{"id":1022,"date":"2011-01-08T14:19:24","date_gmt":"2011-01-08T13:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/uwe.s2000.at\/?p=1022"},"modified":"2011-01-08T14:19:24","modified_gmt":"2011-01-08T13:19:24","slug":"abschweifende-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/2011\/01\/08\/abschweifende-gedanken\/","title":{"rendered":"Abschweifende Gedanken"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man nach drei Wochen Fronturlaub &#8211; also drei Wochen Aufenthalt an der Heimatfront &#8211; wieder im Zug sitzt und sich so den tristen grauen wolkenverhangenen Himmel und die wegtauenden schmutzigen stumpfen Schneereste anguckt, die schneller oder langsamer an einem vorbeiziehen, dann hat man pl\u00f6tzlich viel Zeit, die Gedanken zu sammeln und zu rekapitulieren, was sich da so abgespielt hat.<\/p>\n<p><!--more-->Im Wesentlichen hab ich ja \u00fcber die Feiertage gar nichts gemacht, d.h. vor Weihnachten war ich kr\u00e4ftig am Pl\u00e4tzchenbacken, weil sowas ja sonst keiner macht &#8211; meine Mutter hat keine Zeit, mein Vater k\u00fcmmert sich lieber um so wichtige Dinge wie Weltfrieden und Weihnachtsbaumschmuck, und mein Lieblingsbruder ist ohnehin nachtaktiv und daher tags\u00fcber nicht ansprechbar.<\/p>\n<p>Nach der ganzen Backerei ist dann pl\u00f6tzlich Weihnachten, die ganze liebe Verwandtschaft, die man sonst nie auf einen Haufen sieht\u00a0 sitzt um den gedeckten Kaffeetisch und dann gehts los mit dem gro\u00dfen Kaffeeklatsch: Was gibts alles Neues, wer hat welche Krankheiten, wer ist gestorben, wer hat geheiratet, wo gabs Nachwuchs, bei wem steht &#8217;ne Scheidung ins Haus? Das volle Ballett also. In diesem Zusammenhang kommt dann nat\u00fcrlich sofort die Frage, wann ich denn endlich mal gedenke, mein Singledasein aufzugeben und geordnete Verh\u00e4ltnisse zu schaffen. Da ich ja manchmal nicht ganz doof bin, gibts auf diese dumme Frage eine ebenso dumme Antwort der Sorte &#8222;Wozu geordnete Verh\u00e4ltnisse, dann gibts ja gar nix mehr \u00fcber Scheidungen, Trennungen und sonstigen Quatsch zu tratschen&#8220;, und dann ist meistens auch Ruhe, und man regt sich weiter \u00fcber doofe Politiker, die Steuern oder wenigstens das Wetter auf.<\/p>\n<p>Dann gibts aber auch noch einzelne Familienmitglieder, die k\u00f6nnen bei dem Thema nicht lockerlassen und flechten das dann ganz geschickt in andere Diskussionen mit ein. Und so sieht man sich dann pl\u00f6tzlich mitten in einem Gespr\u00e4ch zum Thema Steuererkl\u00e4rung mit der Feststellung konfrontiert, dass ich doch die Steuerklasse \u00e4ndern sollte, weil ich so Geld sparen kann&#8230; Is recht, und daf\u00fcr hab ich dann nicht absetzbare Kosten f\u00fcr alle m\u00f6glichen anderen Dinge an der Backe.<\/p>\n<p>Immerhin hatte sich das Thema dann nach Weihnachten erstmal erledigt, da gings dann nur noch um Essensplanungen und \u00c4rger, weil ich mich nur noch zwischen Bett in meinem Kabuff und Sofa im Wohnzimmer bewege und da im Haus schon tiefe Gr\u00e4ben entstanden seien durch die Abnutzung. Ich h\u00e4tte aus R\u00fccksicht auf den geschundenen Wohnzimmerteppich die n\u00e4chsten Tage meine Bude gar nicht erst verlassen sollen, da h\u00e4tte ich meine Ruhe gehabt. Mein Bruder hats ja clever eingef\u00e4delt und sich zwecks Silvester feiern verd\u00fcnnisiert, also musste ich dann eben als wandelnde Provokation herhalten, wenn man schon zu sonst taugt.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt gibt es ja Leute in der Familie, die scheinen ganz genau zu wissen, warum ich nach wie vor alleine durchs Leben gehe. Und da kriegt man dann ungefragt so tolle Vorschl\u00e4ge zu h\u00f6ren wie &#8222;Du darfst nicht so hohe Anspr\u00fcche haben!&#8220; Ja nee, is klar. Ich und hohe Anspr\u00fcche, na wo werd&#8216; ich denn? 90-60-90 und dauerwillig, dabei aber keinefalls billig, oder so. W\u00fcrde mir doch im Traum nicht einfallen, hohe Anspr\u00fcche zu haben. Macht die Familie ja vor mit den niedrigen Anspr\u00fcchen. Wie bei der Hochzeitszeitung damals zur Silberhochzeit. Gut, die Zeitung hatte 150 A4-Seiten und &#8217;n Hardcovereinband. Hat mich ein halbes Jahr Arbeit gekostet, und durch &#8217;ne Pr\u00fcfung bin ich in der Zeit auch gerasselt. Und was krieg ich dann zu h\u00f6ren? &#8222;Da fehlt ein Komma, dort sind zwei Rechtschreibfehler, hier ist ein Sachfehler und \u00fcber das Kapitel verteilt ist der Ausdruck verbesserungsf\u00e4hig.