{"id":4125,"date":"2022-08-16T18:54:59","date_gmt":"2022-08-16T16:54:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/?p=4125"},"modified":"2022-08-15T22:53:08","modified_gmt":"2022-08-15T20:53:08","slug":"album-der-woche-133","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2022\/08\/16\/album-der-woche-133\/","title":{"rendered":"Album der Woche"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es in den Fernen Osten, denn da wurde vor einem halben Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben. Nur ahnte das damals keiner der Beteiligten, wie das bei epochalen Entdeckungen oft so ist. Gut, wenns hinkt ist es ein Vergleich, denn es geht nicht um epochale Entdeckungen, sondern nur um die Feststellung dass man auch mit einem billigst produzierten Album mit sehr wenig Aufwand unheimlich viel Geld verdienen kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber der Reihe nach. Mitte August 1972 waren Deep Purple f\u00fcr drei Konzerte in Japan, um ihr aktuelles Album &#8222;Machine Head&#8220; (vor einigen Monaten hier besprochen) zu promoten. Diese drei Konzerte wurden aufgenommen, weil die Plattenfirma ein besonderes Etwas f\u00fcr den japanischen Markt haben wollte, und ein Livealbum mit wenig Aufwand verbunden w\u00e4re. Heraus kam &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Made_in_Japan_(Deep_Purple_album)\">Made In Japan<\/a>&#8220; und damit die Blaupause f\u00fcr quasi jedes Livealbum einer Rockband \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Die drei Konzerte (Osaka am 15.8. und 16.8. sowie Tokio am 17.8. &#8211; die ersten Auftritte der Band in Japan \u00fcberhaupt) wurden aufgenommen &#8211; auf absolut minimalistischem Ger\u00e4t. Produzent Martin Birch bastelte daraus quasi im Alleingang das Album, die Band erschien nicht mal vollz\u00e4hlig zum Mix. Einige Mitglieder sollen angeblich das Album bis heute nicht komplett geh\u00f6rt haben. Das bedeutet auch dass das Ergebnis nicht durch weitere Studionachbearbeitungen verbessert wurde, wie es bei anderen Livealben passierte. Ebenso gingen die Meinungen \u00fcber das Ergebnis auseinander. Ian Gillan zum Beispiel hatte grade erst eine Erk\u00e4ltung gehabt und fand seine Gesangsleistung ausgesprochen schlecht (womit er wohl der einzige auf der ganzen weiten Welt ist der das so sah). Schlagzeuger Ian Paice hingegen war begeistert. Lediglich in zwei Punkten waren sich alle ziemlich einig: Die Auftritte selbst waren einige der besten der damaligen Besetzung und die Qualit\u00e4t der Aufnahmen war gemessen an der verf\u00fcgbaren Technik schlicht gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Das Ergebnis war ein Doppelalbum, welches die Band nur in Japan ver\u00f6ffentlicht haben wollte. Die Plattenfirma brachte das Album trotzem Ende 1972 in Europa in den Vertrieb, wo es sich verkaufte wie das sprichw\u00f6rtliche geschnittene Brot. In den USA erschien das Album ein halbes Jahr sp\u00e4ter, nachdem sie merkten in welchen Mengen Importe aus Europa verkauft wurden. Zus\u00e4tzlich wurde auch <em>Smoke On The Water<\/em> als Single ausgekoppelt und kam in die Top 10. Die Band hingegen sah das Album als eine Art Bonus oder Extra und hatte eigentlich den Fokus aufs n\u00e4chste Studioalbum gelegt. Die Ver\u00f6ffentlichungspolitik der Plattenfirmen zahlte sich hier also ausnahmsweise mal f\u00fcr alle Fans aus.<\/p>\n<p>Nach so viel blabla \u00fcber die Hintergr\u00fcnde kommen wir nun endlich auch mal zum Inhalt: Das originale Album enth\u00e4lt sieben Songs, der Gro\u00dfteil aufgenommen am 16.8. Zwei Songs stammen aus der Show am Tag danach, die zwar aus Bandsicht die Beste, aber gleichzeitig die mit der schlechtesten Aufnahmequalit\u00e4t war. <em>Smoke On The Water<\/em> stammt aus der Show vom Vortag, auf den Grund daf\u00fcr komme ich noch zu sprechen.