{"id":1723,"date":"2014-09-17T21:10:42","date_gmt":"2014-09-17T19:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.at\/?p=1723"},"modified":"2014-09-17T21:10:42","modified_gmt":"2014-09-17T19:10:42","slug":"oh-ich-hab-solche-sehnsucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2014\/09\/17\/oh-ich-hab-solche-sehnsucht\/","title":{"rendered":"&#8222;Oh, ich hab solche Sehnsucht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;ich verlier den Verstand, ich will wieder an die Nordsee, ich will zur\u00fcck nach Westerland.&#8220; Dieses Zitat stammt bekannterma\u00dfen von der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_%C3%A4rzte\">besten Band der Welt<\/a> und beschreibt hinreichend genau das Motto des Tages.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gut, einige Leute k\u00f6nnten jetzt dagegen argumentieren, dass das mit dem Verstand verlieren bei mir in Ermangelung desselben nicht so einfach ist, au\u00dferdem steht da was von &#8222;wieder&#8220; und &#8222;zur\u00fcck&#8220; was faktisch falsch ist, weil ich noch nie vorher an der Nordsee war. Aber von solchen Kleinigkeiten l\u00e4sst sich ein Uwe nicht aufhalten. Und so sa\u00df ich 4:23 Uhr etwas verkatert (f\u00fcnf Mark in die Wortspielkasse) im Bummelzug nach Leipzig. Das aufregendste an der Fahrt durch Dunkelsachsen war der letzlich erfolgreiche Versuch, nicht gleich wieder einzuschlafen.<\/p>\n<p>Dort angekommen tigerte ich zum ICE, der kurz vor sechs die Fahrt in Richtung Berlin antrat. Drau\u00dfen wars duster, das Aussteigen verpassen war jetzt eher schwierig, also holte ich erstmal fehlenden Nachtschlaf nach. Aufgewacht bin ich dann im Berliner Hauptbahnhof, als die lokale Schlipstr\u00e4gervereinigung den Zug st\u00fcrmte, der passend morgens um sieben von dort Richtung Hamburg f\u00e4hrt. Nachdem sich alles sortiert hatte rollten wir einigerma\u00dfen z\u00fcgig durchs norddeutsche Flachland, nur aufgeschreckt aufgrund einer Durchsage &#8222;Wenn ein Arzt oder Sanit\u00e4ter an Bord ist, bitte melden sie sich in Wagen sowieso, ein Fahrgast ben\u00f6tigt Hilfe&#8220;. Das war jetzt schon das zweite Mal in zwei Wochen, dass dies notwendig war. So hielten wir au\u00dferplanm\u00e4\u00dfig in Ludwigslust am Bahnsteig und warteten auf den Notarztwagen, der auch mit vielen blauen Lichtern bewaffnet heranrollte. In Hamburg hatten wir dadurch rund 15 Minuten Versp\u00e4tung, meinem Umstieg in Richtung Sylt tat das aber keinen Abbruch. Wenn es mit dem Umsteigen nicht geklappt h\u00e4tte, w\u00e4re ich den ganzen Tag (es war ja erst 9 Uhr morgens) in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Miniatur_Wunderland\">Hamburger Modellbahn<\/a> versackt.<\/p>\n<p>So sa\u00df ich dann aber doch im IC nach Westerland, der sich erstmal durch Hamburg qu\u00e4lt, anschlie\u00dfend bis nach Itzehoe bummelt und sich dort erstmal die R\u00e4der plattsteht. Grund daf\u00fcr ist der notwendige Lokwechsel, bis Itzehoe gibts Fahrdraht, dahinter wird dann mit 100% \u00d6kostrom (behauptet die Bahn ja in der Werbung) in Richtung Norden gedieselt&#8230; Die Fahrt durch Schleswig-Holstein ist ungemein aufregend und l\u00e4sst den Touristen v\u00f6llig atemlos zur\u00fcck: Links gibt es Wiesen mit schwarz-wei\u00df gescheckten K\u00fchen und dahinter einzelne Baumgruppen und solit\u00e4re Windr\u00e4der im Hintergrund, rechts hingegen gibt es solit\u00e4re Windr\u00e4der und Baumgruppen sowie Wiesen mit braunen