&#8220; Jau, und da soll ich nicht so hohe Anspr\u00fcche haben?<\/p>\n<p>So hohe Anspr\u00fcche hab ich ja im \u00dcbrigen auch gar nicht: Sie sollte einigerma\u00dfen vern\u00fcnftig sein und zu mir passen, mal so ganz allgemein formuliert. Das reicht in der Form auch schon als KO-Kriterium. Mit Vernunft sind ja in den heutigen unvern\u00fcnftigen Zeiten sowieso nur die allerwenigsten gesegnet (wobei ich mir ja nach wie vor nicht sicher bin, ob ich damit geschlagen bin), und sp\u00e4testens bei der Kompatibilit\u00e4t zu meinem Querkopf h\u00f6rts dann sowieso auf.<\/p>\n<p>So, Ankunft in Leipzig, Umsteigen in den ICE Richtung N\u00fcrnberg, mit reserviertem Fensterplatz. Das ist ja das Sch\u00f6ne am Reisen, dass man einfach stur in die Landschaft gucken kann und sich nicht auf die Stra\u00dfe konzentrieren muss. Gut, wenn man nat\u00fcrlich so einen tollen Platz erwischt wie ich, dann sieht man die Wand. Wenn ich den Deppen erwische, der die Sitzplatzabst\u00e4nde so optimiert hat, dass man mehr Sitzreihen mit weniger Beinfreiheit und noch weniger Fenster in den Waggon quetschen kann, den schick ich auf eine Deutschlandrundreise &#8211; im G\u00fctercontainer. Aber gut, das Wetter war eh mies &#8211; hellgrau in dunkelgrau, neblig-diesig mit Regen und allgemein zum Abgew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Also nutzt man dann die Chance, sich mal im Waggon umzuschauen, was da sonst noch so f\u00fcr Gestalten rumsitzen. Da kann man ja die tollsten Feldstudien treiben. Da gibts viele, die lesen B\u00fccher. Dann gibts die Zeitungs- und Illustriertenleser, die Filmgucker mit Laptop und Ohrst\u00f6pseln, die Handyspielespieler, Vieltelefonierer, Studentinnen mit Aktenordnern und bunten Textmarkern, Jungm\u00fctter, die ihrem Nachwuchs hinterherrennen, DB-Personal auf Freifahrt, aber fast niemanden, der sich dieses Panoptikum von Typen mal anguckt &#8211; alle wie in Trance mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Reisen nur als Mittel zum Zweck, m\u00f6glichst schnell von hier nach da, stromlinienf\u00f6rmig, optimiert, auf Effizienz getrimmt. Schon erstaunlich.<\/p>\n<p>Und so kommt man schlie\u00dflich wieder im wilden Westen an, bei str\u00f6mendem Regen, f\u00e4hrt mit dem Bus durch den Berufsverkehr nach Hause und stellt am Ende des Tages fest, dass man doch eigentlich ein ganz tolles Leben hat: Man hat Arbeit, man hat Geld, ist krankenversichert und nicht krank (h\u00f6chstens so geistesgest\u00f6rt wie der Rest der Gesellschaft), man muss nicht mitten in der Nacht aufstehen und nach dem schreienden Kind sehen, dem im Schlaf der Lieblingsteddy aus dem Bett gekullert ist, man wird nicht schief angeschaut, wenn man erst nach 11 in die Puschen kommt, und man hat &#8217;ne Bettdecke, die man sich um die F\u00fc\u00dfe wickeln kann und die trotzdem noch bis \u00fcber die Schultern reicht. Es k\u00f6nnte mir also bedeutend schlechter gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man nach drei Wochen Fronturlaub &#8211; also drei Wochen Aufenthalt an der Heimatfront &#8211; wieder im Zug sitzt und sich so den tristen grauen wolkenverhangenen Himmel und die wegtauenden schmutzigen stumpfen Schneereste anguckt, die schneller oder langsamer an einem vorbeiziehen, dann hat man pl\u00f6tzlich viel Zeit, die Gedanken zu sammeln und zu rekapitulieren, was [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1022"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1022"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1022\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1022"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1022"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.domaratius.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1022"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}