<\/p>\n<p>Die Show beginnt mit <em>Highway Star<\/em>, dass sich noch recht nah an der Studioversion orientiert. Es folgt <em>Child In Time<\/em> und damit der Beweis dass Ian Gillan auch live so hoch schreien kann wie im Studio. Die Solosektion in der Mitte ist l\u00e4nger als in der Studiofassung, wenn auch nur um zwei Minuten. Nun darf der geneigte H\u00f6rer der LP schon die B-Seite auflegen. Diese beginnt mit <em>Smoke On The Water<\/em>, dass um ein markantes und leicht ver\u00e4ndertes Introriff erg\u00e4nzt wird, welches so nie wieder gespielt wurde. Danach folt mit <em>The Mule<\/em> der einzige Song des &#8222;Fireball&#8220;-Albums. Hier gibt Ian Paice sein Schlagzeugsolo zum Besten, und schon ist auch diese Seite durch. LP Nummer 2 enth\u00e4lt nun noch <em>Strange Kind Of Woman<\/em> und eine um viel Georgel aufgebohrte Version von <em>Lazy<\/em>. Den gro\u00dfen Abschluss bildet auf der B-Seite der zweiten Scheibe nun eine epochal gepimpte Version von <em>Space Truckin&#8216;<\/em>, die auf stattliche 20 Minuten Laufzeit kommt. In dieses furiose Finale flechtet die Band diverse Anleihen klassischer Werke ein und den Instrumentalteil findet man als Bandarch\u00e4ologe auch auf \u00e4lteren Livemitschnitten in anderen Songs.<\/p>\n<p>Im Zeitalter von CDs wurde das Album nat\u00fcrlich auch auf dieses Medium \u00fcbertragen, so dass man das nun auch endlich mal ohne l\u00e4stiges Umdrehen der LP-Seiten genie\u00dfen konnte. Hinzu kamen je nach Format noch Bonustitel. In meinem Schrank steht die 25th Anniversary Edition mit drei Zugaben (<em>Black Night<\/em>, <em>Speed King<\/em> und <em>Lucille<\/em>). Als komplettistischer Fan brauchte ich zus\u00e4tzlich das &#8222;Live In Japan&#8220; 3CD-Set, was die Mitschnitte aller drei Konzerte enth\u00e4lt, obgleich auch unvollst\u00e4ndig und teilweise durcheinandergew\u00fcrfelt, damit alles auf die CDs passt. Wichtigste \u00c4nderung gegen\u00fcber dem urspr\u00fcnglichen Album: Die Position von Gitarre und Orgel im Stereomix wurde korrigiert &#8211; im urspr\u00fcnglichen Mix waren beide so angeordnet wie es aus Sicht der Band auf der B\u00fchne war (Gitarre links, Orgel rechts), nicht so wie man es als Zuschauer mit Blick auf die B\u00fchne wahrgenommen h\u00e4tte (Orgel links, Gitarre rechts). Mit beiden Alben zusammen fehlt einem nur noch ein Zugabetitel, der erstmalig 2002 im &#8222;Listen, Learn, Read On&#8220; Boxset enthalten war. 2014 erschien auch ein CD-DVD-Set mit allen Aufnahmen in chronologisch korrekter Ordnung, keine Ahnung ob es das noch zu zivilen Preisen im Handel gibt.<\/p>\n<p>Mit all diesen Aufnahmen ist nun auch klar, warum <em>Smoke On The Water<\/em> mit der Aufnahme vom 15.8. vertreten ist: Am 16.8. verspielte sich Ritchie Blackmore beim Er\u00f6ffnungsriff leicht, und am 17.8. verspielte er sich richtig heftig. Ansonsten halte ich die Aufnahmen vom 17.8. f\u00fcr die st\u00e4rksten, weil sich die Band richtig eingegroovt hat und man auch mehr vom Publikum mitkriegt. Der allercoolste Moment des Albums ist jedoch ganz am Ende von Space Truckin&#8216;. Da gibt es eine Stelle von ungef\u00e4hr 8 Sekunden purer Stille &#8211; man k\u00f6nnte die sprichw\u00f6rtliche Stecknadel fallen h\u00f6ren, wenn denn eine runterfiele. Ich kann mir dazu nur vorstellen dass da grade Zehntausend Japaner mit offenem Mund vor der B\u00fchne stehen und erstmal realisieren m\u00fcssen, dass die Tour de Force der letzten 20 Minuten pl\u00f6tzlich und unvermittelt ans Ende gekommen ist, bevor dann frenetischer Jubel aufbrandet.<\/p>\n<p>Das Album verkaufte sich, sehr zur \u00dcberraschung der Band, nicht nur gewaltig gut, sondern es ebnete auch den Weg f\u00fcr andere gro\u00dfe Livealben der 70er Jahre: Judas Priest, die Scorpions und Cheap Trick nahmen in Japan Livealben auf. Kiss, Queen, Status Quo, Thin Lizzy, UFO und einige andere ver\u00f6ffentlichten legend\u00e4re Livemitschnitte. Bis heute gilt das Album als eine der besten &#8211; wenn nicht die beste &#8211; Liveaufnahme von Deep Purple (und das bei der un\u00fcberschaubaren Anzahl von Livealben die es von ihnen gibt). Und vielleicht waren diese drei Konzerte in Japan die rockgeschichtlich wichtigsten Konzerte \u00fcberhaupt &#8211; auf einer Ebene mit Woodstock, dem ersten Fernsehauftritt von Elvis, Live Aid und \u00e4hnlich epochalen Bedeutsamkeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche geht es in den Fernen Osten, denn da wurde vor einem halben Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben. Nur ahnte das damals keiner der Beteiligten, wie das bei epochalen Entdeckungen oft so ist. 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