K\u00fchen. Etwas Abwechslung gibt es zwischendrin nur, weil man einen langgezogenen Damm hinauff\u00e4hrt, der f\u00fcr die Gegend v\u00f6llig untypisch hoch ist. Links und rechts stehen jedoch B\u00e4ume, so dass man nix sieht. Das \u00e4ndert sich irgendwann abrupt, und pl\u00f6tzlich schwebt man <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hochbr%C3%BCcke_Hochdonn\">40 Meter \u00fcber der Erde<\/a>, blickt von oben auf die Br\u00fccke eines Ozeandampfers und sieht im Hintergrund je nach Richtung Rendsburg und die Nordsee oder viel flaches Land mit dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nord-Ostsee-Kanal\">Nord-Ostsee-Kanal<\/a> mittendrin. Auf der anderen Seite gehts dann langsam wieder runter und man kann sich weiter dem Z\u00e4hlen der lokalen Milchproduktionseinheiten widmen.<\/p>\n<p>In Nieb\u00fcll wird dann herumrangiert, das anachronistische Konzept der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurswagen\">Kurswagen<\/a> findet hier noch Anwendung. Aufgrund dieser ganzen Unterbrechungen dauert die Fahrt f\u00fcr 240 km auch sagenhafte dreikommairgendwas Stunden, was jetzt nicht unbedingt rekordverd\u00e4chtig schnell ist. Und die Nordsee versteckt sich immer noch hinterm Deich. Einen echten Blick aufs Wasser kann man erst auf dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hindenburgdamm\">Hindenburgdamm<\/a> werfen. Und wenige Minuten sp\u00e4ter ist man dann am n\u00f6rdlichen Ende Eisenbahndeutschlands angekommen und steht am Bahnhof Westerland.<\/p>\n<p>Aufgrund meiner \u00fcberragend wahnsinnigen (oder auch wahnsinnig \u00fcberragenden) Zeitplanung hatte ich laut Plan eine knappe Stunde Zeit bis zur R\u00fcckfahrt. Da der Zug nicht so ganz p\u00fcnktlich in Westerland ankam, blieben davon noch etwas \u00fcber 40 Minuten \u00fcbrig. Das reichte aber aus, um einmal \u00fcber die Promenade zum Strand zu promenieren (oder besser gesagt: von den Touristenhorden dahin geschoben zu werden). Am Strand angekommen war dann prompt der Akku meines tragbaren Krawallger\u00e4tes alle, und nach dem Einlegen eines neuen Akkus ert\u00f6nte der einzig passende Song, den man an so einem Ort h\u00f6ren kann: N\u00e4mlich der eingangs erw\u00e4hnte. So zog ich mit einem etwas d\u00e4mlich grenzdebilen Grinsen im Gesicht wieder von dannen, kaufte noch ein paar Ansichtskarten, sch\u00fcttelte den Kopf \u00fcber beknackte Radfahrer (rote Ampeln gelten ja immer nur f\u00fcr die anderen) und enterte p\u00fcnktlich den IC zur R\u00fcckfahrt (was haargenau der gleiche Zug war, mit dem ich auf der Insel angekommen war).<\/p>\n<p>Man kann das jetzt beknackt finden, f\u00fcr 45 Minuten Sylt mitten in der Nacht aufzustehen, andererseits kann man nat\u00fcrlich auch die Frage stellen: Warum nicht? Aufgrund der Verkehrsanbindung und meinem allgemeinen Desinteresse am Strandurlaub werde ich da so schnell nicht wieder hinkommen. Schnell hinkommen tut man ja aufgrund der exorbitanten Bahnverbindung ohnehin nicht. Wegkommen allerdings ebensowenig, denn der Zug musste jetzt die ganze Strecke wieder zur\u00fcckgurken. Ich knipste am Nord-Ostsee-Kanal ein paar Fotos aus dem Zug heraus, verschlief einen Teil der Fahrt und \u00e4rgerte mich am Ende \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der Bahn: Mittem im holsteinischen Hindukusch standen wir herum und warteten drauf, dass ein Bahn\u00fcbergang die Schranken herunterlie\u00df&#8230; Das f\u00fchrte zu einer Versp\u00e4tung von 15 Minuten, so dass ich im Geiste schon meinen Anschluss in Hamburg ohne mich abfahren sah.