buried in her cellophane world in glitter town&#8220; abge\u00e4ndert ist.<\/p>\n<p>Das letzte St\u00fcck und gleichzeitig das f\u00fcr mich zweite ganz gro\u00dfe Highlight neben dem Titelsong ist <em>Forgotten Sons<\/em>. Das besch\u00e4ftigt sich mit dem damals sehr pr\u00e4senten Nordirland-Konflikt (&#8222;Death in the shadows he&#8217;ll maim you, he&#8217;ll wound you, he&#8217;ll kill you, for a long forgotten cause on not so foreign shores&#8220;). Der Song besteht wiederum aus mehreren Teilen und beschreibt die Erlebnisse der Soldaten, erhebt aber auch direkt Anklage (&#8222;asking questions, pleading answers from the nameless faceless watchers that stalk the carpeted corridors of Whitehall&#8220;). Das kulminiert dann in einem von einer epischen Gitarre getragenen Schlussteil mit einem der besten Texte, die zum Thema Krieg je verfasst wurden (und das ist leider aktuell wieder verdammt aktuell und wird deswegen in G\u00e4nze zitiert):<\/p>\n<blockquote><p>You&#8217;re just another coffin on its way down the emerald aisle<br \/>\nWhen your children&#8217;s stony glances mourn your death in a terrorist&#8217;s smile<br \/>\nThe bomber&#8217;s arm placing fiery gifts on the supermarket shelves<br \/>\nAlley sings with shrapnel detonate a temporary hell<br \/>\nForgotten Sons<\/p>\n<p>From the dole queue to the regiment, a profession in a flash<br \/>\nBut remember Monday signings when from door to door you dash<br \/>\nOn the news a nation mourns you unknown soldier, count the cost<br \/>\nFor a second you&#8217;ll be famous but labelled posthumous<\/p>\n<p>Forgotten sons, forgotten sons<br \/>\nPeace on earth and mercy mild, Mother Brown has lost her child<br \/>\nJust another Forgotten Son<\/p><\/blockquote>\n<p>Fazit: Ein ganz gro\u00dfes Album. Ja, stellenweise klingt es schwer nach Genesis, aber ist das wirklich schlimm? Die Texte sind der Oberhammer, und musikalisch passt hier auch fast alles.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es um das Deb\u00fctalbum einer Band, die ich sehr sch\u00e4tze. 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