<\/p>\n<p>Allerdings musste eben dieser Anschluss auch erst durch das Nadel\u00f6hr zwischen Altona und Hauptbahnhof, was er hinter unserem IC tat, so dass ich einerseits ganz gem\u00fctlich umsteigen konnte, andererseits schon bei der Abfahrt aus Hamburg wieder 15 Minuten Versp\u00e4tung hatte. Da half auch der sch\u00f6ne Blick auf die Hamburger Skyline samt Hafen nur bedingt. Der Zug gondelte dann mit gem\u00fctlichen 200 Sachen durch eine v\u00f6llig reizlose Waldlandschaft &#8211; immer wenn man mal was interessantes h\u00e4tte sehen k\u00f6nnen, hatte man dort L\u00e4rmschutzw\u00e4nde hingepflanzt. Die Versp\u00e4tung ver\u00e4nderte sich auch nicht weiter, und kurz vor der Einfahrt nach Hannover kam dann die denkbar d\u00e4mlichste Ansage, die ich mir in dieser Situation vorstellen konnte: &#8222;Nicht warten kann der IC hastenichgesehen nach Leipzig \u00fcber Magdeburg&#8220;<\/p>\n<p>Da stand ich nun am Bahnsteig und studierte den Fahrplanaushang. Der n\u00e4chste Zug nach Magdeburg fuhr eine Stunde sp\u00e4ter. Dann fiel mir der Regionalbummelzug Richtung Halle auf, der n\u00f6rdlich am Harz vorbei f\u00e4hrt und mir mittels eines Umsteigen in Aschersleben die Verbindung nach G\u00fcsten erm\u00f6glichte. Und ob ich nun um 21:56 Uhr auf Gleis 3 oder um 21:56 Uhr auf Gleis 2 ankommen w\u00fcrde, ist dann auch mal relativ Bockwurst. So oder so w\u00e4rs eine Stunde nach Plan. Allerdings fuhr der Zug Richtung Aschersleben bereits in 15 Minuten, und er fuhr eine Strecke, die ich bis dato noch nicht kannte. Also langer Rede kurzer Sinn: Ich wurde dann im Diesel-Wackeldackel \u00fcber Hildesheim, Goslar, Bad Harzburg und weitere Nester in Richtung Aschersleben kutschiert.<\/p>\n<p>Optisch macht die Strecke einiges her so mit den Bergen im Hintergrund, andererseits sagen sich dort auch Fuchs und Hase Gute Nacht. Die zunehmende Dunkelheit verunm\u00f6glichte eine tiefgreifendere Landschaftsbetrachtung ab Vienenburg, und sp\u00e4testens ab Wernigerode (wo man immerhin das hell angestrahlte Schloss sehen konnte) wars dann endg\u00fcltig zappenduster. Ab dort kannte ich die Strecke dann aber auch, und in Aschersleben umsteigen ist jetzt auch nicht unbedingt das gr\u00f6\u00dfte Highlight &#8211; \u00fcberraschend war allenfalls die Anzahl der um die Zeit noch herumreisenden Nachtschw\u00e4rmer. Und damit kam ich dann nach einem verdammt langen Tag am h\u00e4sslichsten Bahnhof Deutschlands an, gr\u00fc\u00dfte daheim angekommen kurz meine Eltern und fiel ohne weitere Erkl\u00e4rungen ins Bett. Und damit war meine Urlaubsherumreiserei 2014 abgeschlossen, es folgte nur noch eine Fahrt, n\u00e4mlich zur\u00fcck nach Erlangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;ich verlier den Verstand, ich will wieder an die Nordsee, ich will zur\u00fcck nach Westerland.&#8220; Dieses Zitat stammt bekannterma\u00dfen von der besten Band der Welt und beschreibt hinreichend genau das Motto des Tages.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1723"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1723"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1723\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1723"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1723"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1723"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}